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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-10-17 · Heft 42 (17.10.1876) · p. Seite 675

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 42 (17.10.1876)
Date
1876-10-17
Page
Seite 675 (sequence 5)
Language
German
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675 cyklus allzusehr verfallen war, der Mangel sowohl an allem flüssigen Element als auch an jedweder Belehrung innerhalb des Gottesdienstes schwächten die Wirksamkeit, das Ansehen und das Bedürfniß desselben ab. Hieraus entsprang die Reform. Die Tendenz derselben war durchaus nicht, den geschichtlich gegebenen Boden zu verlassen und sich etwas ganz Neues, den bisherigen Formen Fremdes zu schaffen, sondern vielmehr: zu dem ursprünglichen, einfachen und in seiner Ausdehnung beschränkten Gebetcyklus zurückzukehren. Diesen Grundstock und zwar in hebräischer Sprache, einschließlich der Thoravorlesung zu erhalten, war — wenn wir die alleingebliebene Berliner Reformgenoffenschaft ausnehmen — bis auf den heutigen Tag Jedermanns Gedanke. Die Religion beruht durchaus nicht auf Berstandesbegriffen allein, mit welchen sie allerdings in Uebeinstimmung stehen muß, sondern auch auf den unmittelbaren Bewegungen des Gemüthes und darum insonders auf dem Pietatsgefuhl, welches uns an die vergangenen Geschlechter knüpft. Sie gleicht dem Baume, der, so hoch und so weit in die Lüfte er auch seine Krone und sein frischgrünendes Laubwerk streckt, seinen Bestand aus dem Stamm und der tief in die Erde reichenden Wurzel zieht. Der Unterbau der Religion überhaupt und des Gottesdienstes insbesondere, muß daher stets ein geschichtlicher, ein alt überkommener sein. Ein festes, gegliedertes Gerüst, an welches sich das Mauerwerk und die Ornamente schließen, ist für den Gottesdienst unentbehrlich. Daß es dem christlichprotestantischen Gottesdienste fehlt und für ihn die Materialien zu einem solchen gänzlich mangeln, hat denselben zu aller Zeit geschädigt. Die Reform hat daher den alten Gebetcyklus in seiner ursprünglichen Einfachheit und seinem ganzen Gedanken nach überall bewahrt, und hieran nur neues flüssiges Element, die Predigt und Gebete in der Landessprache und eine geregelte, reichere musikalische Behandlung hinzugefügt. Doch noch in einem Punkte konnte die Reform vor dem Bestehenden nicht ganz stillestehen. Bei aller conservativen Tendenz läßt es sich sich nicht umgehen, daß der Gottesdienst dem Bedürfniß und Geist der Zeit im großen Ganzen nicht sowohl entsprechen, als vielmehr nicht widersprechen darf. Die Faffung auch des alten Gebetcyklus enthalt Momente, die seit dem neuen Culturleben und bürgerlichen Wesen der Juden nicht mehr in voller Uebereinstimmung mit deren Anschauung und Richtung sich befinden. Es sind dies besonders die Bitten um die Ankunft des persönlichen Messias, um die Zurücksührung des ganzen Israels nach dem heiligen Lande und um die Wiederherstellung der Thieropfer, noch dazu, da der letzteren symbolische Bedeutung den Geistern enffchwunden ist, und nur noch durch unsichere Combinationen der Gelehrten gefunden werden kann. Nicht die Geschichte des Stammes und der Religion, auch nicht die Erinnerung an die ftühere Cultusphase sind es, welche die Reform ablehnt, sondern nur die erwähnten Bitten um Wiederherstellung: Zögernd nur, doch von Innen genöchigt, legt sie eine verändernde Hand an die, an Umfang doch nur geringen Gebetphrasen, welche die gedachten Momente in unserem Gebetcyklus aussprechen. Dies ist der Geist der gottesdienstlichen Reform, wie er sich in den sechs verfloffenen Jahrzehnten bethätigt hat.: Literarischer Wochenbericht. Bonn, im Sept. Die berühmte Sammlung hebräischer Handschriften, welche die Petersburger Regierung Abraham Firkowitsch abgekauft hatte, nämlich 146 Nummern (mit 47 Thorarollen, deren fünf erste Lederrollen sind) im Jahre 1862 und 64 Nummern (worunter 35 Thorarollen und zwar drei Lederrollen), im Jahre 1863, ist, nachdem Chwolson von Muralt und Neubauer Arbeiten über sie geliefert hatte, neuerdings Gegenstand einer ausführlichen Untersuchung geworden: Catalog der hebräischen Handschriften der Kaiserlichen öffentlichen Bibliothek in St. Petersburg. Erster und zweiter Theil von A. Harkavy und H. L. Strack. 1875, Petersburg, C. Ricker; Leipzig, I. C. Hinrichs. 8°. XXXIV und 298 S. Wir geben darüber einige Mittheilungen aus einer Recension in den „Göttingischen Gelehrten Anzeigen" vom 16. Febr. c. Nach den Aussagen des A. Firkowitsch sollte die älteste dieser Thorarollen noch vorchristlich sein, andere aus den ersten Jahrhunderten nach der gew. Zeitrechnung stammen. Chwolson setzte nach den in den Epigraphen der Handschriften enthaltenen Datirungen 13 dieser Thorarollen in das 5—9, 15 in das 10. Jahrhundert der gew. Zeitrechnung u. s. w. Die Herren Harkavy und Dr. Strack unternahmen nun eine sorgfältige Durchsicht und Prüfung derselben. Ihr Ergebniß war, indem sie ihre hauptsächliche Aufmerksamkeit auf die Epigraphen wandten, daß kein einziges derselben der Zeit vor dem 10., nur 2 in dem berühmten Propheten-Corex 6. 3. den Jahren 916 und 956 und nur eines in der Bibel 6. 19 :». (aus dem Jahre 1069) dem 11. Jahrhundert angehört, und aus dem 12. Jahrhundert (1132) der Pentateuch Cod. 85 stammt, daß vielmehr die meisten Epigraphen, soweit sie echt sind, dem 14. Jahrhundert angehören. Es wurde aber auch nachgewiesen, daß der größte Theil der Epigraphen von Firkowitsch theils rein hinzugesetzt, theils durch Radirungen oder Veränderungen einiger Worte und Buchstaben oder Einfügung von Daten und Namen gefälscht ist. Ebenso sind die Grabsteine nicht ohne Fälschung geblieben. Die auf diesen Buch- und Grabinschriften vorfindliche sg. Krim'sche Schöpfungsära (welche von der hergebrachten jüdischen dadurch sich unterscheidet, daß sie zwischen 516 und 331 v. Chr. nicht 34, sondern 185 Jahre verlaufen laßt) und die Aera nach dem Exil der Stämme Israels 6e dato 676 v. Chr. sind von ihm hereingefälscht; andere Stoffe seiner oft sehr ausführlichen Epigraphen nahm er von Krim'schen Grabsteinen oder sonst woher. Kennzeichen seiner handschriftlichen Fälschungen sind die

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