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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-11-07 · Heft 45 (7.11.1876) · p. Seite 722

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 45 (7.11.1876)
Date
1876-11-07
Page
Seite 722 (sequence 4)
Language
German
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722 dendsien Antheil nimmt und durch einen Umschwung seiner Cullur ohne Gleichen sich den Bestrebungen der modernen Staaten assimilirt hat, der mag freilich den einfältigen oder heuchlerischen Schmerzensschrei über Zudringlichkeit ausstoßen, wenn ein Jude auch im Privatleben sich ihm als gleichberechtigt gegenüberstellr — Las, was er Zudringlichkeit nennt, ist wohl meistens nur die Phantasmagorie seiner eigenen Kurzsichtigkeit und Sittenrohheit. Kein geringer Grad von Mißhandlung und Anmaßung unsererseits gehörte dazu, um die Juden, die Nachkommen der mosaischen Theokratie, das conservativste Bolk der Erde, auch in die politische Opposition zu drangen. Wir haben sie zu Stiefkindern unseres großen schönen Vaterlandes gemacht, und dürfen wir uns nun wundern oder den sittlich Entrüsteten spielen, wenn die enterbten Söhne in einzelnen Individuen selbst nicht das gewöhnliche Maß von Zuneigung und Opferfreudigkeil unserer gemeinschaftlichen Mutier entgegenbringen? wenn manche sich mit der Scheinentschuldigung des gerechten Zornes an die Spitze staats- und gesellschafrsfeindlicher Bewegungen stellen? Denn, rauschen wir uns darüber nicht, die theoretische Emancipation der Juden, der Genuß gleichen Rechtes, die Oesfnung der Aemter, genügt nicht, um unsere alten Schulden an dieses Volk zu zahlen: es muß die praktische Gleichstellung auch im Privatleben, die freiwillig und gern gewährte Achtung und Liebe hinzutreten, um diese Schmach der Judenfrage, die wie ein fressender Rost noch in großen Gesellschaflsschichten sitzt, einfür allemal aus der Welt zu schaffen. In einer Pariser Broschüre (Intoterance et Persecutions religieusesj, welche die letzten Judenverfolgungen in Rumänien bespricht, sagt der zürnende Verfasier in Beziehung auf die Intoleranz: „II esi vrai, sur plusieurs points de l’Europe, le nionstre vient, ä l'iustant meine, d’etre vaincu dans le domaine des lois, et nous devons avec transport saluer ces triomphes — mais il est Joia d’etre abattu. 11 n’est pas in vulnerable, mais les blessures l'atleiguenl saus le tuer, ni le decourager; eiles ne font que l’irriter, il se redresse ensuite, plus liideux que jamais.“ Ein Beweis, daß das Scheusal der Intoleranz auch bei uns noch nicht getödtet ist, liegt in dem Ausschluffe der Juden von _ dem Genüsse der Staalsausgaben für Cultuszwecke. Der Jude zahlt mit dem Christen dieselben Steuern, und wahrend aus diesen Steuererträgen Kirche und Schule eines jeden Bekenntnisies dotirt wird, geht der jüdische Cultus leer aus und muß zu einer finanziellen Sicherstellung wiederum an den Geldbeutel der oft sehr kleinen jüdischen Stadtgemeinden appelliren. Ich weiß, daß ich durch Anregung dieses der Herr Verfasser eine Ansicht von der Ethik des Maimonides verl'chafien, ohne in gelehrte Untersuchungen sich einzulassen, so braucht er nur die unter dem Namen Schemonah Perakim bekannte psychologische und ethische Abhandlung des Maimonides zu lesen, welche in deutscher Uebersetzung von vr. Salomon, Dessau, 1809, von S. Falkenheim, Königsberg, l832 und von vr. M. Wolfs mit dem arabischen Original 1803 (Leipzig, Hunger) erschienen ist. Redaction. Punktes in ein Wespennest störe und daß man mir entrüstet die Phrase vom christlichen Staate entgegenhalten wird, der keine Verpflichtung gegen die unchristlichen Secten habe und schon ein übriges thue, wenn er deren Existenz und Cultus in seinem eigenen Hause dulde. Aber meiner Ansicht nach giebt es keinen christlichen Staat; der Staat ist ein rein politischer Begriff, und die Verquickung des christlichen Bekennwisies mit der Staatsidee, seine Unterstützung und Förderung durch weltliche Machtmittel ist für Jeden, der mit offenen Augen in den Blättern der Geschichte zu lesen vermag, eine unheilvolle Verirrung, eine Verwechselung ver Begriffe und immer von den übelsten Folgen für das wahrhaftige Christenthum gewesen. Das Schwert der weltlichen Gerechtigkeit, der rauchende Scheiterhaufen des Jnquisilionsrichters können der Verbreitung der erhabenen Lehre Christi nun und nimmermehr Vorschub leisten, unv das ist kein christlicher Start mehr, in welchem Millionen Staatsbürger unter dem Paniere der Philosophie oder des kirchlichen Liberalismus oder des Jndisferentismus oder des reinen Gottesleugnerthums offen und ungescheut Jahr für Jahr gegen das christliche Bekenntniß erbittert kämpfen. Wir beklagen mit Recht die Bildung einer confessionellen Fraction in unfern politischen Parlamenten; mit größerem Rechte müffen wir beklagen, wenn der ganze Staat zur confessionellen Partei wird und dadurch den Andersgläubigen feindlich gegenübertritt. Unser Staat ist der Rechtsstaat und unter seinem mächtigen Schutze soll jedes Bekenntniß friedlich wohnen und gleicher Pflege genießen, so lange es nicht staatsfeindlich auftritt und gegen die Gesetze des Staates zu Felde zieht. Dies allein ist der wahre, würdige Standpunkt für einen edlen Conservatismus, auch für den Conservatismus des gläubigen Christen, und ich meine, daß unsere Aristokratie, wenn sie diesen Grundsatz zu ihrem politischen Führer machte und für die Dotirung des jüdischen Cultus aus Staatsmitteln kräftig wirkte, wie jede echte Aristokratte an der Spitze des Fortschritts und der zeitbewegenden Ideen marschiren würde. Der christliche Staat ist die christliche Kirche und es wird derselben sicher zum großen Segen gereichen, wenn jedes Mitglied derselben die peinlichste Gerechtigkeit, auch gegen das Juventhum, zur Richtschnur seiner Handlungen nimmt; gleiches Recht und gleiche Pflichten für Alle! das ist das Gebot der Nächstenliebe, auf welchem nebst ver Liebe Gottes unser Erlöser die neue geistige Welt, das Reich Gottes, aufgebaut hat. — — Bin ich mit der Anregung der Judenfrage ein Leo'scher Hecht gewesen, der in den stagnirenden Respectabilitärstümpel der vornehmen, judenfeindlichen Karpfenfamilie Leben und Bewegung brachte, so soll mich dies in der Hoffnung, Seelen zu gewinnen, erfreuen; denn nur „Slultorum incurata pudor malus ulcera celat.“—

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