Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1876)
- Date
- 1876-11-07
- Page
- Seite 720 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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720 selbstsüchtigsten Bestrebungen, der Habgier, der Genußsucht und der Eitelkeit, die er als feinster Beobachter zeichnet, erhalten hat, seine sittlich religiöse Anschauung, seine wahrhafte Menschenfreundlichkeit. Gerade wie er die Gebrechen der Menschen und der Gesellschaft bald ernst, bald satyrisch behandelt, giebt seinem Urtheile in der sg. „Judenfrage" ein besonderes Relief. — Die andere Abhandlung ist vom Prof. vr. M. Schleiden verfaßt, der mit dem schweren Geschütze seiner immensen Gelehrsamkeit für die Juden auftritt. Dieser Gelehrte vereinigt in sich die Doctorwürde der Jurisprudenz, der Medicin und der Philosophie; er war mehrere Jahrzehnte Profeffor der Botanik in Jena und Dorpat und privatisirt jetzt in seinem Alter zu Dresden. Sein „Handbuch der Botanik", seine Schriften über die Pflanzenwelt, über das Meer und seine Bewohner und seine zahlreichen gelehrten Abhandlungen über Astrologie, Limite, das Salz u. s. w. sind allgemein anerkannt. Im Octoberheste der Westermannschen Monatsschrift d. I. hat er einen längeren Aufsatz über die Bedeutung der Juden für Erhaltung und Wiederbelebung der Wiffenschaften im Mittelalter begonnen, welcher der allgemeinen Aufmerksamkeit dringend zu empfehlen ist. Der conservative, christlich, gläubige Weltmann unv der Gelehrte vereinigen sich also in diesem Augenblicke, ihr aufrichtiges Berdict über die Juden auszusprechen. Hören wir zuerst Herrn Gerhard von Amyntor. Er sagt (S. 230 ff.): „Hochachtbare, gebildete Menschen giebt es, deren Gewisienscovex über besondere Materien nur Kautschukparagraphen enthalt. Ein solcher Kautschukparagraph ist für viele die Frage von den Juden. Diese Frage hat Aehnlichkeit mit der orientalischen — sie entstammt selbst dem Orient und wird, wie ihre politische Namensschwester, in Folge der Fehler und Schwächen unserer eigenen Natur nie gänzlich ausgetragen, sondern nur durch symptomatische Mittel so oberflächlich verkleistert, bis sie immer wieder, ein moralisches, freffendes Geschwür, am Körper der Gesellschaft ausbricht. In der Gesetzgebung haben wir die Judenfrage gelöst — theoretisch sind alle Staatsbürger gleich vor dem Gesetze — zu jedem öffentlichen Amte können Juden berufen werden — ist doch bei einer hohen Reichsbehörde ein Jude angestelll, und las doch jüngst ein jüdischer Profeffor an einer Rheinischen Universität über die Kreuzzüge unv den dreißigjährigen Krieg.'-) Aber 2) Es ist dies der Pros. Dr. Martin Philipp son an der Universität Bonn. Wenn überhaupt die wissenschaftliche Forschung und Bearbeitung mit der Conscssion deffen, der ihr redlich obliegt, nichts zu schaffen hat: so ist wobt gerade über solche historische Gegenstände, die leicht bei Katholiken und Protestanten einen einseitigen Standpunkt herbeisühren, und wirklich bei den beiden Consessionen zu sehr entgegengesetzten Beurtheilungen gelangt sind, ein wisienschaftlicher Jude zu einer unparteiischen Behandlung besonders geeignet und befähigt. Wir haben hierfür Autoritäten, die dies bereits ausgesprochen^ z. B. Prof. K a m p sch u l tc, der. Katholik, seine Unparteilichkeit selbst genügend in seiner Biographie Calvin's bcthätigt hat. Redaction. scheinheilig und wortbrüchig haben wir die Judenfrage aus dem öffentlichen in's Privatleben hinüberzerettet und hier wurzelt sie noch fest und lief im Boruribeile der Menschen und treibt ihre widerlich-üppigen Giftblüthen. Oft sind es eifrig-bekennende, buchstaben-feste Christen, die aus ihrer religiösen Stellung den Grund hernehmen, daß sie den Juden verächtlich ober feindlich den Rücken kehren. Ist dies Verhalten vereinbar mit den Geboten der Nächstenliebe und Toleranz, die gerade im Christenthume mehr als in jeder anderen Religion der Welt gepredigt werden und die gerade das weltüberwindenve und triumphirende Princip des Christenglaubens sind?^> Mit welcher Gelaffenheit, mit wie unverletztem Gewiffen verkehrt der Christ gesellschaftlich mit dem modernen Gottesleugner, mit dem culturbeleckten Heiden, mit dem Feinde und Spötter und Verächter feiner lheuerften Ueberzeugungen — und mit den Kindern des „Volkes Gottes", die so lange wir eine Geschichte haben, den Namen Jehovah's, deffen, der da ist und der da sein wird, trotz vieler Schwankungen unv Verirrungen immer wieder gerettet und hoch und heilig gehalten haben, sollte der gesellige Verkehr feine Gefahren, seine Bedenken und Mißstände für das christliche Bewußtsein haben? Der Glaube, der die Berührung mit einem 'Andersgläubigen nicht vertrüge und sich feige und wellflüchtig aus der Friction des Lebens und seiner Kämpfe in eine Conlumazeinsamkeit zurückziehen müßte, um sich dort stagnirend zu isoliren, stände doch ans sehr schwachen Füßen und vergaffe doch ganz jene Vorschrift, daß wir unser Licht nicht unter den Scheffel stellen sollen. Aber meistens ist es gar nicht eine jungfräuliche Scheu des christlichen Bekenntniffes, welche die Berührung mit dem jüdischen Elemente flieht, sondern das liebgewordene und großgezogene Borurtheil nimmt die Rechtfertigung seiner Existenz aus dem Arsenale der christlichen Waffen, unv dies ist eine sünvliche Fälschung der Religion der Liebe und ein frevelndes, pharisäerhaftes Beginnen. Noch verletzender berührt uns das feindselige Borurtheil gegen den Juden, welches, ohne Rücksicht auf die religiöse Verschiedenheit, nicht selten einen Theil des gebildeten BürgerthumS unv der sich hier unv da gedankenlos abschließenden Aristokratie gefangen halt. Hier treffen wir manchmal durch jüdischen Wucher Beschädigte und vernehmen aus dem Munde derselben staunend und befremdet die Verwünschung der ganzen Kaste. Man hat über ein Jahrtausend lang den Juden wie einen Aussätzigen behandelt, ihn ausgefchloffen von allem Schutze unv allen Seg- 3) Wir sind weit entfernt davon, dem Berfasier zu bestreiten, daß die Toleranz und Nächstenliebe die wahren Principicn des Christenthums sind, so wenig sie uns in dem historischen Christenthum bcthätigt erscheinen: doch muß er uns gestatten, dieselben Principicn auch im Judenthume und von diesem früher verkündigt zu finden. Sagt doch Jesus selbst, daß die beiden, vom Versager weiter unten angeführten Borschriften der Liebe zu Gott und der Liebe zu den Nächsten die hauptsächlichsten unter den Gesetzen Mosis seien: er erkennt sie also als mvsaüchc Gesetze an, und da finden wir sic ja auch 5 Mos. ", 5 und 3 Mos. iw, IS auf's Bestimmteste und Nachdrücklichste ausgesprochen. Redaction.'