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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-10-31 · Heft 44 (31.10.1876) · p. Seite 712

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 44 (31.10.1876)
Date
1876-10-31
Page
Seite 712 (sequence 10)
Language
German
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712 ehrendster Weise pensionirt worden, und gehörte auch längere Zeit dem niederösterreichischen Landesschulrathe an. Er wohnte auch der ersten israelitischen Synode zu Leipzig bei und gewann sich durch seine einnehmende Persönlichkeit viele Freunde. Von der Donau, 16. October. (Privatmittheil.) Die in Deutschland ausgestreute Saat des verderblichen Judenhasses hat auch in Ungarn einen nicht ganz unfruchtbaren Boden gesunden: Rohling's „Talmuvjude" wurde sowohl in's Ungarische als auch in's Slavische übersetzt. Da aber diese Broschüre nur Aufreizung und Haß verbreitet, so hat der Minister des Innern die Municipien aufgefordert, die Verbreitung der Flugschrift durch Exporteure und Winkelbuchhändler zu verhindern, die bereits in Verkehr gebrachten Exemplare zu confisciren und die Verbreiter polizeilich zu bestrafen. Großbritannien. London, 26. Octbr. W. E. Gla dstone hat, wie in der „Mcrning-Post" zu lesen, folg. Schreiben an einen unserer Glaubensgenossen, Hrn. Glückstein, gerichtet: „Jervaulx Abbey, Bedale, 6. Oct. 1876. Sir! Es freut mich sehr, daß Sie die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Beziehungen der Juden zu der orientalischen Frage lenken wollen, da Sie, wie ich aus dem Tone Ihres Briefes entnehme, die Sache im Interesse der Gerechtigkeit behandeln werden. Ich habe stets die Gelegenheit gehabt, das Benehmen der englischen Juden in Erfüllung ihrer öffentlichen Pflichten zu bewundern; aber ich beklage tief die Art und Weise, wie das, was ich die jüdischen Sympathien nennen möchte, sowohl außerhalb als innerhalb des Kreises des ausgesprochenen Judaismus, gegenwärtig aus die orientalische Frage einwirkt, weil ich sehe, daß die Juden selbst daran sehr viel die Schuld tragen. Jedenfalls bin ich der Ansicht, daß sie der Grundsätze der bürgerlichen Gleichheit theilhaftig werden sollen, die, wenn nicht die Ueberzeugungen und Wünsche der englischen Nation unerfüllt bleiben sollen, in jenen Provinzen werden eingeführt werden, welche gegenwärtig den Hauptgegenstand der öffentlichen Aufmerksamkeit bilden. Ich bleibe mir allen guten Wünschen für Sie, Sir, Ihr ergebener Diener W. E. Gladstone." iWir gestehen offen, daß wir die Worte res Herrn Gladstone nicht genau zu deuten wissen. Daß die Juden darauf dringen, ihre Glaubensgenossen in der Türkei in die dort beabsichtigten Reformen mir eingeschlosfen zu sehen, ist roch sehr natürlich, und wenn sie hierauf dringen, so haben sie ein Reckt dazu durch die ausschließliche Art, mit welcher in den europäischen Noten stets nur von den Christen in der Türkei die Rede ist. In dem Vertrage der Großmächte mit Rumänien ist ein Beispiel gegeben, was wir zu erwarten hätten, wenn die Conventionen allein von der europäischen Diplomatie abgefaßt wären, und Oesterreich hat dafür im Handelsverträge mit Rumänieneinen jüngsten Beweis geliefert. Jndeß diesem Verlangen tritt ja auch Gladstone nicht entgegen. Es scheint also, als ob die Juden in England auf Seiten der Regierung stehen und der Politik, mit welcher Glad- 'tone in letzter Zeit Fiasco gemacht hat, nicht zustimmen. Doch erinnert die Fassung obigen Schreibens an die Manier der deutschen Reactionäre, welche, um ihre Gegner anzuschwärzen, sie für „Juden und Judengenossen" ausgeben, nur daß man in Deutschland die liberale Partei, Gladstone in England die conservative auf diese Weise in den Augen des Volkes verdächtigen zu können vermeint. Ist dies der Fall, so hat hiermit Gladstone ebenfalls von der eigentlichen politischen Laufbahn Abschied genommen. Redacti on.) Belgien. Lüttich, 18. Sept. (Privatmitth.) Am 15. d. fand hier die feierliche Einweihung einer Synagoge statt, was immerhin für unsere Stadt in ihrer eigenthümlichen Geschickte als ein Ereigniß betrachtet werden kann. Welchen Eindruck der Act gemacht hat, schildern wir am ehesten durch eine Correspcndenz, welche in der heutigen Nummer der „Flrndre Liberale" zu lesen ist. Es heißt daselbst: „Die Capelle St. Julien, von der Stadt der israelitischen Gemeinde abgetreten und durch diese in würdiger Weise für ihre neue Bestimmung als Cultusstätte hergerichtet, wurde durch den Großrabbiner, Herrn Afiruc, in Anwesenheit einer so zahlreichen Zuhörerschaft, wie der Raum gestattete, unter welcher sich auch der Bürgermeister von Lüttich, sowie die protestantischen Pastoren von Lüttich und Verviers befanden, eingeweiht." Es folgt eine Beschreibung der Ceremonie. Dann heißt es: „Was besonders interessirte, war die Festrede des Herrn Großrabbiners. Crmuthigt durch die Situation, welche so viel wie eine Art Auferstehung der israelitischen Gemeinde von Lüttich ist, hat er mit Wärme von der materiellen, socialen und religiösen Hebung (relevcmeni) gesprochen. Er zeigte sich groß- und edelmüthig (grancl ei geuureux). Was hätte er nicht sagen können über die Art, wie seine Glaubensgenossen wahrend mehr als ein Jahrtausend von einer vorgeblich christlichen Kirche behandelt worden, welche zu ihrem Ziele genommen zu haben scheint, das Christenthum mißachtet zu machen! Er beschränkte sich, Gott und die Menschen zu segnen, daß die Zeiten sich geändert haben." Der Berichterstatter zeichnet nun in Stürze, worin die materielle, sociale und religiöse Hebung der Juden besteht, und fährt fort: „Indem er nun seine Glaubensgenossen ermahnt, solchen Wohlthaten durch verdoppelte Treue für alle ihre Pstichten, gegen die Familie, gegen die Mitbürger, gegen die ganze Menschheit, zu entsprechen, resumirle der israelitische Redner alle diese Verpflichtungen in der großen Vorschrift, Gott zu lieben über Alles, und den Nächsten wie dich selbst. Und wahrlich, seine Predigt ließ die Annäherung jener verheißenen und ersehnten Zeit fühlen, wo der religiöse Formalismus, der die Menschen seit so langer Zeit trennt, der Gottesverehrung im Geiste und in der Wahrheit

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