Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-10-24 · Heft 43 (24.10.1876) · p. Seite 689

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 43 (24.10.1876)
Date
1876-10-24
Page
Seite 689 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227069-3227113--34848-3304764
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

689 die letzten Schranken auch für die Gleichstellung der Juden fielen, hat in seinem hohen Aller den Schmerz erlitten, seinen einzigen Sohn im kräftigsten ManneSalter, Viscount Amberley, in's Grab senken zu sehen. Der Verstorbene war ein höchst durchgebildeter, ja gelehrter Mann, im Geiste seines Vaters fteisinnig und vorurtheilslos. Er hatte sich viel mit theologischen, noch bester gesagt, mit religiouswiffenschaftlichen Untersuchungen beschäftigt, und als Resultat ein ausführliches Werk vergleichender Religionswiffenschaft unternommen. Ein großer Theil desielben war zum Drucke von ihm überarbeitet, ein anderer noch nicht ganz vollendet, als der Tod seinem Forschen und Schaffen ein Ziel setzte. Diese Schrift liegt jetzt — in vorzüglicher Ausstattung — in zwei starken Bänden vor uns, unter dem Titel: An Analysis of Religious Belief by Viscount Amberley. London, Trübner, 1876. Sie rief in England vielfache Beachtung und günstige Beurtheilung hervor. Wenn gegnerische Stimmen weniger laut wurden, so geschah dies wohl aus Achtung vor dem Todlen und besten greisen Vater. Auch wir können uns der Aufmerksamkeit auf dieses Werk um so weniger entziehen, als eine Anschauungsweise, wie sie der Versaffer entwickelt, in Englaub noch immer selten ist und sich von der deutschen Behandlungsweise des Gegenstandes vielfach unterscheidet. Daß das Jubenthum in dem Kreise, welchen der Versaffer durchschreitet, einen bedeutenden Raum einnimmt, setzt man wohl schon voraus. Vor Allem wollen wir nun den Geist der Borurtheilslosigkeit hervorheben, der den Verfaffer beherrschte und leitete. Er hat es verstanden, sich auf einen vollkommen objectiven Standpunkt zu versetzen. Uno Jedermann, der auf diesem Gebiete bekannt ist, wird dieses Lob zu würdigen wisten. Er tritt nirgends apologetisch ober polemisch auf; er macht alle seine Bemerkungen vom ruhig kritischen Gesichtspunkte aus. Jede religiöse Erscheinung betrachtet er von dem Werthe aus, den sie ihm zu haben scheint, ohne Vorliebe, ohne Vorunheil. Hier und da nur kann er sich der Ironie nicht enthalten, wo die Prätensiönen einer Religion mit der Vernünftigkeit ihrer Lehren gar zu sehr in Widerspruch treten. Hiermit wollen wir nicht gesagt haben, daß Amberleh's Anschauung die richtige sei, seine Methode eine tadellose, und er im Detail nicht in sehr viele Jrrthümer verfallen ist. Wohl aber rühmen wir sein unpaNeiisches Streben, das in der vergleichenden Religionswistenschaft das einzig Haltbare ist. Hierzu kommt, daß der Versaffer einen außerordentlichen Fleiß in der Sammlung seines Materials, in der Aufspeicherung von Notizen, die er aus fernliegenden Werken, namentlich Reiseberichten, erholte, bewährt hat. Wir dürfen jedoch, um zu einer richtigen Beurtheilung zu gelangen, den Unterschied nicht übersehen, der in Allem, was Religion und Theologie betrifft, zwischen England und Deutschland besteht. In den Geistern der Britten herrscht auch in der Religion der kalte nüchterne Verstand vor, der auch die religiösen Erscheinungen und Handlungen als etwas Thatsachliches auffaßt, als ein bestimmt Bestehendes, dem sein Recht geschehen müsse, während der deutsche Genius sich mehr auf den inneren Gehalt richtet, und die geistige Bedeutung und Austastung ihm als die Hauptsache erscheint. Die orthodoxe Buchstabengläubigkeit, das strenge Festhalten an Form und Norm ist deshalb vorzugsweise in England heimisch, und verbindet sich darum dennoch mit Duldsamkeit, mit Gewiffensfreiheit. Aber auch die englische Kritik geht von derselben Richtung aus, und betrachtet ihren Gegenstand als etwas Thatsächliches, das in seiner Realität mit dem Verstände angeschaut und beurtheilt sein will. Eine tiefere Versenkung in den geistigen Inhalt, eine Auffastung von Seilen des Gemüthes und der Einbildungskraft und vor Allem die historische Betrachtung, d. h. die Erforschung der geschichtlichen Entwickelung und ihrer Phasen ist allein Eigenihum des deutschen Geistes, der aber gerade wegen seines riefern Bewußtseins zu enlschievnerem Affecte, zur Feindseligkeit gegen das geneigt ist, was ihm widerspricht, zur Unduldsamkeit. Darum entbrannte auch in Deutschland der jüngste Culturkamps so heftig, während er in England nicht zum Ausbruch kommt, weil der Brille das Bestehen eines Anderen als natürlich und dessen Bestreben nach Geltung und weiterem Terrain als selbstverständliche Consequenz ansieht. Wir erkennen dies auch, wenn wir einen Blick aus Gladstone und Amberley werfen. Gladstone erkennt das Dogma von der Göttlichkeit Jesu und der Welterlösung durch desten Tod als unumstößliche Wahrheit an. Er rubricirt daher alle vorhandenen Religionen und Seelen in zwei Elasten, in die, welche dieses Dogma zum Fundament haben, und in die, welche es niemals gehabt und es verwerfen. Die erste Elaste rubricirt er dann wieder in die vorhandenen Kirchen, die anderen gelten ihm so gut wie nichts. Ganz entgegengesetzt Amberley. Er verwirft jenes Dogma und ironisirt darüber; ihm liegt in der Religion nur der Begriff des Strebend nach einem Verhältniß zum Uebersinnlichen. Unsichtbaren, und von diesem Begriffe aus stehen alle Religionen, die heidnischen, die jüdische, die christliche und mohammedanische nebeneinander vor seinem Blicke, und er unterwirft sie einer ganz gleichmäßigen Betrachtung. Schon den tiefgreifenden Unterschied zwischen den monotheistischen und polytheistischen Religionen läßt er außer Betracht. Dies ist denn auch die erste wesentliche Unvollkommenheit der Amberley'schen Arbeit. Nachdem sie obigen Begriff aller Religion festgestellt — wobei sie nur vergißt zu erörtern, baß ihm eine Vorstellung vom Uebersinnlichen, Unsichtbaren vorangehen mußte — macht sie einen Unterschied zwischen faith unv belief, indem sie unter erjterm die religiöse Idee, unter letzterm alle religiösen Aeußerungen und Erscheinungen versteht. Diese werden nun nebeneinandergestellt, nach gleich anzuführenden Rubriken, ohne in den innern Geist einzubringen, ohne ihren Gedankeninhalt anders als ganz äußerlich, verstanvesmäßig, formulirt zu fasten. Hierzu kommt die zweite Unvollkommenheit, nämlich der Mangel an jeder Vorstellung von der geschichtlichen Entwickelung. Jüdisches, Ehristliches, Jslami- 43 *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.