Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1876)
- Date
- 1876-10-17
- Page
- Seite 678 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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678 ver Gemeinde gebühre. Nach einem weiteren Toast auf die hiesige Stadgemeinde und ihre Vorsteher, ergriff der Stadtvorstand, Herr Stadtschultheiß Ru pp, das Wort, und führte in längerer Rede aus, daß es nur zum Segen der ganzen Gemeinde führen känne, wenn alle Gemeindegevosten ohne Unterschied ihres Glaubensbekenntniffes in guter Harmonie miteinander leben. Bemerkenswerth ist noch, daß die hiesige Gemeinde, unähnlich anderen Gemeinden, durch den Synagogenbau sich nicht in eine große Schuldenlast gestürzt hat. Man hat überall den Steuerpflichtigen Rechnung getragen, dabei ein sehr anständiges und schönes Gotteshaus in dem schönsten Stadttheile hier mit einem prachtvollen Borgarten errichtet, so daß auch nicht ein Einziger in der Gemeinde wäre, der nicht seine Freude daran hatte. Das beweist auch das Resultat von dem Verkauf der Synagogenplätze, wobei ca. Dreiviertel der Gesammtkosten erlöst wurde. Dadurch werden die Steuerkräfte auch nicht zu sehr in Anspruch genommen, und es ist damit manchem Streit und Unfrieden vorgebeugt. Möge dieser Friede und die Eintracht in unserer Mitte auch ferner erhalten bleiben'. M. Oesterreich - Ungarn. Wien, b. October. Bei der Aufnahme der Kinder in die Schulen wurden Heuer wie üblich die Geburts- oder Taufscheine begehrt. Da fand es sich wieder, was so oft schon besprochen würde, daß fast der dritte Theil der Kinder israelit. Confession dieses so nothwendige Document nicht vorweisen konnte. Von den ungarischen und polnischen Juden beispielsweise hatte von zwanzig kaum Einer ein Document. Es ist natürlich, daß die Leute um Beibringung Vieser Behelfe ersucht und ihnen auch im Allgemeinen bedeutet wurde, daß sie sich und ihren Kindern nur selbst schaden, wenn sie es Unterlasten, diese Schriftstücke beizuschaffen. Bei ungarischen Israeliten ereignete es sich, daß Geburtsscheine gar nicht zu erhalten waren, da die Kinder in die Matrikeln nicht eingetragen worden. Die ungarischen Behörden sollen der Sache nunmehr größere Aufmerksamkeit zugewendet haben, und dürften demnächst in Betreff einer geordneteren Matrikelnführung die geeigneten Verordnungen erscheinen. Uebrigens nagen die Eltern zumeist selbst die Schuld. Sie kümmern sich der geringfügigen Gebühren wegen um die Geburtsscheine ihrer Kinder erst dann, wenn sie dieselben benöthigen. Daher die vielen Verlegenheiten und oft nicht geringen Nachtheile für ganze Familien. Lemberg, 29. September. Die Wrhlbewegung für den galizischen Landtag nimmt keinen raschen Fortgang, und wir heben hier nur einige Notizen hervor. Inzwischen bemühen sich die Polenführer, durch allerhand Versprechungen sich die Unterstützung der israelitischen Wähler für jeden Fall zu sichern. Wie ich vernehme, werden die israelitischen Vertrauensmänner dem hiesigen Gemeinderath Dr. Philipp Zucker (der im Landtage bisher die Stadt Brody vertrat) als Candidaten acceptiren. In Stanislau verspricht der Wahlkampf ebenfalls ein ziemlich erregter zu werden, da der bisherige Abgeordnete, Bürgermeister Dr. Kaminski, für den ftüher sammtliche Parteien ihre Stimmen abgaben, die Wiederwahl in den Landtag entschieden ablehnt. Die Israeliten, die dort im Vereine mit den Ruthenen über eine bedeutende Majorität verfügen, werden daher jetzt selbstständig in die Wahlaction eingreifen und ihren Candidaten voraussichtlich zum Siege verhelfen. Die Candidatur des hiesigen Rabbiners Löwenstein würde in Stanislau noch die meisten Chancen haben, da derselben auch das polnische Central - Wahlcomitä seine Unterstützung nicht versagen dürfte. Herr Löwenstein kann übrigens, ungeachtet der mannichfachen Wandlungen, die er hinsichtlich seiner Anschauungen innerhalb eines verhaltnißmäßig kurzen Zeitraumes durchgemacht hat, noch immer als ein Anhänger der Berfaffungspartei angesehen werden. Nach den uns zukommenben Berichten ist in Drohobycz die Wiederwahl des ruthevischen Profeffors Dr. Antoniewicz, für den auch die Israeliten stimmen werden, und in Stry die Wiederwahl des israelit. Bürgermeisters Dr. Fruchtmann vollkommen gesichert. Lemberg, 2. October. Das Stadt-WahlcomitL beschloß, nach erfolgter Ballotage folgende Landtagscandidaten für Lemberg vorzuschlagen: Ziemialkowski, Smolka, Jasinski, Dombrowski, Julian Czerkawski, Eusebius Czerkawski, Janko Malecki, Philipp Zucker, Blumenfeld, Kohn und Goldmann. Frankreich. Paris, l. October. (Nach den Arch. isr.) In Nizza hat am 21. Sept. ein bedauerlicher Conflict zwischen den Israeliten des orthodoxen und des reformirten Cultus stattgefunden, und zwar bei der Beerdigung eines Herrn Motse Mayrargue. Die Polizei, den Befehlen ihrer Vorgesetzten folgend, hat die Glieder des reformirten Cultus, welche der Beerdigung vorstanden, verhindert, am Grabe die gebräuchlichen Gebete zu recitiren. Die Angelegenheit wird vor den Cultusminister gebracht. — Außer den Berichten über die patriotische Feier bei der Abfahrt der jüdischen Conskribirten aus Algerien nach dem mittägigen Frankreich, die wir schon gebracht, erfolgten auch Mittheilungen über gleichartige Festlichkeiten aus Bona, Constantine und Philippeville. Ueberall herrschte der größte Enthusiasmus sowohl bei den jungen Leuten, die abfuhren, als bei der Bevölkerung, die zurückblieb. — Wie wir bereits gemeldet, wurde am ersten Tage des Neujahrsfestes der Gottesdienst zum ersten Male in dem neuen Tempel in der rue des Tournelles abgehalten. Paris besitzt also nun drei große Synagogen, von welchen die beiden in der rue de ls Vietoire und in der rue des Tournelles durch das Zusammenwirken der Munificenz der Stadt und der Opferwilligkeit der Gemeindemitglieder binnen zwölf Jahren zu Stande