Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1876)
- Date
- 1876-11-07
- Page
- Seite 726 (sequence 8)
- Language
- German
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726 IV. l) Die Versammlung coustatirt: Ein jüdisches Lehrerseminar, welches seine Zöglinge zugleich zu Cantoren ausbildet, ist eine Lebensfrage für die jüdischen Gemeinden unserer Provinz' 2) Zwei Referenten werden beauftragt, die bestgeeigneten Mittel und Wege ausfindig zu machen, durch welche die Gründung eines solchen Institutes zu ermöglichen sei. Nach Wahl der bezeichneten Referenten wurde ein Ausschuß ernannt, bestehend aus den Herren vvr. Horovitz, Holländer und Lewin, welcher bis zum, für das Frühjahr 1877 beabsichtigten, Zusammentreten der allgemeinen Versammlung mit der Leitung der Couferenzangelegenheiten betraut wird. Der Ausschuß wie die Referenten erbitten und erhoffen die nachdrücklichste Unterstützung seitens der Amtsgenoffen wie der jüdischen Gemeindevorsteher der Provinz, besonders in der Mittheilung der unerläßlichen statistischen Daten. Wie sehr diese Versammlung ein Postulat der öffentlichen Meinung in den jüdischen Kreisen unserer Provinz erfüllt hat, zeigte das freudige Entgegenkommen der Gemeindemitglieder in Gnesen, die sich beeiferten, den fremden Rabbinern zu zeigen, wie hoch sie die Männer ehren, welche endlich aus der unglückseligen Jsolirung hinauszutreten den Muth hatten und über alle Parteistreitigkeiten hinweg sich verbinden zu gemeinsamen Wirken, zur Einheit in der Bielspaltigkeit, die allein dem Aufschwünge des Iudenthumes eine feste Grundlage verleihet. Die Gemeinde Gnesen hat mit ihrer freundlichen, herzgewinnenden Aufnahme der Gäste den periodischen Provinzial-Rabbinerversammlungen ein günstiges Omen mit auf den Weg gegeben. Wir hoffen, daß es sich nicht als trügerisch erweisen werde. Pose», im Oct. (Privatm.) Am kgl. Friedrich-Wilhelm s-Gymnasium fiel am 19. und 20. September in der Oberprima der Unterricht aus, da die Abiturienten vom Unterrichte dispensirt waren, und alle übrigen Oberprimaner bis auf einen der jüdischen Confession angehören und an diesen beiden Tagen, an denen das jüdische Neujahrsfest gefeiert wurde, gleichfalls vom Unterricht dispensirt sind. Der eine Oberprimaner, christlicher Confession, welcher noch übrig blieb, besuchte an diesen beiden Tagen die Unterprima. Bon den Abiturienten wurde dreien wegen ihrer tüchtigen schriftlichen Arbeiten das mündliche Examen erlassen; diese drei waren jüdischer Religion. Kassel, 19. October. (Privatmitth.) Der Landrabbiner, Herr vr. Adler, erließ soeben eine ausführliche Erklärung gegen die Mittheilung eines jüdischen Blattes, welche hatte annehmen lassen, als ob ein vr. Ehrmann aus Karlsruhe „als Rabbiner nach Kassel" berufen worden sei, während er „einzig und allein von einigen Privatleuten engagirt ist, um deren Kindern nebst Ertheilung des Religionsunterrichtes bei den Schularbeiten behülflich zu sein." Allerdings ist hier von einem auswärtigen orthodoxen Rabbiner einigen Mitgliedern der Gemeinde die Zumuthung gestellt worden, aus der Gemeinde auszutreten, diese aber entschieden zurückgewiesen worden. Coswig (Anhalt), im October. (Eingesandt.) Am 2. Oct. verließ einer unserer ältesten und geachtetsten Mitbürger unsere Stadt, der er beinahe ein halbes Jahrhundert angehörte. Gerson Cohen, seit Ostern 1828 Religionslehrer und Beamter der hiesigen israelitischen Gemeinde, siedelte nach Marburg über, wo!ein Sohn an der dortigen Universität ordentlicher Professor der Philosophie ist. Durch den Fortgang des Herrn Cohen erleidet die kleine Gemeinde einen unersetzlichen Verlust; sie hatte das seltene Glück in demselben einen ausgezeichneten Lehrer von umfassender jüdischer Gelehrsamkeit und wissenschaftlicher Bildung, sowie einen berufstreuen Beamten zu besitzen, dessen Anspruchslosigkeit und Liebezu seiner Gemeinde es nur zu danken, daß er dieser bis zum 80. Lebensjahr erhalten blieb. Möge ihm noch ein heiterer Lebensabend bei voller Rüstigkeit und Geistesstische wie bisher beschieden sein! Oesterreich - Ungarn. Aus Galizien, 16. October. (Privatmirth.) Mit unserer Landlagswahl-Bewegung sieht es kraus genug aus. Zuletzt, , fürchten wir, kreist einmal wieder der Berg, und es kommt eine Maus hervor. Man muß sich auch nicht vorstellen, daß man alle Juden unsres Kroulandes wie eine» Mann da findet, wo man sie suchen sollte, auf der Seite der Verfassungstreuen. Es giebt bereits derer genug, welche nach der Nomenklatur des Krakauer Abgeordneten Mendelsburg „jüdische Polen" sind. Da candidirt z. B. in Lemberg der jüdische Gemeinderath Dr. Golbmann, und geberdet sich bei seiner Candidatenrede polnischer als der ärgste Nationalpole, wenn auch seine polnischen Mitcandidaten die Juden mit den ärgsten Schmähungen angreifen. Natürlich geht er fehl, wenn er sich einbildet, daß er mit allen seinen polnischen Phrasen die Polen überrede, ihn als ihresgleichen anzufehen. Ich habe in Paris mehrere Male zu bemerken Gelegenheit gehabt, daß abtrünnige Deutsche, welche sich als glühende Deutschenhasser gerirten, doch nur von den Franzosen verachtet wurden. Ebensowenig gelingt es diesen „jüdischen Polen", das wirkliche Vertrauen der Polen zu gewinnen. Sie benutzen dieselben, wenn die Umstände es erfordern, und machen es diese nicht mehr nothwendig, lassen sie sie fallen. Zuletzt sehen sie sich von beiden Parteien verlassen. Dann giebt es auch solche, welche den Verfassungstreuen anzugehören vorgeben, in Wirklichkeit aber immer mit den Polen stimmen. Auch die Verfassungstreuen sehen sich bisweilen genothigt, solche Männer gelten zu lassen, wenn man auch weiß, daß sie wenig zuverlässig sind. Am eigenthümlichsten steht es um die Wahl in Brody. Bekanntermaßen hat die Stadt Brody das Recht, zwei Abgeordnete in den Landtag und zwei in den Reichsrath zu wählen. ES wählt nämlich die Handelskammer und die Stadt je einen Ab-