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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-10-31 · Heft 44 (31.10.1876) · p. Seite 704

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 44 (31.10.1876)
Date
1876-10-31
Page
Seite 704 (sequence 2)
Language
German
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704 fördern mußte, und endlich den eingewurzelten Respect, die unverwüstliche Pietät gegen die Vorgänger und Altvordern als die ursächlichen Momente anerkennen müssen. Aber selbst das Vorhandensein von Schismen und Secten in einer Religion erscheint uns durchaus nicht als ein Verfall oder wesentliches Uebel. Es liegt darin mehr Erweis energischen Lebens und frisch rhätigen Geistes, während eine einheitliche, unverrückbare Organisation langsam, aber sicher erdrückt und tkdtet. — Das fünfte Capitel des zweiten Abschnittes beschäftigt sich nun mit den „heiligen Personen oder Propheten" und zwar der Reihe nach mir Confucius, Laö-tse, Gautama Buddha, Zarathustra, Mahomet, Jesus Christ. Was hier sofort aufsällt, ist, daß der Berfaffer MoseS völlig übergeht und ihn auch an keinem anderen Orte seines Werkes behandelt. Der Grund hierfür ist uns durchaus unerfindlich, da der Verfasser sich nicht darüber ausläßt. Er behandelt im zweiten Bande den Pentateuch ausführlich und zwar aus der Zeit, in welche dessen Abfaffung die Tradition versetzt. Die Kennzeichen, die er als charakteristisch für einen Propheten ausstellt, passen gänzlich auch auf Moses, und dennoch übergeht er ihn. Es ist schade, daß wir den eigentbümlichen Grund nicht erfahren, aus welchem er dies gethan. Wie er bei Buddha den historischen und den mythischen Buddha unterscheidet, so theilt er das Capitel über Jesus in 1. den historischen Jesus, 2. den mythischen Jesus, 3. den idealen Jesus, 4. was mußten die Juden von ihm denken? 5. was dachte er von sich selbst? 6. was dachten seine Schüler von ihm? 7. was denken wir von ihm? Es ist hier nicht unsre Absicht, die Kritik, welche Amberleh über diesen Gegenstand übte, und die Ansichten, zu denen er gelangte, auseinanderzusetzen. Der Berfasier huldigt keiner Art von Borurtheil und bethätigt einen scharfen, eindringenden Blick, dagegen kennt er die Resultate der deutschen kritischen Forschungen nicht hinreichend, um sich derselben zu bedienen und sich auf sie zu stützen. Für uns aber hat der vierte Abschnitt: „Was die Juden über Jesus dachten?" ein wesentliches Jntereffe, und hier ist es, wo der englische Autor eine Unbefangenheit und Vorurrheilslosigkeit bewährt, wie wir sie bei einem deutschen selten gefunden haben. Amberley beginnt diese Untersuchung mit folgender Auseinandersetzung über die Lage der Dinge. „Siegreich für den Augenblick über Christus, wurde die jüdische Ration von einer frühen Periode der christlichen Geschichte an ihrerseits seinen Bekennern unterworfen. Ihr Staat zertreten durch den eisernen Fuß des Vespasian, ihre Ration in alle Winde zerstreut durch Hadrian, hörte elfterer auf zu existiren, nicht lange nachdem er den Gründer des neuen Glaubens vernichtet hatte. Ihre Religion von cen heidnischen Römern nur unter erniedrigenden und kränkenden Bedingungen geduldet, bis auf den Tod verfolgt von den Christen, erlitt bis auf die heutige Zeit eine so schreckliche und grausame Unterdrückung, daß, ohne die tiefe und unerschütterliche Anhänglichkeit ihrer Bekenner, sie niemals diese Gefahren hätte überstehen können. Dadurch ist der Verlauf der Ereignisse ein solcher gewesen, daß diese unglückliche Nation nie, bis auf die allerneueste Zeit, die nöthige Freiheit genoß, um ihre Auffasiung in der Sache Jesus, des Sohnes Joseph's zu geben; während zugleich das allmalige Hinschwinden des früher gegen sie gefühlten Haffes jetzt, wo ihnen diese Freiheit gewährt ist, die Wichtigkeit für sie mindert, eine noch immer unpopuläre Sache zu führen. *) So kommt es, daß nur die eine Seite in der Streitfrage, die der Christen, nach Recht und Billigkeit gehört ist. Diese in der Thal sind in der Darstellung ihrer.Ansicht nicht zurückgeblieben; jede Bezeichnung, die Verachtung, Haß oder Unwille eingeben konnten, wurde auf die Generation rer Juden gehäuft, welche eie unmittelbaren Veranlasser der Hinrichtung Jesu war, während alles folgende Elend ihres Stammes von der Partei, welche dasselbe ihnen mit Freuden zufügte, als Beweis der göttlichen Rache für diese eine schuldvolle Handlung betrachtet wurde. Auch Freidenker zauderten nicht, die Juden als einer unverzeihlichen Verfolgung schuldig zu verurtheilen, der Verfolgung eines Mannes, welcher, wenn sie ihn auch nicht für einen Gott halten, ihnen doch frei von jeder Schuld erscheint. Auf der einen Seile steht nach der allgemein geltenden Auffassung das unschuldige Opfer; auf der anderen das blutdürstige jüdische Volk. Alles Gute ist bei dem einen, alles Böse bei dem anderen. Man nimmt an, daß nur ihre Hartherzigkeit, ihr Widerwille gegen die reine Lehre des Erlösers, ihr Eigensinn, die Augen vor dem Licht und die Ohren vor den Worten der Wahrheit zu verschließen, sie zur Begehung eines so großen Verbrechens verleiten konnte. Wahr oder nicht wahr, leidet diese Theorie jedenfalls an dem Fehler, daß man sie ohne nöthige Prüfung hingenommen hat. Eine Ansicht kann auf keinem soliden Grunde beruhen, wenn nicht ihr Gegensatz competente Bertheidiger gefunden hat. Das ist im gegenwärtigen Fall nicht geschehen. Aus den oben angeführten Gründen ist die christliche Ansicht unbestritten geblieben und Schriftsteller nach Schriftsteller hat sie angenommen und wiederholt in der unüberlegten Weise, in der wir alle Behauptungen wiederholen, über die kein Streit ist. Und doch wird eine sehr kleine Ueberlegung zeigen, daß eine so einfache Erklärung des Vorgangs u priori wenigstens kerne Wahrscheinlichkeit zu ihren Gunsten hat. Daß eine ganze Nation gänzlich im Unrecht und wenige Individuen allein im Rechte sein sollten, ist eine Annahme, die nur auf die allerüberzeugendste Evidenz l) Wenn Amberley die einschlägige Literatur mehr gekannt hätte, so würde er obigen Ausspruch hinsichtlich der Gegenwart nicht mehr zutreffend gesunden haben, nachdem jüdisckcrseils über den Proceß Jesu von Salvador, Saalschutz, S. Hirsch; Grätz, S. Mayer geschrieben worden und unsere bekannte Broschüre (welche doch auch in's Englische zwei Mal übersetzt worden) erschienen ist. Indcß ist es uns im Augenblicke sogar angenehm, daß der Biseouut diese Arbeiten nicht gekannt hat, so daß seine Auseinandersetzung allein Ausfluß seines! eigenen Geistes und Ergebniß seiner eigenen Untersuchung ist, wobei wir gern hervorhcbcn, daß er mehrere Momente ausführlich behandelt, 'die früher mehr obenhin berührt worden. Redaclion.

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