Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1876)
- Date
- 1876-10-17
- Page
- Seite 674 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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674 steht, wenn ihr dieselbe nur als geheiligt erscheint; nicht selten ist gerade deshalb die Inbrunst stärker, als sie mit dem verstandenen Worte verbunden wäre. — Fügen wir hier noch die Erwähnung der Kevuschah bei, welche theils in die erste Benediction vor dem Schema, theils in die dritte der Schemona Esre (bei deren lautem Recitiren) eingeschaltet worden, und welche mit Jesajas 6, 3 die Heiligkeit Gottes feiert. Gerade dieses Attribut der Gottheit, welcheL dem Gemüthe die unbeschränkteste Perspective eröffnet, ward vom Judenthume überaus hochgehalten und dem Herzen des Volkes lieb, so daß im Munde deffelben Di-rpn rri77 -pna die gewöhnliche Bezeichnung Gottes wurde. Für den Sinn des Volkes bezeichnend ist es daher, daß die einfachen Schristverse des Schema und der Kevuscha die prägnantesten Momente des ganzen Gottesdienstes bilveten. Hinsichtlich deffen, was als eingeschoben in diesen Gebetcyklus anzufehen ist, ist frühzeitig ein Unterschied zwischen dem gemacht worden, was als wesentlich und was als unwesentlich zu betrachten sei. Es geschah dies offenbar dadurch, daß das Wesentliche mit einer Benediction versehen und eingesührt ward, Las Unwesentliche nicht. So erhielt das Vorlesen aus der Thora, das der Haphtorah, der Megillath Esther (am Purim), das Blasen des Schophars, das Ergreifen des Lulab, der Priestersegen, eine Benediction vorangeschickt; ebenso das Recitiren des Halle! — dagegen blieb die Recitation des Hohenliedes, Ruth und Koheleth, sämmtliche Piutim nach allen ihren Arten u. s. w. ohne Benediction. — Die Gebetslücke nun, welche unsrem Gebetcyklus vorangeschickt, am Schluffe hinzugefügt und eingeschoben wurden, wie sie aus sehr verschiedenen Zeiten herrühren und zum großen Theile in den verschiedenen Riten verschieden sind, sind theils Psalmen, theils aus Schriftversen zusammengesetzt, theils eigenartig. Unter letzterer Art sind einige theils von Bedeutung in dogmatischer Beziehung z. B. ‘rrc'sz -nbrr — hat man Loch sogar gegen den Geist unsres Gebetcyklus die dreizehn Glaubensartikel ves Maimonides in eine Art Hymne verarbeitet (bn>") — theils von beachtenswerther Schönheit z. B. nbir -pn«. Für die ganze Masse der Piutim wird aber wohl in unsrer Zeit Niemand mehr eintreten wollen, wie denn schon bei ihrer Einführung viele Einsichtsvolle Widerspruch erhoben haben. Der Menge unverständlich, sind sie den Wenigen, die sie verstehen, ungenießbar. In ihrer Spielerei mit Alphabet und Reim, in ihrer baroken Sprache und ihrem geringen Gedankeninhalt, der sich in ewigen Wiederholungen, in Fabeln und mystischen Formeln bewegt, zeugen sie nicht von schöpferischer Kraft, wohl aber vom Schaffenstriebe ihrer Urheber und von dem Drange mehr und immer mehr zu beten in denen, welche sie in den Gottesdienst ausgenommen. Gleiches darf man nicht von einigen Gesängen des spanischen Ritus sagen, die wahrhaft poetisch, ja klassisch sind. Zwischen dem öffentlichen und Privatgottesdienste zieht sich, wie wir schon bemerkten, nur die schmale Scheidelinie, daß bei dem ersteren zehn Anwesende männlichen Geschlechts über dreizehn Jahre nothwendig sind, und daß er durch den lauten Vortrag der Schemona Esre, das förmliche Vorlesen aus der Thora, das Kadisch u. dgl. bezeichnet ist. Sonst ist jedes Individuum nach dem Ritualgesetz verpstichtet auch privatim den ganzen Gebetcyklus, mit allem was hinzugefügt worden, zu recitiren. Die Form der Benediction ist aber von hier aus noch viel weiter ausgedehnt worden. Es wurde als Grundsatz aufgestellt: N212 srbtt abiyn nrrv'O a-rsb ib “hon „Es ist dem Menschen untersagt, etwas von dieser Welt zu genießen ohne Benediction, Berach. 35, t; das Wesen der Benediction besteht aber in den Worten: 'n rsns "iia, wie denn der andere Grundsatz heißt: na-ia awn m27n m ■pso nana ba „Eine Benediction, in welcher der Gottesname nicht vorkommt, ist keine solche", Berach. 40, 1. Hiernach wurde eine große Anzahl Benedictionen abgefaßt, welche nicht blos bei jedem Genuß, sondern auch bei jeder Naturerscheinung, ja bei vielfachen Verrichtungen des gewöhnlichen Lebens zu recitiren der Jude verpflichtet ward. Es ist dies eine an sich großartige Erscheinung , wie sie in keiner anderen Religion vorhanden. Der Mensch wirv dadurch während seines ganzen Daseins, bei großen und kleinen Dingen, mit Gott in Verbindung gebracht, fein Gedanke auf Gott gerichtet; alles was er genießt, empfängt er aus der Hand Gottes, was seine Seele bewegt, ja erschreckt, wird vermittelst der Benediction durch den Gedanken an Gott gemildert; was er thut, es geschehe mit dem Gedanken an Gott. Es versteht sich von selbst, daß namentlich das Tisch- und das Nachtgebet nach diesem Systeme sehr ausgedehnt, sowie das Aufstehen vom Lager u. f. w. mit Benedictionen versehen wurden, welche letztere jedoch später zum größer» Theile in das Morgengebet versetzt wurden. — Wir hätten hiermit die Aufgabe, soweit wir sie uns gestellt, gelöst. Jndeß scheint uns noch eine Bettachtung in der Consequenz zu liegen, die wir jedoch ebenfalls ganz objectiv und kurz zu behandeln beabsichtigen. Die gottesdienstliche Reform ist bereits zu einer vollgültigen Thatsache geworden. Sie hat sich durch eine große Zahl Gemeinden in Deutschland und Amerika verbreitet und selbst England konnte sich ihr in London und Manchester nicht entziehen; sie hat auch bereits fast 60 Jahre durchlebt und ist demnach auch historisch berechtigt. Nur ein äußerliches Motiv war für dieselbe die außerordentliche Länge des Gottesdienstes und die Andachtlosigkeit und wüste Unruhe, welchen der jüdische Gottesdienst anheimgefallen war. Der Drang, die gottesdienstliche Uebung möglichst zu verlängern, war erloschen, und dadurch auch die ubervielen Gebete zu einem überschnellen Herplappern gekommen. Die eigentlichen Motive lagen tiefer. Die Unverständlichkeit der eingeschobenen und die sich verbreitende Unkenntniß aller Gebete in ihrem, wenn auch heilig gehaltenen Idiom sagte dem aufwachsendenGeschlechte langst nicht mehren; die stete Widerholung derselben Gebetformeln, welcher der Gebet-