Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1876)
- Date
- 1876-11-14
- Page
- Seite 738 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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738 verständlichen Sprache, dem alten Hebräischen, abgefaßt, führte sie zur Sprachkunde und Exegese, durch ihren Inhalt zur Rechtsphilosophie unv Rechtswissenschaft, die Bestimmung der Festzeiten zur Astronomie und damit zur Mathematik. Jede neue Entwickelung des Menschenlebens, jedes neue Berhältniß, in welches sie durch ihre Zerstreuung versetzt wurden, forderte sie zur Erweiterung und Entwickelung auch der anfänglich nur für bestimmte und noch einfache Zustände gefundenen Vorschriften auf. Und so allseitig angeregt, kamen sie natürlich auch bald dazu, für das Alles eine gemeinsame Gedankenverbindung und allgemeine Prinzipien zu suchen, und wurden auf die Philosophie als leuchtenden Mittelpunkt aller geistigen Arbeit geführt. Dazu kam noch ein glückliches Berhältniß: da ihnen die Dogmatik fehlte, brauchte sie auch keine Priesterkaste. Zwar standen im Tempel von Jerusalem den Ceremonial- und Opfergebräuchen Priester vor, aber diese hatten keinen Einfluß aus den Glaubensinhalt. Auch hatten schon die Propheten den Werth des Opfercultus sehr herabgesetzt und mit der Zerstörung des zweiten Tempels hörte derselbe von selbst auf. So waren die Juden also in ihrer geistigen Entwickelung, in ihrer Forschung vollkommen frei von allem geistlichen Einfluß. Die Reinheit des Glaubens wurde von den Lehrern geschützt, ja von dem ganzen Volke, das durch Aufgeben des einigen Gottes sich ja selbst aufgegeben hätte." — Der Verfasser beschreibt hierauf die Entstehung und Beschaffenheit des Talmuds, in welchem „alle geistigen Bestrebungen der Juden in den verschiedensten Richtungen und nach den verschiedensten Gegenständen enthalten seien, und den man am besten eine Culturchronik des Judenthums während der acht Jahrhunderte bis zu seiner Vollendung nennen könnte. Nachdem Schleiden die Karäer besprochen und die Kabbala freilich nur sehr oberflächlich angedeutet hat, sagt er: „Bei den Juden konnte sich niemals die physische Gewalt in den Streit mischen, es blieb der friedliche Kampf um die Wahrheit nur in den Schulen ausgefochten, und daher auch immer über kurz oder lang dem Richtigeren den Sieg verleihend, wobei denn auch das, was im Ganzen als Einseitigkeit unterlag, soweit es Körner der Wahrheit enthielt, sich geltend machen und befruchtend auf die weitere Fortbildung einwirken konnte. Und noch eins! In denjenigen Stücken des Talmud, in welchen Einzelne die ersteren Vorschriften und Betrachtungen durch philosophische Versuche, durch poetische Ausführungen in Sage und Dichtung zu erläutern suchten, und die man die Agada nannte, kommen auch unzweifelhaft, gewöhnlich von augenblicklichen feindseligen Aufregungen, zu denen nur zu oft genügender Grund gegeben war, veranlaßt, Auswüchse in schwärmerischer oder haßerfüllter Verzerrung vor. Aber auch diese Theile sind nur Nebendinge und weit entfernt, den Geist des Ganzen zu bezeichnen." — Der Autor weist nunmehr nach, wie frühzeitig die Bibelkritik bei den Juden begonnen hat, welche doch von den christlichen Gelehrten für ein Erzeugniß der neueren Zeit gehalten werde, und fkizzirt dann die Bearbeitung des Talmuds bis zum Anfang des sechszehnten 'Jahrhunderts. Hiermit endigt der erste Theil der Abhandlung des Prof. Dr. Schleiden und haben wir deren Schluß im Novemberheft zu erwarten. Das aufrichtige Wohlwollen und die völlige Unparteilichkeit des anerkannten Gelehrten flößt uns die größte Befriedigung ein, und wird sicherlich nicht ohne Einwirkung bleiben. Mit derselben Unparteilichkeit fügen wir hinzu, daß, wenn Schleiden unter Mittelalter den Abbruch und Süllstand der Culturentwickelung versteht, welche deshalb einer Wiedereweckung, eines neuen Beginnes bedurfte, und in diesem Sinne aussagt, daß die Juden kein Mittelalter gehabt, er zwar vollständig Recht hat, hingegen nicht zu übersehen ist, daß die Juden ihr Mittelalter später gehabt, nämlich vom sechszehnten bis Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, wo die Geistesthätigkeit bei ihnen zwar nicht verschwand, aber sich auf demselben sehr beschränkten Boden und aus denselben überaus einseitigen Wegen verhielt unv eine ganz neue Culturerweckung erforderte. Die Folgen des Äustrittsgefetzes. II. Frankfurt am Main, 5. November. (Privatmittheil.) Da die vorige Nummer das Antwortschreiben des Vorstandes an die hiesigen 76 Austretenden miltheilte, so sei hier zur Ergänzung auch das Schreiben der letzteren an den ersteren gegeben. Es lautet: „Wir haben uns veranlaßt gesehen, von der gesetzlichen Befugniß Gebrauch machend, unseren Austritt aus der Gemeinde zu erklären, weil dies das einzige Mittel ist, um unserer religiösen Ueberzeugung gerecht zu werden. Wir sind aber bereit uns an den Humanitären Anstalten der Gemeinde ferner zu berheiligen und nach vorhergegangener Verständigung zu denselben ferner beizutragen. Wir sehen daher Ihrer gef. Rückäußerung entgegen unv zeichnen mit aller Achtung." (Folgen 76 Unterschriften, worunter aber die des Herrn Rabbiner Hirsch sich nicht befindet.) Da Sie nur die Thatsachen registriren, so schreibe ich Ihnen nichts über die vielfache Bewegung, die in unsrer Gemeinde wegen dieser Angelegenheit herrscht. Bekanntlich haben die Frankfurter, welcher religiösen Ueberzeugung sie auch sonst sind, eine warme Liebe für unsre altehrwürdige Gemeinde. Perleberg, 3. Nov. (Privatmitth.) Der Vorstand des hiesigen Synagogenbezirkes erhielt soeben die gerichtliche Anzeige vom Austritt zweier in Wittenberge wohnhaften, dem Synagogenbezirke angehörigen Juden, motivirt durch „religiöses Bedenken" wie das Gesetz es verlangt. — Obgleich eine Kritik des Gesetzes jetzt nicht mehr am Platze ist, so gestatte ich mir, ob-