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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-10-17 · Heft 42 (17.10.1876) · p. Seite 682

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 42 (17.10.1876)
Date
1876-10-17
Page
Seite 682 (sequence 12)
Language
German
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682 schließt sich bei diesem wichtigen Wendepunkte seines Lebens rasch, man möchte sagen, zu rasch, und achtet nicht aus alle Vorstellungen auch seiner Rigaer Freunde. — Wenn N., wie wir in der Folge sehen werden, entschieden gegen sein Intereffe gehandelt hat, Riga zu verlasien, entsteht da nicht eine Frage, haben Diejenigen auch Recht gethan, die ihn zu diesem Schritte veranlaßt haben? Hat der Baron Günzburg — ihm gehört die Idee der Berufung N.'s nach Petersburg — in seinem Eifer, N. in der Residenz zu haben, nicht ebenfalls allzu rasch gehandelt? Eine solche anklagende Ansicht gegen die eben erwähnten Männer machte sich wirklich nach dem Amtsantritte N.'s geltend. Neumann selber theilte die Ansicht nie, unv bald mußten auch Alle zugeben, daß die Berufung N.'s ebenso taktvoll und heilbringend für die Zukunft der Juden war, wie alle Schritte, die Günzburg in seinem uneigennützigen Streben für seine Glaubensgenosien gerhan. — Denn forschen wir nach den Motiven des 6 Jahre langen Haders, so finden wir, daß derselbe nicht aus Fanatismus, Mißtrauen oder niedriger Selbstsucht entstanden ist, sondern — und dieses geben jetzt selbst seine Gegner zu — die verletzte Eitelkeit und die Selbstüberschätzung Einzelner entstammten die Uneinigkeit innerhalb der sich bildenden Gemeinde zu Petersburg. — Gegen diese beiden Factore aber hat Günzburg vom Beginne seines Wirkens an noch heute weilerfördernd anzukämpfen. Günzburg wählte daher den Mann, besten Vergangenheit ihm Bürge war, daß durch ihn die hier lebendenden Juden nach außen hin wenigstens mit Würde vertreten werden. — Daß sich Tadler genug unter den Juden finden, die in getäuschter Selbstüberschätzung sich für berufener fühlen könnten, die jüdischen Jnteresten bester zu vertreten, daraus waren N. und G. vorbereitet; daß aber Ehrenmänner, die bis dahin an der Spitze der jüdischen Angelegenheiten standen, durch eie verletzte Eitelkeit so sich hinreißen lasten werden, daß sie in ihrem eigenen Fleische wüthenv auf Rache sinnen und Rache üben konnten — das konnten weder N. noch G. voraussehen. „Von nun an ist meine Stimme nur die zweite bei allen Berathungen", sind Günzburg's Worte, die er in einer Versammlung gesprochen. Wenn Alle auch diese Meinung theilten und bereit waren, dem Rabbiner die ihm nothwendigen Prärogative einzuräumen, so war es Einem unmöglich geworden, sich von der bisherigen Führerschaft in der Gemeinde zu trennen und den Rabbiner als Oberhaupt anzuerkennen. Dieser eine Mann — mit Namen Chone Kahan — war in Petersburg seit vielen Jahren anwesend, und man kann bei Betrachtung dieses unheilvollen Zwistes zwischen Rabbiner und Kahan seinen Gefühlen nur mit den Worlen Ausdruck geben: £"«8-0 '2L5 ns?*1 “c ronbc nrc: a-r-ieo 2er. Denn, daß CH. Kahan ein yirabs t-ik ist, wer wollte es leugnen? Wie sollte man diesem Manne nicht Bewunderung zollen, der aller zeitgemäßen Bildung baar, den Jargon allein nur sprechend und selbst des Russischen unkundig, es verstanden hat, so wichtige Geschäfte für Private bei der Regierung in der Residenz zu vertreten und zuletzt das Zutrauen der Juden sich so anzueignen, daß ihm von zwei Provinzen die Leitung der allgemeinen jüdischen Angelegenheiten übertragen wurde. Aber ebenso immens und durchdringend wie sein Verstand, so groß und nichtsschonend ist auch sein Ehrgeiz — unv diesem Ehrgeiz allein haben wir es zuzuschreiben, daß Vieles, was in der Gemeinde geschehen, nicht die gehörigen Früchte getragen, und daß wir die beste Zeit unbenutzt ließen, in der wir viel Heilsames für die Juden unter der Aegide N.'s erreichen konnten. Gleich nach der Jnstallirung N.'s in Petersburg (1863 im Herbste) kommen schon kleine Reibungen zwischen beiden Männern vor, unv nach 6 Monaten wollte es der Zufall, das Kahan eine offene Opposition gegen N. hervorrief. Wenn 21. sein Hauptaugenmerk immer auf die Erziehung der Jugend gerrchler und auch in der AnlritlSpredigr eine Schule zu begründen in fein Programm obenan aufnahm, so haben sich die Berhältniste in dieser kurzen Zeit noch zu wenig geklärt gehabt, um eine nach N.'s Sinne geordnete Schule zu errichten. — Aber gerade um diese Zeit erscheint in Petersburg der Missionär Sch.; seine bombastischen Predigten risten die Zuhörer hin; es werden Asyle und Schulen für Judenkinder errichtet, und viele Eltern lasten sich in's Netz locken und vertrauen ihre Kinder diesen Proselytenanstalten an. — Man kann sich denken, welchen Aerger N. über diese offenbare Verlockung der Kinder zur lutherischen Kirche empfand, besonders als eine Deputation (unter diesen war ein lutherisch-getaufter Jude, sich bei ihm einfand und ihn zum Religionsunterricht in diesem Asyle austorverte. Wie schwer, wie heiklig war da die Lage N.'s?! Als die Deputation natürlich unverrichteter Sache fortgegangen war, brach er förmlich zusammen und konnte einige Tage das Bett nicht verlasien. ... Ein ihm nahestehender Freund besucht ihn und überbringt ihm die schmerzliche Kunde, daß im Asyle bereits sich über 25 Kinder befänden. — "rr->n 2^brr ruft er aus. — „Was da beginnen." „Warum schieben Sie den Gedanken des min Trabn auf, warum nicht gleich Ihre Absicht in's Werk setzen?" „Ich will es, aber mit wem? Soll ich es allein beginnen. Sie kennen ja die Verhältnisse so gut wie ich." „Nun, so fahren wir zu Kahan. — Es muß noch heute Abend ein Schritt dafür geschehen." Es trat eine Pause ein, worin er sichtlich mit sich kämpfte. „Gut. für die Sache thue ich Alles," ruft N. aus, und erhob sich, leidend wie er war, von seinem Lager. — Bei Kahan angekommen, finden N. und sein Freund großen Besuch. — Kahan bereitete seine Abreise zu Ostern nach der Heimath .... Lange mußten die Beiden antichambriren; endlich nähert sich ein Sateüite. „Er will ja heMe abreis en."

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