Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1876)
- Date
- 1876-10-17
- Page
- Seite 677 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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677 stellt, deren Zweck und Höhenpunkt noch jetzt nichts als die Schilderung des priesterlichen Ritus und dessen Askese eine unerträgliche sei; der Zug, der die Juden immer wieder zu diesem Feste führe, sei daher auch heute noch nur die Erinnerung an eine glänzende Vergangenheit, und wo diese Pietät fehle, trete nur die Langeweile ein. Am Schlüsse entpuppt sich der Mann doch nur als Äudenbekehrer, denn, aus Paulus gestützt, sieht er das Heil der Welt eintreten, wenn alle Juden sich bekehrt haben. Aus diesem Gesichtspunkte wollen wir es ihm vergeben, wenn er keinen Begriff von dem eigentlichen Inhalt des Jom-Kippur hat, nämlich die Erweckung reuiger Empfindungen und die Erlangung der Sündenvergebung von Gott, und daß er keine Ahnung hat von dem Bedürfniß des Menschenherzens, sich seiner Sündhaftigkeit bewußt und ihrer durch die Barmherzigkeit Gottes ledig zu werden. Dies ist es, was die Juden alle immer wieder zu diesem Bersöhnungsfeste zieht, keine priesterliche Erinnerung und keine Langeweile, die wohl auch am letzten eine solche Anziehungskraft auszuüben vermöchte. Der Derfasier begehr übrigens noch mehrere Jrrthümer, die ihm auch zum Theil in derselben Zeitung vom 30. Septbr. nachgewiesen worden. Immerhin, mögen sich unsre Gegner an der Religiosität ärgern, die trotz alledem und alledem in den Juden sortlebt, vielleicht werden sie es mir Zeit überdrüssig, zu spotten und zu kritisiren, wenn sie sehen, es hilft ihnen doch nichts; sie bekehren weder die Masie, noch deren Führer. Bonn, 6. October. l Privatmittheil.) Wir erhalten von Berlin einen Artikel der „Volkszeitung" vom l. d., in welchem aus Menden über eine Versammlung berichtet wird, in welcher Prof. Rebbert einer groben Lüge geziehen wird, wenn er gesagt, daß er in das Redactionslocal der Köln. Ztg. gekommen und daselbst unter den Redacteuren acht Juden habe sitzen sehen, während dieser Redaction noch niemals ein Jude angehört hat. Da wir uns mit unsrer Antwort an Prof. Rebbert in Nr. 40 einfür allemal begnügen, so beschäftigen wir uns mit ihm und der gedachten Lüge nicht weiter. Uebrigens charaklerisirt sich eine Wählerversammlung zu Menden, die sich etwas im jüv. Jargon von einem solchen Priesterseminardirector, Professor und Doctor vortragen läßt, ganz von selbst. Bierseu, 2. October. Allhier ist eine „Simultanschule" errichtet worden. Der Art. 2 stellt fest, daß von den wählbaren neun Mitgliedern des Curatoriums, sechs der katholischen und drei der evangelischen Consession angehören m üsse n. Die hiesigen Israeliten, welchen der Art. 2 des Statuts die Wählbarkeit zum Mitglied des Curatoriums entzieht, während sie zu den durch Gemeindeumlage auszubringenden Schulkosten gleich den anderen Confessionen beitragspflichtig sind, sehen hierin eine Verletzung der Gleichberechtigung und wollen, nachdem ihre durch alle Instanzen geführte Beschwerde erfolglos gewesen ist, den Petitionsweg an das Haus der Abgeordneten betreten. Man sollte wahrlich nicht glauben, daß der Grundsatz „gleiche Pflichten, gleiche Rechte", den doch auch die preußische Berfaffung sanctionirt hat, den Juden gegenüber noch immer so vielfach verletzt wird. Wronke, im Oct. (Privatmitth.) Als eine Illustration zu unserm Referat in Nr. 31 dieser Zeitung über die bekannte Lehreraffaire in Czarnikau, das der dortige Gemeindevorstand in Nr. 36 dieser Zeitung in seinem ganzen Umfange als unrichtig und nichts weiter als einen Abklatsch eines Referats der Posener Zeitung erklärt hat, diene die Mittheilung derselben Zeitung vom 26. September, daß vorigen Montag im Austrage der Regierung zu Bromberg der Landrath in Begleitung des Bürgermeisters und der Schuldeputation erschien und H. wieder in sein Amt in Czarnikau einführte. Welche Aufregung dies in der jüdischen Gemeinde hervorries, kann man sich leicbt denken. Cannstatt (Württemberg), 2. October. l Privalmitth.) Die hiesige israelitische Gemeinde — seit dem 1. Juli 1872 zu einer selbstständigen Gemeinde constituirt — hatte bis jetzt nur ein gemiethetes Local als Synagoge, welches aber, da die Familienzahl schon ca. 7» betragt, und auch viele Fremde stets sich hier aufhalten, an den Festtagen nicht mehr groß genug war. Im vergangenen Jahre wurde nun ein sehr paffendes Anwesen angekauft und eine schöne Synagoge errichtet, welche am Freitag den 15. September d. I. feierlich eingeweihl wurde. An der Feierlichkeit nahmen die sämmtlichen Bezirksbehörden, die beiden bürgerlichen Collegien, die evangelischen Geistlichen, die Vorstände der Realanstalt, des Lyceums, der höhern Töchterschule, und viele andere nicht zur israelitischen Kirchengemeinde gehörige hiesige Einwohner Theil, sowie eine Deputation der köngl. israelitischen Oberkirchenbehörde und der Nächstliegenden israelitischen Gemeinden. Die Festrede hielt Herr Kircbenralh l>r. Wassermann in wahrhaft erhebender Weise. Mil dem Texte aus dem 100. Psalm: „Dienet dem Herrn in Freuden, kommet in seine Thore mit Dank", wußte der Redner zu dem Herzen und aus dem Herzen der Gemeinde und aller Anwesenden zu sprechen. Es folgte dem Weiheacte der Freitag-Abend-Gottesdienst, welcher vom Vorsänger Metzger mit Chorbegleitung und Harmonium versehen wurde. Am andern Tage fand ein Festesten statt, an dem 130—1 10 Personen l darunter sehr viele christliche Mitbürger) theilnahmen. Unter den vielen Toasten. die dabei ausgebracht wurden, ist namentlich der vom Kirchenrath Dr. Wassermann aus den Kaiser und unfern König, und der vom Regierungsrath v. Kegelen (unserm Oberbeamten) auf die Kirchenvorsteher nennenswerth. Letzterer sagte, wie diejenigen Persönlichkeiten, welche durch das Vertrauen der israelitischen Gemeinde an die Spitze der israelitischen Kirchenverwaltung gerufen worden, ihre Ausgabe mit ganz besonderer natürlicher Begabung, mit scharfer Auffassung und mit voller Intelligenz sich in die richtigen Formen der Geschäfte zu finden gewußt, und wie sie, die Kirchenvorsteher, durch Umsicht und unermüdlichen Eifer und Thäligkeil das Gelingen und -Gedeihen des Werkes der Erbauung eines würdigen Gotteshauses zur Wirklichkeit gebracht haben, wofür ihnen der wärmste Dank