Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1876)
- Date
- 1876-11-14
- Page
- Seite 744 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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744 das heutzutage definitiv in Frankreich sich etablirt hat. Diese mildthätige Familie hat sogar bei uns eine Hanvwerksfchule gegründet nur allein für die Kinder der Armen. Ich habe deren noch ganz junge gesehen, die nach einem Jahre Lehrzeit bei den französischen Schuhmachern sich schon eine Kundschaft bilden. Aber abgesehen von dieser großmüthigen Familie, herrscht zum großen Unglück der Israeliten des Orients — Sephardim — der krasseste Egoismus und die größte Gleichgiltigkeit! Wir haben in Konstantinopel drei Journale in spanischer Sprache, die bei uns am verbreitetsten ist, und mit rabbinifcher Schrift: bas eine dieser Blätter, das beste, hat aushören müffen zu erscheinen, aus Mangel an Abonnenten, und die beiden anderen zählen zusammen höchstens zweihundert Abonnenten.— Was die Gemeinde als solche betrifft, so ist es als wenn sie gar nicht bestände. Früher gab es einen Rath der Notablen, der öfter den Großrabbiner aufklärte und unterstützte mit seinen Rathschlägen und seinem Einsiuffe; seit einigen Jahren ist dieser Rath auch in das Nichts versunken. Sie sehen, daß es nicht gerade die Vereinigung ist, die unter unsren Brüdern im Orient herrscht. Z. Rumänien. Fokschani, 29. October. (Privatmitth.) Der den Lesern aus meinem Berichte bekannte Unterpräfect Popatzu, welcher nur d i e Juden in Ruhe ließ, welche seine Bertreibungslaunen mit goldenen Füchsen zu verscheuchen vermochten, ist seines Amtes enthoben und vom hiesigen Appellaticnshose zu Gefängniß und Geldstrafe verurtheilt worden. Man denke aber nicht, daß dies wegen seiner Versündigungen an den Juden oder seiner Bestechlichkeit wegen geschehen ist — denn die Hauptschuldigen gingen leer aus. Dahingegen ist dem loyalen Präsecten Remus Opreanu vor einigen Tagen seine Entlassung gegeben und wurde er von einem Foti Robescu ersetzt, der als Judenhasser bekannt ist. Bukarest, 30. Oktober. Der „9!. fr. Pr." schreibt man von hier folgende bezeichnende und betrübende Nachrichten. Unlängst machte der Minister des Innern, Vernescu, einen Besuch in Jassy. Die maßgebenden Persönlichkeiten von dort machten ihn auf die großen Fortschritte aufmerksam, welche die zweite Hauptstadt des Landes in den letzten fünf Jahren gemacht. Erzürnt erwiderte ihnen der Minister, sie sollten nicht nur so stolz auf diese Erfolge sein, denn den Nutzen davon zögen ja die Juden; nur riese benützten das neue Asphalt-Straßenpflaster, die Rumänen gebrauchten ja ihre eigenen Wagen. Später stellte sich ihm das Jaffyer Sanitäts-Consil vor; der Präsident desselben, I>r. Fleischten, wies auf die große Sterblichkeit der Rumänen im Verhältnisse zu den geringen Geburlsfällen hin und bemerkte nebenbei, daß auffallenderweise bei den Juden die Geburtsfälle die Todesfälle weit überwiegen. Er erwähnte weiter, daß er die wahrscheinlichen Gründe dieser Erscheinung in seinem Berichte an den Minister auseinandergesetzt habe. „Was Gründe," schrie Vernescu, „Ihre Schuld ist es, wenn dies wirklich der Fall ist; es ist Ich re Pflicht, dahin zu wirken, daß mehrRumänen geboren werden und mehr Juden sterben sollen." Erstaunt über diese pharaonifche Aeußerung der rumänischen Excellenz, erwiderte kleinlaut der gewissenhafte Arzr, daß dies die Grenzen medicinischer Geschicklichkeit überschreite. Der berüchtigte §. 8 des Licenzengesetzes und der Artikel X des Landpolizei-Gesetzes werden mit drakonischer Strenge ausgeführt. Etwa zweihundert jüdische Familien wurden in den jüngsten Tagen aus den Dörfern des Vasluer Districtes in der Moldau vertrieben, nachdem ihr Vermögen confiscirt worden war. Das Loos dieser armen Menschen ist ein überaus unglückliches; ihres Vermögens beraubt, obdachlos, irren sie heimathlos herum, ohne zu wissen, wo sie vor den Verfolgungen und Quälereien der rolhen Demokraten Schutz suchen sollen. Man ahmt auch hierin das russische Beispiel nach, denn dort waren Judenvertreibungen, selbst in Kiew, vor nicht langer Zeit keine seltenen Vorkommnisse. Was das mächtige Czarenreich sich erlaubt, glaubt nun ein solcher Gernegroß wie Rumänien auch thun zu dürfen. Amerika. New-Iork, im October. Nach dem Hebr. Leader ist l»r. Zirndorf, früher Seminardirector zu Münster, in Detroit zum Rabbiner gewählt worden und daselbst angekommen. euilleton. Die Statue der Religionsfreiheit für Amerika. Wir haben in d. Bl. bereits über den Entwurf einer kolossalen Marmorstatue berichtet, welche die jüdische Wchlrhätig- ^keitsloge Bnai-Berith in Amerika ihrem Vaterlande zur hundertjährigen Jubelfeier widmen will. Die nöthigen Gelder wurden durch Sammlung aufgebracht, und der jüdische Bildhauer Ezekiel in Rom, ein Amerikaner, mit der Ausführung beauftragt. Ein Brief des „Cincinnati Commercial" giebt eine ausführliche Schilderung des nunmehr vollendeten und zur Einschiffung nach seinem Bestimmungsort bereiten Kunstwerks, das zunächst in Philadelphia ausgestellt werden und dann seinen Platz in Washington finden soll. Wir geben diesen Brief in wortgetreuer Uebersetzung: Rom, U). September 1876. Die Ausstellung der Koloffalgruppe des Herrn" Ezekiel, die Religionsfreiheit betitelt, ist bas einzige wichtige Ereigniß in künstlerischen Kreisen, das einige Abwechselung in die Monotonie des römischen Sommers bringt, wenn die meisten Künstler in