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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-11-07 · Heft 45 (7.11.1876) · p. Seite 721

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 45 (7.11.1876)
Date
1876-11-07
Page
Seite 721 (sequence 3)
Language
German
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721 nungen der Gesellschaft, ihn gedrückt und geschlagen und geplündert, ihm alle Bahnen des rechtlichen Erwerbs und solider bürgerlicher Thätigkeit versperrt und ihm meistens nur gestattet, durch Schacher und Wucher für sich und die Seinen das mißgönnte Stück Brod zu gewinnen — und nun, wo ein nothleidender oder liederlicher oder leichtsinniger Christ in das Garn eines dieser zertretenen, schachernden und wuchernden Parias laust, schreit man mit dem Scheine sittlicher Entrüstung über Betrug und Diebstahl und benutzt die Erfahrung an einem durch unser Verschulden moralisch gesunkenen Menschenbruder zu einer Anklage und Verurtheilung seines ganzen Stammes! ist das recht und verständig? heißt das nicht aller Logik der Thalsachen frech in's Gesicht schlagen? ist es nicht die Anklage der eigenen Schuld und Schmack, die unbewußte Verkündigung der eigenen Erbärmlichkeit und Bornirlheit, die dort Trauben ernten will, wo sie Disteln gesäet hat? Der Vorwurf des Wuchers, den man noch immer unter sogenannten Gebildeten gegen das Juventhum erheben hört, ist in der Thal die haltloseste und lächerlichste Beschuldigung, die gegen diese nun lange genug mißhandelte Menschenclasse vorgebracht werden kann. Der rege Handelsgeist, der den Zuven seit den ältesten Zeiten beseelt, rechnet äußerst praktisch mir gegebenen Größen und vorhandenen Thatsachen und wie er auch immer seinen Vortheil sucht, so verirrt er sich doch nie zu jener harlgesottenen, räuberischen, die Quelle ferneren Gewinns für immer verschüttenden Habgier des wuchernden Namenchriften, wie sie uns die Enthüllungen des hauptstädtischen Forums in ihrer ganzen Scheußlichkeit und Nichtswürdigkeit Jahr für Jahr vor Augen bringen. Wo der jüdische Wucherer mir dem, seinem Stamme eigenen,.lebhaften Familiensinne den Angehörigen seines Opfers gegenüber noch gern Rücksichten nimmt und Nachsicht übt, schnürt der getaufte Halsabschneider erbarmungs- und gewiffenlos seiner Beute die Kehle zu und bedroht in raffinirtester, die Paragraphen des Strafgesetzbuches schlau vermeidender oder dem Gegner zuschiebender Weise Weib und Kinder und Anverwandte des ihm Verschriebenen, so daß das Glück und Wohlbefinden mancher christlichen Familie nie gefährlicher und unversöhnlicher bedroht ist als durch wuchernde Glaubensgenosien. Man braucht ja nur die Augen zu ösinen und auf das zu hören, was die allwiffence Fama von mancher als Gentleman lebenden und aus trüben Erwerbsquellen schöpfenden Existenz leise und laut erzählt, um die Beläge für jene Thatsache wie Brombeeren einzusammeln. „Der Jude ist so zudringlich!" — näselte mir ein aufgeblasener, geldstolzer Parvenü zu, der es sich zur Aufgabe machte, sich in hochadlige Kreise einzudrängen und mit dem ich in einer solchen Gesellschaft aus das Capitel der Judensrage zu sprechen kam. Dieser Borwurf aus solchem Munde wirkte außerordentlich erheiternd. Der süße Jüngling war der Schrecken jeder geselligen Vereinigung; er war der „Baron Partout" und ein vornehmer, geistreicher Herr äußerte mal in Beziehung auf ihn: „Immer, wenn ich den Burschen treffe, kann ich mich der Furcht nicht erwehren, daß ich ihn mal Abends in meinem Bette finde." Und er bezichtigte die Juden der Zudringlichkeit! Es ist wohl nur zu erklärlich, wenn in einer Menschenklasse, die man seit langen Zeiten aus den höheren Kreisen des geselligen Lebens kurzsichtig und lieblos ausgefchlosien hielt, einige wenige existiren mögen, die da, wo man ihnen mal vorurtheilsfrei den kleinen Finger bot, im überströmenden Gefühle der Hoffnung auf endliche Erlösung, die ganze Hand ergriffen haben, unv der splitterrichtende Unverstand war dann mit dem absprechenden Urtheile über die ganze Classe fertig. Vergeffen wir aber nicht, daß das Judenrhum schon eine Cultur mir höchster, sinnigster Kunfipflege besaß, alS unsere röthlich gelockten Vorfahren noch auf der Bärenhaut um ihre Werber würfelten, und daß der volle Kranz des Wissens und der wahren Bildung unsere Tage durch reichste Blülhen aus dem Judenlhume untermischt ist. Kein Volk wie das jüdische hat seine Gesittung und geistige Spannkraft so zähe bewahrt, und dock ist das eiserne Joch der persischen, maceconischen, prolemäischen, syrischen, römischen, mohammedanischen und christlichen Herrschaften abwechselnd mit erbarmungsloser Feindseligkeit ihm auf den Stacken gelegt worden. Zur Zeit, als in unserm deutschen Lande der finstere Aberglaube und die roheste Unwiffenheit ihre nächtlichen Schwingen über die Geister breiteren, blühte die jüdische Literatur in lropenhafler Schöne und Fruchlbarkecr und als der Vorfahr des „Hep, Hep!" rufenden Junkers, des Schreibens unkundig, seinen Namenszug noch mit dem Schwertknaufe abdrückte und beglaubigte, haben schon Namen wie Samuel Halevi, Abraham - ben - Chija, Moses-ben-Esra und Maimonides^) einen guten Klang gehabt und die Glanzepoche jüdischer Leistungen in der Nalionalliteratur, Gesetzeskunde, Mathematik, Astronomie, Medicin und Philosophie bezeichnet. Wer die Thalsache übersieht, daß ras Judenrhum heule am geistigen und öffentlichen Leben Europa's den entschei- 4) Ich kann bei Nennung des Namens „Maimonides", des großen Philosophen und Gesetzeslehrcrs, die Erinnerung an eine >wie ich glaube, in Münster) vielfach aufgelegte Broschüre „Der Talmudjude" nicht gan; unlervrückcn. Daß alles, was Maimonides, der „Adler der Synagoge", lehrt, in diametralem Gegensätze zu den Anschauungen und Lehren der christlichen Ethik steht, wird keinen unbefangenen Denker überraschen, der in einem spanischen Juden des 12. Jahrhunderts unmöglich die Gesinnungen des modernen christlichen Bewußtseins voraussetzen kann; daß man aber aus dieser Tharsache einen so derb hänfenen Änklagestrick für das heutige Judenrhum drehen und so unzweideutig Haß und Verfolgung gegen eine religiöse Genossenschaft in der letzten Hälfte des ll». Jahrhunderts predigen durfte, wie es leider in jener Broschüre geschieht, das muß das Herz jedes aufrichtigen Bekenners der Religion der Duldung und Nächstenliebe mir schreck und Bestürzung schmerzlich erfüllen. Es giebr auch eine literarische Sauberkeit, die wohl gezwungen sein kann» mit peinlichem Widerwillen den Unrath vor der eigenen Thür zu fegen, aber nimmermehr mir Vorliebe in den Kehrichthaufen vor der Thür des Nachbars stöbern wird. Berf. Die Worte, die der Lerfasier über dieses schmähliche Pamphlet spricht, sind zutreffend und ergreifend. Wir bedauern nur, daß er die Fälschung nicht kennt, welche sich dieses ultramontane Machwerk mit dem Talmud und nicht minder mit Maimonides erlaubt hat. Er würde dann die Ethik des Maimonides nicht für einen diametralen Gegensatz zu der modernen Sittenlehre gehalten haben. Wollte sich 45*

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