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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-11-07 · Heft 45 (7.11.1876) · p. Seite 727

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 45 (7.11.1876)
Date
1876-11-07
Page
Seite 727 (sequence 9)
Language
German
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727 geordneten für den Reichsrath und Landtag. Die Zusammensetzung der Handelskammer in Brody ist eine derartige, daß größtentheils Brodyer Sitz und Stimme dort haben. So wählte die Handelskammer zum Deputirten für den Reichsrath den Herrn Nathan Ritter v. Kallir und die Stadt Brody den Advocaten Herrn Ur. Landau. Für den Landtag wählte die Handelskammer den Herrn Otto Hausner und die Stadt den Herrn Dr. Philipp Zucker. Eine Wahl für den Landtag ist für die Stadt Brody immer schwieriger, da die verfassungstreue Gesinnung der Bevölkerung mit den politischen Grundsätzen, die den galizischen Landtag beherrschen, in Widerspruch geräth. Es kann daher nicht austallen, daß trotz der vielen löblichen Eigenschaften des Dr. Zucker, ein Gegenkandidat in dem l>r. Byk aufgestellt worden ist. — Bei der Aufregung der Parteien wird es nicht verwundern, daß, um gegen die Juden zu Hetzen, man wieder viel von dem drohenden Untergang der ganzen galizischen Landbevölkerung durck den aussaugenden Wucher der Juden Horen muß. Wie ich sehe, geht davon nicht wenig auch in deutsche Blätter über, und läßt sich von einem Ausnahmegesetze für Galizien berichten, das der nächste Reichstag votiren soll. In der jüngsten Wählerversammlung zu Lemberg erhob sich der Revacieur des Dziennik, Rewakowicz, dagegen; er sagte unter Anderem: von Hetzern werde auch gegen die Juden angekämpft, welche durch Bewucherung der Landbevölkerung angeblich den Verfall und das Elend des Landes verschulden sollen; es sei jedoch bekannt, daß unsere Landbevölkerung selbst durch Bildungslosigkeit und Müßiggang sich dem Verderben überliefere. Auö Galizien, 20. October. iPrivaimitth.) Die eben vollzogenen Landtagswahlen haben erwiesen, was ich in meinem jüngsten Berichte ausgesprochen: die Maste der galizischen Juden hat durchaus nicht im Sinne, eine politische Partei zu bilden und überhaupt Politik zu treiben. Weder die Schmeicheleien und Drohungen der Polen noch die verlockenden Voraussetzungen der deutschen Partei sind bei ihr angebracht. Die diesmaligen Wahlen haben dies von Neuem bewiesen. Sie haben sich ganz gleichgiltig gegen die Wahlen benommen und ruhig die Polen einen glänzenden Sieg erfechten und die Ruthenen eine große Niederlage erleiden lassen. Selbstverständlich sind denn auch wenige Juden in den Landtag gewählt worden; einige von den Handelskammern, dann der polnisch-fanatische Goldmann und der verdienstvolle, doch politisch neutrale Zucker. Die Polen haben also gar keine Ursache, die Juden als politische Gegner anzusehen. Prag, 26. October. (Privatmitth.) In der Correspondenz- 6. d. Prag den 13. Oct. in Nr. 43 d. Bl. hat uns der Ausspruch des Herrn Ludwig Fischl: „die Juden in Böhmen gehen von dem unbedingt falschen Grundsätze aus, daß sie die Avantgarde der Deutschen in Böhmen bilden wüsten. In Folge Vesten hat sich zwischen den Juden und Böhmen eine Gehässigkeit eingestellt, welche die schlimmsten Erwartungen rege macht," sehr befremdet. — Der letztere Satz ist vollständig falsch, und muß man ihm jetzt auf's Entschiedenste entgegentreten, renn falsche Meinungen, keck ausgesprochen, verbreiten sich allzu schnell und erhalten sich dann allzu lang. Bekanntlich ist das fanatische Czechenthum von sehr jungem Datum, und die älteren Personen der Gegenwart kennen noch sehr gut die Zeit, in welcher ein solches gar nicht gedacht wurde, die gebildeten Czechen deutsch dachten und sprachen und das Volk ohne irgend welche Prätensionen aus eine besondere politische Rolle lebte. Die Gehässigkeit der Czechen gegen die Juden ist aber viel älter, ist viele Jahrhunderte alt. Herr Fischl macht hier die Wirkung zur Ursache. Der Haß der Czechen drängte von jeher die Juden auf die Seite der Deutschen, und hält sie daselbst fest, selbst wenn sie es anders wollten. Daß diese Parteistellung den Unwillen der Czechen gegen die Juden in neuester Zeit verstärkt, geben wir zu; aber die Juden haben ihre bürgerlichen Rechte allein der deutschen Verfasiung zu verdanken, und ihre Rettung aus der Hand des Pöbels beruht in rer deutschen Regierung. Hierzu kommt, daß die böhmischen Juden, wenn auch in sehr früher Zeit, auS Deutschland emgewandert sind, aber fort und fort in so zwangsreicher Ausschließung gehalten wurden, daß sich deutsche Sprache und deutsche Sitte bei ihnen durch alle Zeiten conserviren mußten. Damit man uns keiner Parteilichkeit zeihe, wollen wir einen der neuesten Berichterstatter über diese Verhältnisse anführen. Man wird zwar einwenden: das ist ja ein Deutscher. Aber es gilt hier nur die Thatsachen, und diese widerlege man, wenn man es vermag. Karl Braun, „Eine böhmische Woche" i Westermann's Monatshefte, Februar 187 6) sagt S. 647: „Der Slave hat an seiner socialen Leiter nur zwei Sprosien, der Deutsche hat deren drei. Die slavische Bevölkerung besteht nur aus Herren und Knechten; die deutsche aber hak zwischen diesen beiden Schichten noch eine dritte dazwischen geschoben; bei ihr steht von Alters her zwischen dem Adel und dem Bauer der Bürger. Damit hängt es denn auch zusammen, daß der Slave durchschnittlich nur Diener ist oder landwirthschaftliche Arbeit betreibt. Handel und Industrie, die Aufgabe der Städte, sind ihm fremd. Da aber in der modernen Gesellschaft eine wirthschaftliche Mittelstelle absolut nicht entbehrt werden kann, so haben in den rein slavischen Gegenden die Juden diese Mission übernommen, was ihnen der Czeche mit einem ebenso fanatischen als unverdienten Haffe lohnt. Nur bei den Wahlen flatttrt ihnen die czechische Partei und nennt sie ihre „lieben mosaischen Brüver". Allein es hilft nichts; pas si bete. Die Juden sprechen unter sich immer deutsch, niemals czechisch; und bei den politischen Wahlen stimmen sie mit der deutschen Partei. Die Czechen haben noch im 19. Jahrhundert förmliche Judenverfolgungen aufgeführt, wie solche Deutschland seit den Zeiten des sinkenden Mittelalters nicht mehr gesehen hat. Die „Judenhatzen" in Prag im Sommer 1848 und die Judenhatzen im Lande, namentlich im Prager, Pilsener, Piseker und Taborer Kreise, im Februar und März 45

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