Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1876)
- Date
- 1876-10-31
- Page
- Seite 707 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227069-3227114--34867-3304784- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
707 fragen sie: „Herr willst Du dieses Mal das Königthum in Israel wieder aufrrchten?" Diese Unterredung mag imaginär fein, aber der Begriffszustand, aus dem ein solche Frage hervorging, war zweifellos reell. Der Autor läßt sie sprechen, wie er wußte, daß sie dachten. Wenn nun selbst diejenigen, die sich des intimen Umgangs Jesu erfreuten, auf ihn als auf einen Mann hinschauten, der Israel etwas von seiner früheren Größe wiedergeben würde, kann man da von den weniger bevorzugten Juden, die von ihren Vorvätern den festen Glauben an diese weltliche Wiederherstellung ererbt hatten, erwarten, daß sie diese Vorstellung auf das Gebot Jesu von Nazareth plötzlich aufgeben sollten? Er gerade am wenigsten bethatigte die obwaltenden Vorstellungen von dem, was ein Messias sein sollte. Zu weltlicher Obherrschaft war er offenbar nicht befähigt. Unzweifelhaft war Gefahr vorhanden, daß seine enthusiastischen Anhänger sie ihm aufzuzwingen versuchten und daß er so gedrängt zur Annahme derselben verleitet werden konnte. Aber sein allgemeiner Charakter schloß die Annahme aus, daß er je im Stande sein würde, an der Spitze einer Nationalbewegung zu stehen. Die Abwesenheit jedes politischen Enthusiasmus aus seiner Lehre bewies, daß er nicht der Erlöser sei, nach dem sie ausschauten. Seine Behauptungen, er sei Gottes Sohn, konnten Aufruhr Hervorrufen und die Sicherheit seiner Mitbürger gefährden, zum Ersatz aber nichts Gutes gewähren. bedeutet: salben, mit der besonderen Beziehung, auf das gesalbte Object eine gewisie Heiligkeit übertragen. Salbung wurde an den Äönigcn, Hohenpriestern, dem Altar, der Stistshntte, den heiligen Gefäßen und anderen Gegenständen, die beim Gottesdienste gebraucht wurden, vollzogen. Sie übertrug folglich eine Art Weihe auf Dinge wie Personen und bei den Personen war sie zugleich das Symbol einer gottgegebenen Macht. Amberley. Wir haben in unsrer „Rcligionslchre" B. IH, S. 133 ff. die jiid. Messiasidee in ihrer Entwickelung dargcstellt, und S. 135, Anm. 2) das Wort mara, soweit es in der h. Schrift vorkommt, erörtert. Es ergab sich, daß dieses Wort die Bedeutung „Messias" in der ganzen h. Schrift nicht hat. Redaction. Christen haben behauptet, daß die Juden mit ihrer Auffaffung des messianischen Charakters gänzlich im Unrecht gewesen wären und daß Jesus durch sein bewundernswerthes Leben ein höheres und vollendeteres Ideal in die Welt brachte. Sie bewundern ihn, daß er keinen weltlichen Besitz beanspruchte und loben seine Niedrigkeit, seine Demulb, seine Unterwürfigkeit, die Geduld, mit der er seine Leiden trug und die ganze Reihe derartiger Tugenden. Nach ihrer Meinung war es nur die Blindheit der Juden, die sie daran verhinderte, in ihm einen weit größeren Messias zu erkennen, als sie irrthümlich erwartet hatten. Noch mehr, sie sagen, daß ein fernerer Jrrthum dieser stumpfsinnigen Nation die Erwartung eines irdischen Reiches gewesen sei, in welchem Christus herrschen würbe, während es nur ein geistiges Reich war, das er einzusetzen kam. Aber wer sollte wohl Richter über den Charakter des Messias sein, wenn nicht die Juden, zu denen er kommen sollte? Schon der Gedanke an einen Messias war ihnen allein eigen. Er war im Verlaufe ihrer Nationalgefchichte entstanden und in ihren Nationalprophezeiungen niedergelegt. Sie allein waren seine berechtigten Interpreten; sie allein konnten sagen, ob er in dem betreffenden Jndividuum erfüllt sei. Es ist sicherlich ein Beweis höchst erstaunlicher Anmaßung seitens der Nationen heidnischen Ursprungs, zu behaupten, daß sie befähigter als die Juden selbst feien, die Bedeutung einer jüdischen Bezeichnung zu verstehen; einer Bezeichnung, welche vor der Zeit Jesus irgendwelchen Sinn weder hatte noch haben konnte, als denjenigen, den die Juden selbst damit verbanden. Christen, welche nicht nur ihre Vorstellung des messianischen Charakters, sondern sogar ihre Kenntniß des Wortes nur von Jesus allein herleiten, erkühnen sich, die Juden zurechtzusetzen, unter denen es eine geläufige Vorstellung war schon Jahrhunderte bevor er in seiner Mutter Schoß empfangen war!" — (Fortsetzung folgt.) 6u,<xdaucßbeu;. Deutschland?) Berlin, 20. Oct. Da einmal auch in diesem Blatte von dem Vorgänge Notiz genommen worden, sei bemerkt, daß in dem Proceffe des I)r. Singer gegen den Studenten Richter, weil dieser gesagt habe, daß der erstere am Freitag Abend Clavier gespielt, die Entscheidung vor dem Universitätsrichter dahin getroffen worden: Die orthodoxen Juden bildeten keine besondere Claffe im Staate, so baß eine Benachtheiligung in der Meinung derselben nicht als Verleumdung vom Gesetze anerkannt werde. Pleß, 20. Oct. sPrivatmitlh.) Wenn die Veranlagung I) Wegen Mangel an Raum ist der Bericht über die Rabbinerversamint. der Prvv. Posen für die folg. Nr. znriickgLdlicden. Red. zu der folgenden ausführlichen Mittheilung an sich unbeteudend ist, so scheint doch der eigentliche Gegenstand vvn Wichtigkeit genug. um den Abdruck des ganzen Schriftwechsels zu rechtfertigen. Er kann in ähnlichen Fällen lehren, daß man die Sache bei etwaiger Zurückweisung unterer Instanzen nicht fallen lasten möge, sondern nörhigen Falls bis zur höchsten Behörde gehe. Der zu Grunde liegende Vorgang wird aus den Schriftstücken selbst ersehen werden. Pleß, den 9. Mai 1876. I. Der Königliche Staatsanwalt. Aus Ihre Anzeige vom 7. April er. wider die Häuslerfrau Jadwige Wittek wegen Vergehens wider die Religion eröffne ich Ihnen, daß die Handlung der Beschuldigten nicht aus § 167 des Strafgesetzbuches strafbar erscheint, weil nur