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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-10-17 · Heft 42 (17.10.1876) · p. Seite 672

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 42 (17.10.1876)
Date
1876-10-17
Page
Seite 672 (sequence 2)
Language
German
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672 Dennoch bezeichnet man das achtzehnte Jahrhundert als das der „Aufklärung", der Humanitären, kosmopolitischen Ideen und klassischer Literaturen, und das neunzehnte ist das Jahrhundert der Wissenschaft, der Kritik, der philosophischen Durcharbeitung, der großen Erfindungen und Entdeckungen. Das achtzehnte war das Jahrhundert des Absolutismus und zwar des aufgeklärten, das uusrige ist das Zeitalter des Constitutionalismus. Im vorigen Jahrhundert wurden die Menschenrechte proclamirt, in dem unsrigen der Rechtsstaat begründet, die Gleichheit vor dem Gesetze zum Staatsgrundgesetz erhoben, die Volksfreiheilen gesetzlich geordnet. Der Fortschritt ist also offenbar und wahrlich nicht gering anzuschlagen. Warum also dennoch im wesentlichsten Verhältniß der Staaten und Völker keine Veränderung, ja noch mehr Kraftentwickelung, noch mehr Verwirrung? 'Die Werbe- und Söldnerheere des vorigen Jahrhunderts wurden in unsrer Zeit zur allgemeinen Wehrpflicht, zum bewaffneten Frieden, zur höchsten Anspannung der militärischen Kräfte mit unerhörter Ausbildung der Waffen. Blickt man genauer/ so hat das neunzehnte Jahrhundert die schwierigen Fragen des vorangegangenen nur noch geschärft und erschwert, hingegen noch mehr ungelöste Fragen hinzugefügt. Die orientalische Frage, die, genau genommen, nur eine russisch-türkische ist, ein Erbstück des siebzehnten, hat eine immense Ausdehnung genommen; die österreichisch-preußische ist durch den Krieg von 1866 nur einstweilen in den Hintergrund geschoben Das Verhältniß zwischen Deutschland und Frankreich, das sich seit Karl V. vererbt hat, ist jetzt feindseliger als je; dazu kommt die Stellung Rußlands und Englands in Asien. Aber außer dem: während im vorigen Jahrhundert der Jesuitenorden aufgehoben, der Klerus in Frankreich uiedergebeugt, die geistlichen Fürsten in Deutschland ihrer Länder beraubt und bald auch die weltliche Herrschaft des Papstes (1809) beseitigt wurde: hat unser Jahrhundert zwar das letztere noch einmal vollbracht, aber der Jesuitenorden wurde wieder hergestellt, der Syllabus und das Unsehlbarkeitsdogma verkündet und fast überall der Kamps der Kirche gegen den Staat mit großer Vehemenz eröffnet. Hierzu endlich die sociale Frage, die, in der ersten französischen Revolution schon erhoben, in unserm Jahrhundert eine so große Bedeutung, nicht etwa allein durch die socialistische» Theorien und Wühlereien, sondern vielmehr durch die Entwickelung der materiellen Verhältniffe, durch das auf freiheitlichem Wege geweckte und verstärkte Selbstbewußtsein der Menschen erhalten hat und in der Verschiedenheit des Besitzes und des Erwerbes, sowie in der Entfaltung des Lebensgenuffes und des Luxus ihre Motive findet. Wer um die Mitte unsres Jahrhunderts gelebt hat, der weiß, daß man sich bereits ganz anderen Hoffnungen hingegeben hatte, und ftägt um so eher: wodurch ist, ttotz der außerordentlichen Fortschritte, trotz der Vertiefung des Geistes, der größeren Sittlichkeit in allen politischen und socialen Institutionen und der stärkern Empfindlichkeit des Rechts- und Menschlichkeilsgefühls und ttotz deS ungeheuren Wachsthums 'der materiellen Werthe, der Verbesserung im gesammten Volksleben dieser Zustand der furchtbarsten Kämpfe, der äußeren und inneren Zerrüttung, dieser Friedenszustand ohne Frieden und diese ewige Kriegsgefahr gekommen? ... Es ergiebt sich da eine Erkenntniß, welche der früheren Geschichtsbetrachtung noch nicht zugänglich gewesen: daß nämlich mit der Bereicherung, Erweiterung und Ausdehnung der Mittel der Entwickelungskampf in der Menschheit nicht gelöst und beendet, sondern ausgedehnt und vertieft wird. Es tritt mit dem Fortschritt zuerst das Gegentheil von dem ein, was man hofft und erwartet. Das tiefere Verständniß einer Frage bringt nicht alsbald ihre Lösung hervor, sondern weckt die Gegensätze erst recht zu ihrem eigenen Bewußtsein, darum zu noch entschiedenerem Kampfe, für welchen die erweiterten und ausgebildeten Mittel in größtem Umfange verwendet werden. Wir wollen uns nur durch ein Beispiel deutlicher machen. Der absolute Staat konnte der Kirche ihr Machtgebot auserlegen «denken wir z. B. an Napoleon I. dem Papste gegenüber), er hatte die Gewalt, um sich Gehorsam zu schaffen. Im constitutionellen Staate hingegen bedarf es zunächst der Zustimmung der Kammern zu jeder Maßregel und die kirchliche Partei kann sich der Volksrechte, also auch des constitutionellen Rechtes nachdrücklich bedienen, um dem Willen der Staatsregierung entgegen zu treten. Wir sehen täglich, wie sich die freiheitsfeindlichste Partei der Freiheiten selbst bedient, um sich die Mittel zu verschaffen, die Freiheit zu bekämpfen. Durch diese Freiheit, welche gedachter Partei zur größten Gefahr gereicht, ist ihr aber auch das Vollbewußtsein geworden, daß sie für ihre Existenz bis auf's Aeußerste kämpfen müsse. — Alle Fortschritte des neunzehnten Jahrhunderts dienten demnach, und mußten der Natur der Dinge nach dazu dienen, die ungelösten Fragen des vorigen Jahrhunderts und die dem Fortschritt entspringenden neuen Fragen nur zu verschärfen, zu verbittern und in gewaltigere Kampfesphasen zu versetzen. Die Menschheit muß hindurch. Mit dem Frieden auf der Oberfläche ist nichts abgethan. Alle Mittel des Kampfes müssen erschöpft, alle Phasen desselben ausgelebr werden, ehe sich eine dauerhafte Gestaltung und hiermit ein friedlicher Zustand zu entwickeln vermag. Wir wollen nur noch zwei Momente hervorheben. Gerade die durch große Erfindungen riesenhaft gewachsene Communication zwischen allen nahen und fernen Theilen der Erde hat die Verbindung unter den Völkern und Staaten außerordentlich gesteigert. Hierdurch aber sind die Interessen derselben zu viel mehr Berührungspunkten, darum aber auch zu häufigeren Reibungen und feindlichen Zusammenstößen gelangt, und ein Zwischenfall im fernsten Osten vermag den Westen in die größte Aufregung wenn nicht in Brand zu setzen. Nicht minder auf dem Gebiete der Principien. Im vorigen Jahrhundert waren die Kriege noch Territorialkriege; in dem jetzigen ttaten die Völker an die Stelle der Dynasten; in Folge dessen gelangte das Nationalitärsprincip zur Geltung. So bedeutsam das nationale Leben gegenüber dem

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