Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1876)
- Date
- 1876-10-17
- Page
- Seite 673 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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673 oberflächlichen und gestaltlosen Cosmopolitismus auch ist, so konnte es roch nur die schwersten Kämpfe nach sich ziehen, da einerseits die europäische Geschichte die Nationalitäten innerhalb der Staaten zu sehr untereinander geworfen hat, und andererseits das erwachte Nationalitätsgefühl zu Haß und Mißachtung gegen alle bestehenden Verhältnisse und selbst zur Verwilderung zu führen vermag. So steuert das Schiff des neunzehnten Jahrhunderts durch ein klippenreiches Meer, durch wilde Strömungen und felsige Meerengen, und hierzu kommen die Stürme, die bei den wechselnden Temperaturen aller Luftschichten sich allzuhäufig einstellen. Wir, die wir aus diesem Schiffe leben, haben schwer zu kämpfen und zu leiden und die Aussicht aus den Hasen, nach dem wir streben, ist uns verdunkelt. Aber der Geist, der das Steuer lenkt, und der Wind, der die Segel bläht, sind kräftig und gesund; das Ziel ist bekannt und über unsrer Fahrt waltet die Vorsehung, welche jedem Zeitalter feine Aufgabe ertheilt und die Kräfte gewährt, sie zu lösen. Aeber den jüdischen Gebelcultus uv- -essen Geist. VI. «Schluß.) Nichts ist nach dieser Darstellung einfacher als der jüdische Gebelcultus, wie er entstanden und wie er sich bis heute erhalten hat. Er ist zusammengesetzt nur aus der Kriath Schema und der Thefillah «Schemona Esre). Die erstere besieht aus den bez. Schriftstücken mit vorangehenden 2 und nachfolgenden 1, 2 oder 3 Benedictionen, die letztere aus 19, 7 oder 9 Benedictionen. Die einzige Form ist die der Benediction (nmn Segensspruch, Eulogie), welche an die Stelle des Opfers getreten. Die Gebelabschnitte und Gebetzeiten sind nach der Analogie des Opferritus. Der Inhalt läßt sich aus Folgendes reduciren: 1) Bekenntniß und Lobpreis Gottes, des einzigen, des Weltschöpfers, Weltregierers und Weltrichters — und insonders des Ofsenbarers der Lehre und des Gesetzes an Israel, und wie er in der Geschichte der Menschheit und besonders Israels waltet, wobei der Auszug aus Egypten und der Vorgang am rolhen Meere vorzugsweise hervorgehoben werden. 2) Bitte um Leben, Segen und Frieden, um Schutz vor und Rettung in Gefahren, Vergebung der Sünden und Einigung der ganzen Menschheit — insonders um die Ankunft des Messias, die Rückkehr Israels nach dem h. Lande, die Wiederherstellung des Tempels und des Opferritus. Alles Dies in einfacher, schmuck- und schwungloser aber würdiger, inniger und erhebender Sprache. Dieser eigentliche Gebetcyklus blieb durch alle folgenden Jahrhunderte feststehend; aber die Geistesrichtung der nächsten Zeitalter ging auf Erweiterung und Ausdehnung der gottesdienstlichen Uebung und durch ein Jahrtausend hindurch wurden die üblichen Gebete vermehrt und angehäust. Man stellte Gebete voran, fügte andere am Schluffe hinzu, und schob wieder andere, und zwar von beträchtlichem Umfange in die Benedictionen hinein. Als das Gebetstück, welches dem obengezeichneten Gebetcyklus als Anfang vorangestellt, und als Schluß hinzugefügt wurde, jedoch nur wenn der Gottesdienst ein öffentlicher, d. h. bei Anwesenheit von zehn Männern, ist, haben wir das sg. Kadisch hervorzuheben. Daffelbe war ursprünglich am Schluffe hazadischer Vorträge im Gebrauch, um diese mit einem Lob des Höchsten zu beenden. Es wird theils halb zum Beginne des Gebetabschnittes, theils ganz am Schluffe recitirt, und enthalt das Lob Gottes als Weltherrn und die Bitte um Leben und Frieden, in chalväischer Sprache. Eigenthümlich ist es, daß dieses Kadisch auch als Gebet der Waisen sowohl wahrend des Trauerjahres als auch am Sterbetage der Eltern durch die ganze Lebenszeit des Leidtragenden hindurch zum Pflichtgebet ward, jedoch nur für die Individuen männlichen Geschlechts und bei dem öffentlichen Gottesdienst. Es wurde dies ein tief in das Herz eingeschriebenes Gebot. Um so eigenthümlicher als in diesem Kadisch nichts von den Verstorbenen, von dem Heil ihrer Seele, von der Tröstung der Hinterlaffenen vorkommt. Man hat dies dahin gedeutet, daß das Judenthum die Ergebung in den göttlichen Willen so entschieden lehrt und fordert, daß jede Klage im Gebet auch nach dem schwersten Verluste ungeziemend fei und daß der wahrhaft fromme Sinn sich dadurch kundthue, daß der Mensch in seinem höchsten Schmerze doch nichts weiter als einen Lobpreis Gottes und allgemeine Bitte um Leben und Frieden ausspreche. Wir glauben nicht, daß dieser Gedanke das directe Motiv zu rem gedachten Gebrauche war, jedenfalls liegt er in demselben ausgesprochen, und die Gefühlsweise des Volkes mußte ihm nicht widersprechen. Es läßt sich überhaupt hierbei bemerken, daß das Volk allerdings verlangt, es solle ihm das Wort des Gebetes aus die Lippen gelegt werden, dann aber mit seinen Empfindungen sich gar nicht an das Wort hält, sondern ihnen am Wort entlang freien Lauf läßt; es drückt seine Gefühle mit dem Wort aus, auch wenn dies ganz andere Bedeutung hat. So sind zu aller Zeit mit dem Kadisch stets der tiefste Schmerz und die innigste und ehrfurchtsvollste Erinnerung an die Verklärten zum Ausdruck gekommen und viele Thränen bei deffen Recitiren gefloffen, obschon die Worte gar nicht dazu veranlaßen und der allzuhäufige anderweitige Gebrauch deffelben Kadisch bei dem Gottesdienste gar sehr daran gewöhnen mußte. *) Dies ist auch der Grund, weshalb die Maffe sich gar nicht daran stößt, umfängliche Gebete zu recitiren in einer Sprache, die sie nicht ver- 1) Der Gebrauch des Kadisch für die Leidtragenden scheint uns aus dem frühern Gebrauch gekommen zu sein, daß bei den Leidtragenden hagadische Vorträge gehalten wurden, die mit dem Kadisch schloffen; diese wurden m^nn nam genannt, und im Kadisch selbst wirb rrnnan:'; den rrrinnvrri sn-run «nmn hinzugefügt. 42*