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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-11-07 · Heft 45 (7.11.1876) · p. Seite 731

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 45 (7.11.1876)
Date
1876-11-07
Page
Seite 731 (sequence 13)
Language
German
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731 furter ist nämlich vor zwei Jahren gestorben. Der Verhaftete, Samuel Kramer mit Namen, wurde dem Polizeicommiffariate in der innern Stadt ein geliefert und dort als ein Mitglied einer weitverzweigten internationalen Schwindlergesellfchaft entlarvt, die auf. Grund gefälschter, mit nachgeahmten amtlichen und privaten Stampiglien versehener Empfehlungsbriefe seit Jahren sehr bedeutende Unterstützungen von bekannten WohlthLtern herauslcckte. Samuel Kramer, aus Oswiecim in Galizien gebürtig, 20 Jahre alt, absolvirte mehrere Gymnasialclaffen, gab jedoch im Anfänge des Jahres 1875 sein Studium auf und betrieb seither Betrügereien auf die erwähnte Art in sehr umfangreicher Weife und sozusagen professionsmäßig. Das Erträgniß war ein glänzendes, und daher kam es auch, daß er ein sorgenfteies Leben zu führen im Stande war. Der mit der Untersuchung betraute Polizeicommiffär Lang nahm unter Assistenz zweier Detectives unmittelbar nach der Verhaftung Kramer's in dessen Wohnung, II, Große Schiffgaffe Nr. 2, eine Durchsuchung vor, die ein eminentes Resultat für die Untersuchung lieferte. Außer einer Anzahl gefälschter Empfehlungsbriefe fand man auch Berzeichniffe sämmtlicher Mitglieder dieses Verbrecher - Consortiums, der Führer derselben in den einzelnen Großstädten des Continents, die sie bereisten, und die Llste derjenigen Personen, deren Mildthäligkeit in Anspruch zu nehmen sei. Zu dieser Schwindlerbande gehören auch die Professionsbettler Tintner, Löwenstein, Hersch, Margulies, Rachmann und Hase. Die ersteren Drei haben im vorigen Jahre in Wien operirt und sich dann, als die Betrügereien der Behörde bekannt wurden, gestüchtet. Kürzlich wurden sie in einer Stadt in Böhmen unter Schloß und Riegel gebracht. Die Frechheit dieser Gauner ging so weit, daß sie die Bittgesuche mit falschen Siegeln der Behörden versahen und hierdurch in den angesehensten Familien die reichlichsten Unterstützungen erhielten. Die Operationskanzlei war zumeist in Berlin oder in einem Hotel in Breslau. Rachmann und Hase ertheilten die Befehle, d. h. mit ihrem Einverständnisse wurden die Betrüger nach den Großstädten versendet, um Personen zu brandschatzen. Jeder Einzelne erhielt die Liste der als Wohlthäter bekannten Leute und zugleich ein echtes Empfehlungsschreiben an einen Führer der Gauner, die in jeder Großstadt stabile Sitze hatten. Für diese Dienstleistungen erhielten Rachmann, Hase und der Führer den dritten Theil der eingegangenen Unterstützungsbeiträge. Zu diesem Consortium gehört auch ein gewisser Joseph Zelenka, recte Selenka, der im Monate December vorigen Jahres hier verhaftet worden ist und gegenwärtig in einer Kerkerzelle seine Strafe abbüßt. Dieser hat die hervorragendsten Aristokraten des In- und Auslandes, ja selbst einige regierende Fürsten in Deutschland gebrandschatzt. Die Petenten, welche in den grellsten Farben ihre Nothlage schilderten, führten in jedem einzelnen Bittgesuche einen anderen Namen und Charakter, und dies war der hauptsächliche Umstand, daß man lange ihr richtiges Nationale nicht ermitteln konnte. Kramer hatte sich beispielsweise die Namen Bernhard Elsner und Albert Spero beigelegt. Die Zahl der Beschädigten, unter denen auch Baron v. Rothschild in Paris figurirt, ist eine riesige. Kramer wurde heute dem Landesgerichte eingeliesert. Wegen dringenden Verdachtes der Mitschuld ist auch dessen Unterftandsgeber Jacob Lander in Verwahrungshast genommen worden. In Wien wurde jüngst ein fünfactiges Trauerspiel „Sulamith" von Franz Keim, einem jugendlichen Dichter, aufgeführt. Der Stoff sollte dem Hohenliede und der Geschichte Salomons wieder einmal entnommen sein, denn auch die Königin von Saba und der Empörer Jerobeam, nachmaliger König des Zehnstämmereiches , spielen eine Hauptrolle darin. Diese Namen und ein paar Stellen aus dem Hohenliede sind nun aber auch Alles, was der Bibel entlehnt ist. Sonst ist es eine ganz gewöhnliche Liebesgeschichte der neuesten Neuzeit, die noch viel passender in Wien, Berlin oder Paris als in Jerusalem vor fast drei Jahrtausenden gespielt härte. Zu diesem Ende ist denn auch mit großer Unbefangenheit der Inhalt des Hohenliedes in's gerade Gegentheil umgekehrt worden. Das Hohelied feiert bekanntlich die Macht der wahren Liebe, welche, wahrhafte Gottesflamme, kein Sturm und keine Wafferflurh auslöscht und die den verlacht, der ein Haus voll Goldes ihr bietet. Der König Salomo wird deshalb von dem Landmädchen Sulamith zurückgewiesen, das sich schließlich mit ihrem Geliebten wieder vereinigt. Herr Keim dagegen läßt die -Sulamith sich in den König verlieben, der sie ihrem verlobten Bräutigam Jerobeam abspenstig macht, sie dann aber für die Königin von Saba verläßt, so daß sich Sulamith vom Felsen stürzt. Selbstverständlich fehlt es dem Stücke auch nicht an Verfluchung aus dem Munde des sterbenden Vaters, was den jüdischen Vätern von den nach tragischen Momenten suchenden Dichterlingen nun einmal imputirt worden, fteilich ohne irgend einen thatsächlichen Anhalt dafür zu haben. Wir wollen nun den Herrn Keim das Recht nicht bestreiten, sich als Stoff zurechtzukneten, was er will, und über Leben, Charakter und Tod seiner Geschöpfe nach Belieben zu verfügen. Daß er sich aber hierzu biblischer Personen und Oerter bedient und die h. Schrift geradezu verfälscht, dieses Recht können wir ihm nicht zugestehen. Die erste Vorstellung des Stückes halte übrigens bei dem jugendlichen Publikum, das, wie die Wiener Blätter berichten, sich in Masse eingefunden hatte, einen guten Erfolg. Auch soll das Glück immerhin einige gute Hoffnungen für die Zukunft des Dichters erwecken.

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