Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1876)
- Date
- 1876-11-14
- Page
- Seite 741 (sequence 7)
- Language
- German
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741 Agrarier und Deutsch-Conservativen den Liberalismus mit dem Judenthume, die Liberalen mit den Juden identisicirten, um alles noch im Volke vorhandene Vorurtheil gegen die letzteren auf die ersteren zu wälzen. Zu diesem Zwecke wurden die bekannten Hetzereien gegen die Juden losgelaffen und besonders die schwierigen gewerblichen und wirthschastlichen Verhältnisse den Juden und mit ihnen dem Liberalismus in die Schuhe geschoben. Aber jene reactionären und fanatischen Parteien haben mit ihren zahllosen Hetzschriften, Broschüren, Flugblättern und Zeitungsartikeln nichts ausgeriHtet. Die Centrumspartei hat keinen Schritt vorwärts gethan und die der Agrarier ist bedeutend zurückgegangen; dagegen stnd außer den drei früheren vier neue Abgeordnete jüdischer Religion gewählt. Das wichtigste Resultat bleibt natürlich, daß hiermit die Gesetzgebung des preußischen Staates auf cem bisherigen Wege verbleiben, also keine Volte schlagen oder in ein anderes Fahrwaffer einlenken wird. Dies ist für einen sich entwickelnden Staat von größter Bedeutung, und nöthigt auch die Verwaltung, sich jeder rückgängigen Bewegung zu enthalten. Ob die Judenfeintlichen Parteien deshalb von ihren vergeblichen Bemühungen absteben und ihre, sie selbst nur brandmarkenden Schmähschriften einstellen werden, dies kann nicht vorausgefehen werden. Wahrscheinlich jedoch werden sie ihr Gepolter nur allmählich verstummen lasten; umsomehr, da einige ihrer handwerksmäßigen Skribenten nicht viel anderen Stoff zu behandeln verstehen und doch leben wollen. Im Uebrigen hat man solche sichere und entschiedene Ergebniffe gerade dem schroffen Auftreten der Gegensätze zu verdanken. Den Wählern bleibt da keine eigentliche Wahl, da sie entweder ihrer bisherigen Gesinnung treu bleiben, oder sich in die Arme der entschiedenen Gegner werfen müffen. An vielen Orten ist eine geringere Theilnahme an den Wahlen daraus erklärlich, weil der locale Sieg gar nicht zweifelhaft war. — Hierselbst ist ein heftiger Streit zwischen den Schächtern der Gemeinde und denen des Dr. Hildesheimer (Adas Jisroöl) entbrannt, da die ersteren von den letzteren geschlachtetes Vieh als trefa erkannt, Dr. H. aber ihr Zeugniß für ungültig erklärte und das trefene Fleisch an die Mitglieder seiner Gemeinde verkaufen ließ. Da unter den Gemeindeschächtern Männer sind, welche von den berühmtesten Rabbinern Vollmacht besitzen und schon dem höheren Alter angehören, hat dies viel Aufsehen erregt, und man findet es noch schlimmer als das muselmännische Gesetz, das nur das Zeugniß von Muselmännern als glaubwürdig anerkennt. — Wie man hört, wird der über die Anlegung der Begräbnißplätze sprechende Gesetzentwurf, der Ansicht des Lrndrechts folgend, sich für eine sacultative Errichtung bürgerlicher Gemeindefriedhöfe, also für Anlegung solcher neben den von Religionsgesellschaften unterhaltenen confessionellen Friedhöfen aussprechen. Berlin, 2. November. I Privatmitth.) Aus glaubwürdiger Quelle erfährt man, daß der Entwurf des Unterrichtsgesetzes in der ersten Session des neuen Landtages vorgelegt, jedoch vorher nicht veröffentlicht werden soll. Es wäre dies zu bedauern, da alle vorhergegangene theoretische Besprechung nicht den Bortheil bietet, welchen die allgemeine Beurtheilung eines fixirten Entwurfes zu gewähren vermag. Um so mehr muß man zur Ueir auf den Entwurf gespannt sein, und hoffentlich wird die desfallsige Commission des Abzeordnerenhauses den interessirten Theilen — und wer gehört hierzu nicht? — Zeit lasten, sich ihr gegenüber auszusprechen. — In der Beilage der „Kreuzzeitung" erschienen in letzter Zeit mehrere Artikel über „die Bertheilung rer Juden in den verschiedenen Berufszweigen Deutschlands" von I)r. Perrot, welche die zehnmal widerlegten Anschuldigungen Rob. v. Mohl's, die oberflächlichen Behauptungen von Wilmann's und die überwiegenden Fälschungen Rohling's mit wenig Witz und viel Behagen Wiederkäuen, und der großen deutschen Nation das t65timoniuiil pn iiporia tis aus stellen, sie laste sich in der Gesetzgebung ganz und gar von Lasker, Bamberger und Oppenheim am Gängelbande leiten. Da wird u. a. frischweg behauptet, die Hälfte der Berliner Sladiverordneren wären Juden, während unter 1 o 5 Vätern der Stadt sich einschließlich des einstimmig als Stadtverordnetenvorsteher wierergewählten Dr. Straßmann nur 18 Juden, unter 32 Magiftratspersonen nur 1 Jude, der unbesoldete Stadtrath Magnus befinden. Wie mit dieser Behauptung, geht es Herrn Dr. Perrot mit einer ganzen Reihe anderer, deren Haltlosigkeit so offen zu Tage liegt, daß nur böser Wille oder geistige Beschränktheit es wagen kann, sie aufzustellen. — Coblenz, 6. November. (Privatmitth.) Heute erfolgte zu allgemeinem Bedauern das Ableben des Rabbiners Herrn Ben Israel. Die Beerdigung findet am ö. d. starr. Oesterreich - Ungarn. Wien, 30. October. i Privatmitth.l Ich habe Ihnen von hier wenig neues und noch weniger erfreuliches zu melden. Boreinigen Tagen starb Herr Di-. Maximilian Engel. Derselbe war seit dem Jahre 1848 Mitglied des Vorstandes der Gemeinde und wendete das lebhafteste Interesse der Schule zu «in den letzten Jahren war er Obmann der Schulsection). Er war voll Energie, voll Eifer für die gute Sache und ist fein Tod lebhaft zu beklagen. Zu bedauern ist es, daß der Obmannstellvertreter, Herr Dr. Leopold Kompert, sich jetzt in Folge seiner gestörten Gesundheit bemüssigt gesehen hat! nach Italien zu gehen. Außer dem Dr. Engel hat der Vorstand im verflossenen Jahre noch zwei vielverdiente Mitglieder verloren, die Herren Doetoren Adolf Neustadt und Ignaz Edl. v. Hofmansthal. Es werden demnächst die Ersatzwahlen stattfinden, da wäre eine lebhafte Belheiligung von Seiten der Wähler zu wünschen. Leider ist wenig Aussicht dazu vorhanden. Die Zeitverhältniste abforbiren jedes andere Jntereffe.