Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1876)
- Date
- 1876-11-14
- Page
- Seite 736 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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736 herrschenden Kaste, wobei allerdings die Türken stets noch am meisten Schonung erwiesen; überall ist sie in Armuth und Elend versunken, und nur ein Bruchtheil erhebt sich aus ihr als Großhändler und Banquiers zu Wohlstand und einigem Einfluß. Im Ganzen ist rer letztere nur sehr gering. Dabei ist unleugbar die Unwiffenheit das Loos der ganzen Masie, eine Unwissenheit auch aus jüdisch religiösem Gebiete, welche von der Mehrzahl der Rabbiner im Vergleich zu ihren westlichen College» getheilt wird. Man srägt sich erstaunt, wie ist dies gekommen? und warum ist es ein bleibender Zustand, der trotz der Anstrengungen, welche seit einiger Zeit von ihren europäischen Glaubensgenossen für sie, und namentlich seit dem Trauerspiel in Damaskus (1840) gemacht werden, sich noch wenig verändert hat? Wir brauchen nur einen Blick auf die europäischen Juden und deren Geschichte zu werfen, um die Antwort auf diese Frage bereit zu haben. Was diese erlangten, haben sie der Culturbewegung zu verdanken, in deren Mille sie versetzt, und in die einzutreren, sobald es ihnen gestattet wurde, sie gewillt und befähigt waren. Wenn es ein Ruhm der Juden ist, in der Blürhezeit der arabischen Cultur sich in ausnehmendem Maße betheiligt und bethätigt zu haben, so hatten sie doch das Mißgeschick, mit dem Verfall jener zurückzugehen und selbst in den äußersten Verfall zu gerathen. In den europäischen Ländern begann dann erst eine Entwickelung und erhielt diese auch die dortigen Juden in regerer Geistesihätigkeit. Unglücklicherweise trat hierauf eine Zeit der engsten Ausschließung ein und diese bewirkte, daß auch die europäischen Juden in eine traurige Stagnation gerielhen. Nachdem sich aber erst einige Geister wieder Bahn gebrochen halten, strömte die Menge zu den eröffnten Thoren der Ghetti hinaus, und schwang sich auf die Stufe der Bildung und zu der Theilnahme an allen Richtungen des allgemeinen Lebens auf, die sie jetzt einnimmt. Sind, fragen wir dann weiter, auch unsre orientalischen Glaubensgenossen zu einer solchen Umwandlung gewillt und befähigt? Eine Antwort hierauf giebt uns Algerien. Die Occupation dieses nordafrikanischen Landes, dessen Bewohner und Beherrscher zu den Halbbarbaren gehörten, Lurch die Franzosen seit 1830 wirkte auf die dortigen Juden so sehr, daß die jetzt ausgewachsene Generation der europäischen Cultur schon angehört, und das Decret der Regierung vom 4. September, welches sie 1870 als Franzosen naturalisirte, war nur ein Act der Gerechtigkeit und der Staatsklugheit zugleich. Warum sollten also unter gleichen Umständen die Juden in Marokko und Bcrderasien nicht dieselbe Fähigkeit und denselben Willen besitzen und bekunden? Aber „die gleichen Umstände", riese sind es, die fehlen und wenig in Aussicht stehen. Wenn man die Herrschaft vergleicht, welche die europäischen Nationen und ihre Cultur in Amerika und Australien erlangt haben, mit den geringen Erfolgen, die sie in Afrika und selbst Asien seit einer langen Reihe von Jahrhunderten erreichten: so ist ein wirkliches Obwalten der Cultur innerhalb dieser ungeheuren Länderstriche noch in eine unabsehbare Ferne gerückt. In Afrika beschränkt sich diese Eroberung auf Algerien, das Südcap und einige Küstenstriche; vielleicht daß Egypten am ehesten ihr zufällt. Die englische Herrschaft in Indien hat auf die Culturverhältnisse der dortigen ungeheuren Bölkermaffen bis jetzt nur geringen Einfluß geübt; aber viel weniger ist er der Waffengewalt der Ruffen zuzutrauen. So lange aber die herrschenden Völker in Asien und Afrika theils einer schwächlichen Halbcultur, theils der vollen Barbarei angehören, ist auch für unsre dortigen Glaubensgenossen wenig Hoffnung, sich erheben zu können und zu dürfen. Jnveß weiter als in dieser Formulirung der Schlußfolgerung zu gehen, wagen wir nicht. Die Geschichte wie die Natur hat ihre Räthsel, und beide überraschen oft durch eine plötzliche Lösung dessen, was der menschliche Verstand als unentwirrbar ansieht. Fahren wir daher fort, für unsre orientalischen Stammesgenossen zu thun, was in unsren schwachen Mitteln steht. Bereitet man hier und da den Gang der Entwickelung vor, so ist wenigstens der Gewiffenspflicht Genüge geschehen. Gerhard von Ämyntor und Prof. vr. M. Schleiden. II. Wir können hier nur eine Analyse der Abhandlung Schleiden's geben, theils weil dieselbe Vieles enthält, was unsren Lesern bekannt ist, theils weil die Westermann'schen Monatshefte einen Abdruck nicht gestatten. Prof. Schleiden ist zu derselben durch seine Arbeiten über Geschichte der Botanik gelangt, indem sich ihm „zuletzt ein Einblick in ein Verhältniß eröffnete, das unsre größeren Geschichtswerke gänzlich mit Stillschweigen übergehen, und ras doch für die Entwickelungsgeschichte der Menschheit von außerordentlicher Bedeutung ist." Dies klingt doch ganz anders, als wenn Ronan sich durch sein Borurtheil zu der Aeußerung verleiten ließ, die ihm freilich zu größerer Unehre gereicht, als den Juden, daß keiner von diesen seit einem Jahrtausend eine Seite geschrieben, die lesenswerth wäre. Schleiden benutzte zu seiner Abhandlung eine nicht geringe Anzahl von Hülfswerken, wobei man sich nur wundern muß, daß er von Jost und Grätz keine Kenntniß nimmt. Er beginnt (S. 52): „Die Juden sind und bleiben das merkwürdigste Volk, und wenn man sich auf die Symbolik einer Vorsehung einlassen will, darf man sie wohl das „auserwählte Volk Gottes" nennen. Schon daß sie sich fast zweitausend Jahre lang trotz der schwersten und blutigsten Verfolgungen, die sie van Heiden, Persern, Mohammedanern und Christen zu erdulden hatten, als ein Volk und bis zum heutigen Tag ihrem ursprünglichen geistigen Charakter treu nicht nur erhalten haben, sondern sich auch fort und fort auSbreiten und in günstigerem Verhältniß als irgend ein anderes Volk vermehren und zwar unter jedem Klima, läßt sie als eine