Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1876)
- Date
- 1876-11-07
- Page
- Seite 729 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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729 der blutigen Vorgänge auf der Balkanhalbinsel. „Im entgegengesetzten Falle wird die Schuld der Nichtbetheiligung an dem großen Werke der Befreiung der Slaven hauptsächlich (??) auf Euch fallen und mit Schmach und Schande bedecken den Namen der Kinder Israels." Wer die Armuth kennt, in welcher die ungeheure Mehrheit der russischen und polnischen Juden lebt, und welche Opfer es den wenigen Begüterten kostet, um jene in etwas zu unterstützen, der wird in diesem „Ausruf" nichts als den Versuch sehen, die Juden zu compromittiren, aus der Feder eines Judenfeindes aus der Reihe der getauften Juden. , Amerika. Rew-Aork, im October. (Privatmitth.) Der Hebr. Lead, enthält einen übersichtlichen Bericht über die Feier des Versöhnungstages in der größten Stadt der neuen Welt. Wir heben daraus einige Skizzen hervor, um auf den Umfang ver jüdischen Bekstätten in New-Aort schließen zu lassen. Die Synagogen und Privatbethäuser waren sämmtlich bis zu den letzten Plätzen gefüllt, und überall machte sich der Geist weihevoller Andacht in einem geordneten und innigen Gottesdienste fühlbar. Die vielen Vereine und sogenannten Logen hielten in ihren resp. Localitäten ihren Gottesdienst ab, und auch die Asyle für Greise und für Kinder unter Leitung ihrer Vorstände thaten desgleichen. Im Tempel Beth-El leitete vr. Einhorn den Gottesdienst; im Tempel Emanuel llr. Gottheil, im Tempel Ahavath-Chesed l)r. Hübsch. In der Synagoge Shaarei- Tefilla in der 44. Straße leiteten S. W. Jfaacs, Dr. F. De S. Mendes und Moses Schreiber den Gottesdienst im orthodoxen Style; ebenso in der Synagoge Bnai-Jeshurun in der 34. Straße mit Predigten von Henry S. Jacobs. In der Gemeinde Poel-Zedek leitete Cautvr Salomon den Gottesdienst in streng orthodoxer Weise. Die Synagoge Shaarei-Haschvmojim hatte A. Goldstein und Löwenthal zu Leitern, wie die Gemeinde der 19. Straße Jacques I. Lyons, so wie die Synagoge Schaarei-Rachmim in der Norfolkstraße ihren neuen Vorderer Max Rubin. In der Synagoge Rodef- Sholom in der Clintonstraße predigte Herr Wise und in der Gemeinde Shaarei - Zedek in der Henrystraße Herr Maisner und leitete den Gottesdienst im orthodoxen Style. Nach dem Minhag New-Amftervam wurde der Gottesdienst in der Synagoge Bnai-Jsrael durch Jsaac C. Noor abgehalten. Unter den Vereinen, welche namentlich auf der Westseite in großer Anzahl in Hallen und Privathäusern Gottesdienst hielten, nennen wir nur die Chebra - Kavischa Ohel Jitzchak, Chebra - Bnai Adam, „Josephs Söhne" mit ihrem Leiter A. Laster, Beth-Jsrael Bikur Cholim mit Herrn Seiniger. Die Berh-Hamidrasch auf Chatham- Square, in Allen-, Ludlow-, Bayarv- und Efsexstraße waren äußerst angefüllt. Es werden noch über zehn solcher Locale angegeben. Die meisten Synagogen hatten Chöre aus freiwilligen Sängern, die den Gottesdienst mit angemessenen Gesängen verherrlichten. — Diese Uebersicht deutet auf die große Zahl von Gemeinden, Vereinen und deren Mitgliedern hin, und daß der religiöse Geist in ihnen, wenn auch durch die jetzigen Lebensverhältnisse mannigfach verändert, lebendig ist und bleibt. Feuilleton. Wauir sind die Juden nach Sritanaien gekommen? Die Ankunft der Juden in den meisten europäischen Ländern, außer etwa Griechenland und Italien, ist in Dunkel gehüllt, weil sie in so früher Zeit vor sich ging, daß Urkunden aus den damals noch barbarischen Ländern nicht auf uns gekommen, die nach diesen Ländern verschlagenen Juden fern von den jüdischen, wie nicht jüdischen Mittelpunkten der Bildung und der Literatur noch keine literarisch thätigen Männer besaßen und etwa aus Gebäuden und Grabsteinen redende Zeugen in den späteren Verfolgungszeiten ihren Untergang fanden. Und doch ist die Frage, abgesehen von dem geschichtlichen Werthe überhaupt, auch dadurch nicht bedeutungslos, weil je früher die Juden sich in jenen Ländern nachweisbar niedergelasien haben, früher als die Vorfahren der jetzt sie bewohnenden Völkerschaften eindrangen, desto offenbarer ihr Recht ist, sich als die vollberechtigten Mitbewohner des Landes anzusehev, ihren späteren Verfolgungen und Austreibungen als Ausfluß gewaltthatiger Barbarei zu brandmarken und Diejenigen, welche noch heute die Juden als „Fremde" verschreien, des offenbaren Rechtsbruches zu beschuldigen. Außerdem geht aus nachweislich früher Ankunft der Juden hervor, daß ihnen ein nicht unbeträchtlicher Antheil an der Cultivirung des Landes und Volkes zuzuschreiben ist. Denn, wenn ihnen auch nicht die Pflugschaar zu führen gestattet wurde, so verbanden sie doch durch den Handel die halbcultivirten mit den cultivirten Ländern, und brachten hierdurch in unmittelbarster Weise den Culturbevarf zu den wilden und rohen Völkerstämmen. — Was nun die Ankunft der Juden auf der britischen Insel betrifft, so bemerkt der neueste Geschichtsschreiber über die Juden in England, James Picciotto, daß die Annahme, die alten Juden hätten mit den alten Britten Handel getrieben, nur auf Mulhmaßung beruhe. Die erste Erwähnung der Juden geschiehl in den Kanons des Erzbischofs Ecbright von '3)orf, aus dem Jahre 740 oder 750, in welchen dieser den Christen verbot, mir einem Juden zu spersen, welcher Umstand erweist, daß die Juden in keiner geringen Anj zahl damals schon in England wohnten, und in bestem Vernehmen mit den Einwohnern standen, um ein solches Verbot den Priestern nothwendig erscheinen zu lasten. Wir haben aber jüngst 45*