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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-10-24 · Heft 43 (24.10.1876) · p. Seite 692

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 43 (24.10.1876)
Date
1876-10-24
Page
Seite 692 (sequence 6)
Language
German
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692 Alzey, im Oclober. (Privatmittheil.) Das Armenwesen, namentlich was die Bettelei betrifft, ist in zahlreichen jüdischen Gemeinden noch immer wenig geordnet, und es erscheint daher als eine besondere Aufgabe Ihrer Zeitung, Berichte über daS Gegentheil auch ans Mittelgemeinden zu bringen, wie Sie es jüngst auch aus Bonn thaten, um das gute Beispiel anderen Gemeinden vorzuführen. Ich übersende Ihnen daher den jüngsten Bericht des Vorstandes des hiesigen israelitischen ArmenvereinS über die Jahre 1874/75 und 1875/76. Der Verein zählt 52 Mitglieder und diese zahlten an Beittagen im erstgenannten Jahre 1663 Mark, im zweiten 1585 Mark, was also durchschnittlich über 30 Mark jährlich auf Las Mitglied macht. Man wird zugestehen, daß dies eine nicht zu unterschätzende Opferwilligkeit für die Armenpfiege erweist, welche neben so vielen anderen Steuern uud Gaben von einer edlen Gesinnung zeugt. Außerdem kamen dem Vereine Geschenke zu, so daß er im ersten Jahre 1351 Mark, im zweiten 1952 Mark verausgabte. Die Hauptausgaben wurden für Kranke, Wittwen und verschämte Arme der Stadt und Umgegend verwendet. In den beiden Jahren zusammen wurden 155 durchreisende deutsche Bettler mit 318 Mark und 98 polnische Bettler mit 66 Mark versehen. Außerdem erhielten der Stipendienfond der Hochschule in Berlin 40 Mark, die Ueberschwemmten in Sohren 30 Mark und die Abgebrannten zweier russischer Städte 40 Mark. Der Vorstand macht die Bemerkung: „Wir haben durch das von vornherein aufgestellte Princip es dahin gebracht, daß wir von wenigen s. g. Wanderbettlern und namentlich von einer geringen Zahl polnischer Schnorrer nur noch belästigt werden und stehe» nicht an, gestützt auf die gemachten Erfahrungen, wiederholt zu erklären, daß fast sämmtliche durchreisende Bettler nicht genügend zur Unterstützung legitimirt und auch ver kleinsten Gabe unwürdig sind. Andrerseits ist es uns gelungen. den überaus größten Tbeil unsrer disponiblen Mittel nur solchen zuzuwenden, die jeder Unterstützung würdig sind." — Ties ist gewiß ein erfreuliches Resultat und fordert zur Nachahmung auf. Augsburg, im October. (Privatmitth.) Gestalten Sie mir, an dieser Stelle einige Worte über einen immerhin nicht unbedeutenden Gegenstand auSzusprechen, wenn ich auch dabei auf einige Monate zurückgreifen muß. Daß das christliche Missionswesen, das jetzt innerhalb der evangelischen Christenheit 78 Missionsgesellschaften auf mehr als 1560 Stationen und einen jährlichen Geldaufwand von 22 Millionen Mark zu seinen Diensten hat, nicht allein den gewünschten Erfolg nickt hat, sondern in mehrfachen Beziehungen schädlich wirtt, ist von christlichen Gelehrten und Deukern, ja auch von der öffentlichen Meinung längst anerkannt. Die „Haager Gesellschaft zur Bertheidigung der christlichen Religion" hat daher eine Preisaufgabe ausgeschrieben, welche die Berbesierung der bisherigen Missionsmethode zum Inhalt hat. Der Preis ist einer Schrift von Ernst Buß, Pfarrer zu Zofingen, zuertheilt und diese (Leyden, Brill, 1876) veröffentlicht worden. In der hiesigen „Allg. Zig." Beilage vom 28. Juli ist über diese Schrift ein ausführlicher Bericht gegeben morden, und auf diesen beziehe ich mich hier. Bekanntlich hat vor einigen Jahren Herr F. Langhaus in Bern in ausführlichen Schriften, welche auch in diesem Blatte z. Z. besprochen worden, die gründlichsten Mittheilungen über die Mission sarbeit gegeben und den Stab über sie gebrochen. Buß ist vielmehr ein Freund des Missionswesens und will daffelbe nur in feiner Organisation umgestalret, in seiner Methode uud Tendenz verbessert wissen. Auch er giebt zu, daß das jetzige Missionswesen vielfach mehr noch Mißachtung und Haß bei den Religions- Parteien, die es bekämpft, hervorruft. Die Missionsgesellschaften mögen sich daher, wie sie eS in ihren Blättern schon oft gethan, nicht mehr bitter über die Art, wie in denselben über sie gesprochen werde, beklagen. Sie sehen, daß gleiche Stimmen in der christlichen Welt nicht fehlen. Was Buß den Missions- Vereinen und deren Organen am meisten vorwirft und als ihren Grundfchadeu ansieht, ist der Pietismus, der sie alle beherrscht, und ver sie vorzugsweise auf die Dogmen und auf nichts werter sehen läßt, und ihnen die apokalyptischen Phrase» auf die Zunge legt. Dies wendet Buß besonders auf die Missionare an, die als Juvenbekehrer austreten und erklärt hieraus deren immerwährendes Fiasco. Er rärh ihnen daher, von den Dogmen möglichst viel fallen zu lassen. Als Beispiel berichtet Buß: „von einem Juden, der voll Hochachtung für den erhabenen Geist des Christenthums, sich freudig zu demselben bekennen zu können erklärte, der aber vom Uebertritt abstehen mußte, weil er nicht alle Dogmen, die ihm der Mrssionär als zum Glauben nothwendig vorgestellt Hane, nachzusprechen vermochte. Die Taufe wurde ihm wegen dieser Aufrichügkeit seiner Wahrheitsliebe vorenthalten." Wir müssen gestehen, daß uns diese Aeußerungen des Herrn Pfarrer Buß sehr frappirl haben, und sagen offen, daß sie uns — auf einen frommen Betrug auszulaufea scheine». Die christliche Kirche als solche hält überall diese Dogmen als das Fundament des Christenthums fest, und nun soll man Andersgläubige bekehren, ohne ihnen diese Dogmen beizubringen und sie darauf gewiffermaßen zu verpflichten! Wenn nun ein solcher Bekehrter schon an das Taufbecken tritt und da lediglich die Taufformel hört, muß er sich da nicht sagen, daß man ihm eine Täuschung gespielt? Der Christ, der einer Kirche angehört, mag seine Ueberzeugung über die Dogmen gestalten wie er will. Er gehr dabei veu geraden Weg der Ueberzeugung. Wer aber von einer anderen Religion zur Kirche übergeht, darf dies nicht in Form eines gestaltlosen Christenthums thun, sondern mit dem vollen Dekenntniß zu der wirklichen Lehre dieser Kirche. Sonst har er sich und sie bettogen — betrogen in dem, was dem Menschen am heiligsten sein muß, insbesondere dem Juden, was hat ihm das Christenthum specifisch zu bieten, wenn es seine Dogmen aufgegebeu hat? Findet er nicht Alles, was eS ihm noch zu geben hätte, längst in seiner väterlichen Religion? — Herr Buß

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