Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1876)
- Date
- 1876-11-14
- Page
- Seite 737 (sequence 3)
- Language
- German
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737 ver interessantesten Aufgaben für eine ernste und sinnige Betrachtung der Geschichte erscheinen. Sie sind das älteste Volk, das als Träger des reinen Monotheismus dasteht, und eben wegen der Reinheit des Gottesglaubens das Sittengesetz und seine Belhatigung im Leben als eigentliche wahre Darlegung des religiösen Glaubens hingestellr und festgehalten hat. Ganz Europa hat sein Mittelalter gehabt, eine Zeit der Rohheit, des geistigen und sittlichen Verfalls, wie er trauriger nicht gedacht werden kann, nur die Juden machen davon eine Ausnahme. Trotz Zerstreuung und Unterdrückung, die ihnen oft die einfachsten Menschenrechte, ja selbst die Berechtigung zum Leben raubte, haben sie sich bis zum Ende des Mittelalters ununterbrochen in ihrem geistigen Leben fortentwickelt und den übrigen Völkern die Grundlagen der Sittlichkeit und des geistigen Lebens bewahrt und überliefert. Wie geistig edel angelegte Naturen strauchelten sie wohl zuweilen, wenn glückliche Augenblicke ihnen das Leben zu leicht machten, aber jede Widerwärtigkeit, jedes Elend, das ihnen nur halbwegs menschliche Existenz ließ, hat nur den Erfolg gehabt, sie zu veredeln, sie zu höherer geistiger und sittlicher Anstrengung zu beleben." — Der Verfasser schildert den Heldenmuth der Nation, den sie in allen Kämpfen bis zu „ihrer Berlheidigung Neapels gegen Belisar und der Pyrenäenpässe gegen die Franken" bewiesen. „Sie unterlagen der ungeheuren physischen Uebermacht; die Nation wurde als solche vernichtet, das Volk in alle Welt zerstreut von China and Indien durch Asiika und Europa bis zum äußersten Westen der damals bekannten Welt. Aber das Volk blieb ein Volk, unterhielt eine ununterbrochene Verbindung unter allen seinen Gliedern und erkannte immer in der Fortbildung des sittlichen und geistigen Lebens einen Mittelpunkt an, der sie alle untereinander verknüpfte. Wo der Jude hinkam, fand er Glaubens- und Gesinnungsgenossen vor, war freundlicher Aufnahme und thätiger Hülfe gewiß." — Drei Umstände scheinen dem Autor bei den Juden die Ausbreitung geistiger Thäligkeit und ihrer Resultate unter dem ganzen Volke erleichtert zu haben. Der erste sei „ihre Handelstüchtigkeit" gewesen. Können wir nun Schleiden nicht beistimmen, wenn er den alten Hebräern einen großen Ancheil an dem Seehandel der Phönizier und an deren Colonien zuschreibt, so schildert er doch richtig die Verbreitung der Juden vor und nach der Zerstörung Jerusalems, so daß die ganze damals bekannte Welt von ihren Niederlassungen umsponnen war, die durch die vielen reisenden Kausteule in einer ununterbrochenen Verbindung blieben und auch alle Producte ihres Geisteslebens eben so schnell wie ihre Waaren unter sich verbreiteten, wahrend die übrigen Völker nach und nach immer mehr sich isolirten und von den wenigen letzten ohnehin nur sehr dürftig fließenden Quellen geistigen Lebens abgeschlossen wurden. Die Romanen verkümmerten, die Germanen blieben noch lange im Zustande ihrer Wildheit, und so entwickelte sich die finstere Zeit des Mittelalters, welche die Juden nie gekannt haben. Diese blieben vielmehr ununterbrochen mit den Mittelpunkten ihres geistigen Lebens, wo dieselben auch augenblicklich blühen mochten, in Verbindung, wendeten sich dahin um Rath und Aufklärung, wo sie selbst etwa augenblicklich nicht die richtige Entscheidung in einer wichtigen Angelegenheit finden konnten." — Als das zweite Moment für die geistige Entwickelung des Judenthums erscheinen dem Autor jene Mittelpunkte, nämlich die Schulen. Er beschreibt nun deren Ausbreitung mit ihren Lehrern, den Tanaim. Amoraim, Saburaern und Gaonim. Dann, sagt er, „erhob sich das Judenthum im Abeurlande. In allen größeren Orten von Spanien, Frankreich und Italien entstanden rasch hintereinander Schulen, Lehrhäuser und Akademien, von denen viele sich bald einen so großen Ruf erwarben, daß sie auch vielfach von Christen und selbst von Geistlichen, denen sonst fast ganz die Gelegenheit zu geistiger Ausbildung fehlte, besucht wurden." Die angefehensten dieser Schulen, namentlich in Spanien, Frankreich und Italien werden aufgezählt. Er fahrt fort: „Die Gründung der medicinischen Schule in Montpellier geschah durch die Juden und auch bei der Bildung der Salernitanischeu Schule waren sie hauptsächlich thätig. Durch das Emporkommen der abendländischen Schulen, die bald den Gronaifchen ebenbürtig und endlich überlegen wurden, erlosch aber auch der letzte Rest einer äußeren Centralisation des Judenthums, das von nun an durch seinen reinen Monotheismus, feine heiligen Schriften und sittlichen Gebote zufammengehalten wurde. Der Unterschied zwischen Lehrer und Volk verwischte sich bei der hohen Bildungsstufe, die das letztere errang, fast vollständig; der Lehrer war hinfort nur Lehrer und nichts Anderes und daher bezeichnet man die Periode etwa von dem l0. Jahrhundert an einfach als das Rabbinische Zeitalter." — Endlich betrachtet Schleiden als das dritte Moment, wodurch den Juden ihre gelstize Fortentwickelung erleichtert wurde, ihre Sprachkenntniß, wozu sie, wie es scheint, eine natürliche Anlage hatten. Er giebl hierüber Näheres an. Auf diesem Grunde gestaltet sich nun das Geistesleben der Juden nach einzelnen Richtungen hm. Das Wesen aber, von dem sie hierbei ausgingen, zeichnet Schleiden wie folgt: „Die Religion der Juden war einfach in dem Glauben an einen einzigen rein geistig gefaßten Gott beschlossen, und daran knüpfte sich die Verpflichtung zum sittlichen Leben als einziger wahrer Form des Gottesdienstes; so finden wir es schon bei den Propheten ausgesprochen. Keine Zänkereien um Dogmen konnten daher bei ihnen Eingang finden und sie vom fruchtbarem Forschen abhalten, denn ihr reiner Monotheismus kommt mit keinem Product des vernünftigen Denkens in Widerspruch. Dagegen knüpfte ihre sehr entwickelte Sittenlehre, durch welche das Lerhältniß der Menschen zueinander geordnet wurde, sowie ihre wesentlich historisch begründeten Volksfeste und deren Cyklus an alle die Eingänge in das ganze Gebiet der Wissenschaften an. Ihre Sittenlehre umschloß auch das Verhalten zu Leidenden unv Kranken. Die Gesetzeskunde in einer zum Theck veralteten, nur noch schwer 40*