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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-10-31 · Heft 44 (31.10.1876) · p. Seite 705

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 44 (31.10.1876)
Date
1876-10-31
Page
Seite 705 (sequence 3)
Language
German
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705 hin angenommen werden kann. Um nur eine augenblickliche Behauptung derselben zu rechtfertigen, müßten wir im Besitz der Umstande des Falls sowohl von Seiten der Avvocaten der Nation sein, als von Seiten der Avvocaten der Individuen, die durch die Handlung der Nation litten. Eine einseitige Darstellung der Anhänger einer überführten Person kann nie genügen, ein abschließendes Berdict gegen deren Richter zu geben. Die gewöhnlichsten Regeln der Unparteilichkeit verbieten dies. Und doch geschieht dies gewöhnlich. Nicht ein einziger Bericht des Proceffes Jesu von Seiten der Ankläger ist auf uns gekommen. Josephus, der uns hatte aufklären können, schweigt darüber.'-) Andrerseits hat die Bertheidigung uns mit ihrer Auffassung von dem was vorging, versehen und nach diesen so unvollkommnen Materialien müssen wir uns bestreben, zwischen Beiden, so gut wir können, eine Entscheidung zu treffen. Um dies in gerechter Weise zu thun, dürfen wir nicht vergessen, daß selbst, wenn die Anschuldigungen, die gegen Jesus gemacht wurden, den Unwillen seiner Ankläger nicht rechtfertigen sollten, es mindestens unwahrscheinlich ist. daß dieser Unwille gänzlich ohne vernünftigen Grund war. Und so schmerzlich es sein mag, zu der Annahme gezwungen zu werden, daß Jesus im Unrecht war, so würde es sicherlich — hatte nicht lange Gewohnheit unsre natürliche Empfinvungsweife beeinflußt — ebenso schmerzlich sein, anzunehmen, daß eine große Menschenmenge nur aus Bosheit gegen einen tugendhaften Mitbürger sich verschworen habe, ihn aus absolut grundlose Beschuldigungen hin zu tödten. Die Ehre eines heroischen und vor Allem eines tief religiösen Volkes steht hier in Frage. Es ist keine gleichgülrige Sache, gegen ein solches unbewiesen die Anklage eines Justizmordes zu erheben. Eine glücklichere Lösung würde ohne Zweifel sein, wenn nachgewiesen werden könnte, daß das verurtheilre Individuum nicht absolut schuldlos war. Möglicherweise aber können wir beide Alternativen vermeiden. Gerade wie nach der geschickten Beweisführung Grote's rer aufrichtige Charakter des Sokrates mit dem Sinn für Recht bei den Athenern, die ihn verurtheilten, vereinbar ist, so ließe es sich begreifen, daß die Unschuld Jesu neben der Thatsache bestehen könne, daß die Juden, die ihn kreuzigten, mcht durchaus ohne Entschuldigung waren. Eine Prüfung dieser.Frage muß mit sorgfältiger Rücksichtnahme auf die ererbten Gefühle rer orthodoxen Hebräer in Religionsangelegenheiten geführt werden, mit Beachtung der Begriffe, die sie sich über Heiligung und folglich über deren Gegensatz, Lästerung, gebildet hatten, mit dem Wunsche womöglich Gerechtigkeit selbst gegen die Borurtheile, die ihren Gesichtskreis untwölkten, zu üben und die ganze Intensität der Empfindungen sich zu vergegenwärtigen, die ihr nationales Leben beherrschten und sie verpflichteten, ihr Gesetz in feiner ganzen strengen Reinheit 2) Es ist dies sehr erklärlich, da der ganze Vorgang zu Josephus' Zeit für das Volk gar keine Folgen gehabt hatte. S. unsre Broschüre S>. 4». Redaction. aufrecht zu erhalten. Wir müsien uns erinnern, daß die Juden vor allen Dingen Monotheisten waren. Seit der babylonischen Gefangenschaft hatten sie jeden Ueberrest des Götzendienstes beseitigt, hatten an der Einheit und Majestät Jehovahs mit einereisernen Festigkeit gehalten, die keine verlockende Versuchung, kein noch so schweres Leid hatte brechen können. Wenn sie jetzt bereit waren, für diese Glaubensansicht zu verfolgen, so hatten sie sich wenigstens fähig gezeigt — und zeigten sich bald wiederum fähig — Verfolgungen für sie zu erdulden. Ihr Gesetz mit feinen monocheistischen Lehrsätzen und deren praktischen Verpflichtungen war ihnen auf's Höchste geheiligt. Jeder Versuch, jene Vorschriften §u verletzen oder seine Autorität in Frage zu stellen, erregte ihr Entsetzen. Einen anderen Gegenstand der Verehrung als den von ihnen anerkannten aufzustellen, einen anderen Glauben als den, welcher auf dieser Grundlage beruhte, zu lehren, war Lästerung in ihren Augen. Das Glück, ja die ganze Existenz der Nation war an diese strikte Observanz geknüpft. Das mag eine Täuschung gewesen fern, aber es war eine Täuschung, für welche die damalige Generation keine Verantwortung trug. Sie war ihnen von ihren Boreltern überliefert und ihnen mit der Heiligkeit ehrwürdigen Alters überkommen. Wenn es eine Täuschung war, so war es eine, welche der Pentateuch selbst, welche Josias mit seinen resormirenden Maßregeln, welche Esra mit seinem Reinigungseiser, welche die Propheten und Priester der alten Zeiten, die für die Religion Jehovah's fochten und arbeiteten, gehegt und gepflegt hatten. Es war ihnen nur allzu wohl gelungen, dem Geiste der Nation die tiefe Ueberzeugung einzuprägen, daß, um sich die Gnade Gottes zu sichern, sie jedes Jota der geosienbarteu Wahrheit, die sie empfangen hatten, aufrecht erhalten müßten, und daß sein Zorn nicht ausbleiben würde, wenn sie im geringsten Grade deren Corrumpirung oder Vernachlässigung duldeten. Nichtsdestoweniger waren die äußersten Anstrengungen des Volkes, die Reinheit des Glaubens zu bewahren, bis jetzt mit wenig anderem als Elend belohnt worden, Nur kurze Zeit nach der Wiederaufrichtung des Tempels war ihnen Ruhe vergönnt gewesen. Ähr Heimathland, bald ein Raub der Seleuciden, bald der Ptolemäer, war der Schauplatz unablässigen Kriegsgetümmels; nur unter den Hasmonäern erfreuten sie sich einer kurzen Periode der Unabhängigkeit und guter Regierung. Ihr Staat erlitt einen harten Stoß durch die Einnahme Jerusalems durch Pompejus, behielt nur einen Schatten der Freiheit unter der grausamen Tyrannenherrschaft des Herodes und fiel zuletzt kurze Zeit vor dem öffentlichen Auftreten Christi unter die directe Verwaltung der unsympathischen Römer. Ein unerträglicheres Verhangniß konnte kaum erdacht werden. Die Römer kannten keine Rücksicht auf ihre Gefühle, kein Erbarmen für ihre Gewiffensbedenkeu, hatten kein Verständniß ihrer eigenthümlichen Gebräuche. Daher beständige Collisionen zwischen Herrschern und Beherrschten. Es ist nicht nöthig, im einzelnen auf die unseligen Kampfe einzugehen 44*

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