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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-10-24 · Heft 43 (24.10.1876) · p. Seite 690

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 43 (24.10.1876)
Date
1876-10-24
Page
Seite 690 (sequence 4)
Language
German
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690 lisches. Heidnisches, und wieder Buddhistisches, Chinesisches, selbst Polynesisches, steht Alles auf einer Linie als Aeußerung und Verkörperung der Religion. Ein Ausspruch Jakob's (1 Mos. 28, 20) z. B. gilt ihm für eine Grundlehre des Judenthums, wie es jetzt besteht, während doch schon Moses selbst einen wesentlichen Unterschied zwischen den Begriffen der Erzväter und seiner Lehre macht (2 Mos. 6, 3), ja gilt ihm für den charakreristischen Inhalt aller Gebete!l) Der doch schon sehr durchzeistete Parsismus wird nicht anders behandelt als der afrikanische Fetischismus. Daß so alte Religionen wie das Judenthum und selbst das Christemhum eine reiche, vielgestaltige Entwickelung hatten, die bei aller Beständigkeit der Grundgedanken doch sehr verschiedenartige Phasen durchschritten hat, welche auseinanvergehalten sein wollen, kommt dem Verfasser gar nicht ein. Mosaismus, Prophetismus und Talmudismus bieren ihm ohne Unterscheidung wie der jüngste rabbinische Brauch das Material. Endlich stießen ihm die Quellen nicht gleich reichhaltig. Au verwundern ist es, daß Amberley trotz seiner classischen Bildung aus dem griechischen und römischen Heidenthume nur sehr Weniges anführt. Während er für die anderen heibuifchen Religionen eine umfassende Literatur benutzte, kennt er für das Judenthum außer der h. Schrift und Ewald's „die Propheten des Alten Bundes" nichts als „tiie Book of ihe Religion, Ceremonies anil Prayers of the Jews etc. Translated from the Ilehrew by Gamaliel ben Pedahzur. Lond., 1738, gewiß ein sehr mangelhaftes Handbuch. Amberley unterscheidet in den äußeren „Kundgebungen der religiösen Gefühle die Per bindungsmittel aufwärts (vom Menschen zu Gott) und die abwärts" (von Gott zum Menschen.) Zu der ersteren Claffe gehören geheiligte Handlungen, Plätze, Gegenstände, Personen und Vermittler. Die geheiligten Handlungen wiederum sind Gebete, Opfer, Feste, Gebräuche an riesen und bei den einzelnen Lebensarten wie Geburt, Pubertät, Heiralh und Tod. Es rsr erstaunlich, welche geringe Ansicht der Verfasser vom Gebet har und in demselben überall nichts als ein Mittel seitens rer Menschen sieht, um die Gottheit durch Lobpreisungen zu bestechen und ihr Vorstellungen zu machen. Daß im Gebete das menschliche Herz seine Gottesverehrung, seine Zuversicht auf Gott, seine Bitten um Alles, was ihm Noth thut, was es bedrängt, was es fürchtet und endlich seinen Jubel über Rettung und Befreiung ausschültet, und dies mehr oder weniger aus der Fülle der unmittelbaren Empfindungen heraus thut, davon drückt Amberley nicht das geringste Bewußtsein aus, sondern sieht selbst in den Hymnen nur Schmeicheleien, die man der Gottheit darbringl, um sie zu verpstichlen, uns Gutes zu erweisen. Er schreibt diesen Beweggrund nicht blos dem Gebere Salomon's bei der Tempelweihe (1 Kön. 8) zu, das er wiederholt hervorhebt, son- I) Wer den Ausspruch Jakob's an der angef. Stelle im Zusammenhänge liest, sieht, daß damit kein „Vertrag" geschlossen, keine Bedingungen ausgestellt werden, sondern nur die Zeitsotge angedeutet wird, etwa: wenn ich glücklich zur Heimath zurückkehre» will ich an diesem Platze ein Gotteshaus errichten und Gott anbeten. — dern auch den Psalmen. 2) Und doch giebt es so viele hymnologische Psalmen, die außer dem Lobe Gottes auch nicht ein Wort vom menschlichen Bedürfen enthalten, Psalmen, welche alle Opfer verwerfen, weil Gott nicht ihrer, sondern nur des frommen Herzens und des gerechten Wandels achtet, Psalmen, in welchen die lauterste Sittlichkeit als die Bedingung aufgestellt wird, sich Gott zu nahen, z. B. Ps. 15. 24, 3 ff. Daß auf einer niederen Stufe der Erkennlniß die Menschen durch Opfer, Heiligthümer, Geber, die Gottheit zu verpstichlen die Vorstellung hatten, will man ja nicht leugnen; aber diesem Fetischismus enttangen sich die Menschen und wer die religiösen Dinge richtig beurtheilen will, bars die Menschen nicht blos auf dieser unteren Stufe betrachten. ^iicht minder völlig oberstächlich und äußerlich sind die Vorstellungen des Verfassers über die Opfer. Bon der Symbolik derselben hat er keine Ahnung, am wenigsten von der Symbolik des mosaischen Opfercultus. Hier ist sicherlich die Entwickelung eine entgegengesetzte gewesen. Die Opfer stammen auS der Zeit der symbolischen Denk- und Gefühlsweise, welche rer Verstandesentwickelung voranging. Mit der letzteren, je weiter sie vorschritt, ging das symbolische Verständniß verloren und die Opfer mit dem gesammten Heiligthume wurden nach nüchternen Verstandesgedanken gedeutet. Der Verfasser hält sich an diese. Seine umfassende Kunde von den Begriffen halbcultivirter und roher Bölkerftämme führte ihn hier um so mehr irre, daß er sie auch den monotheistischen Religionen unterschiebt. Die Opfer sind ihm nur Geschenke, dargebracht wie man es den irdischen Herrschern that, um ihre Gunst zu gewinnen oder ihren Zorn zu besänftigen. Solcher werthvollen Gaben hätte man in seinem Verhältnisse zu Gott gar nicht zu entbehren vermocht, uno auch das Christenlhum habe die Welterlösung nur durch ein Opfer des Werthvollsten, des Sohnes Gottes, für möglich gehalten. Wir haben in unsrem Bibelwerk und in mehrfachen Abhandlungen, die diese Zeitung veröffentlicht hat, zu oft gezeigt, wie derartige Vorstellungen von den Opfern erst später, als das tiefere Verständniß erloschen war, gang und gäbe wurden, als daß wir den Erweis hier noch einmal führen sollten. — Dürftig ist auch, was der Verfasser über den Sabbath sagt. Hätte er die Stellen der h. Schrift über denselben gelesen, so würde er nicht den Sabbath als bloßen Tag für den Gottesdienst verstanden haben. Das Sabbalhgesetz spricht nur von dem Ruhen an demselben, vom Feiern von aller Arbeit, um sich diesen Tag hindurch vom materiellen Leben frei zu machen und fern zu Hallen. Erst im Opferritus wird ein Zusatzopfer am Sabbath vorgeschrieben. Die höhere geistige unv die eminent sociale Bedeutung des Sabbaths entgeht dem Verfasser gänzlich. Da er die Feste deS Juvenlhums nur auf die Naturvorgänge und geschichlliche Veranlassung bezieht, übergeht er das Drommeten- und das Versöhnungsfest. Wenn Salomon in dem Weihegebete die Erhörung 2) Warum führt Amberley nicht auch das „Vater Unser" an, wo es doch auch heißt: „unser tägliches Brod gieb uns heute?"

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