Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1876)
- Date
- 1876-10-17
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Leitung des Iudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philipplon in Bonn. Verlag vou Baumgärtner^s Bllchhandlnug in Leipzig. Beilagen werden mit 1 Mark 5 0 Pf. pro Hundert berech net. I» rüxrctionellen Auzelegacheite» wende man sich \a Dr. t. Philippso» in »omr, hinfichüi» des Bezug« und der Inserate»» «amngärtnrr'» «üchdandlnng in Leipzig. 3»feraU, welche bi« Donners- Ut; einseben, finde» Inder darauffolgende» fbwsnex Berückstchrigung. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 bi« iy2 Bogen. Preis Vierteljährig I Mark. Inserate werden mit 20 Pf. firr die Peützerle oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitung»»Expeditionen nehme» Bestellungen an. 40. Jahrgang. Leipzig, den 17. October"l876. JV? 42. Inhalt. Leitende Artikel: Das neunzehnte Jahrhundert. — lieber den jüdischen Gebetcultus und dessen Geist. VI. — Literarischer Wochenbericht: Bonn. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Breslau. Bonn, Biersen, Cannstatt. — Oesterreich-Ung arn: Wien,Lemberg. — Frankreich: Paris. — Italien: Rom. — Rumänien: Bukarest. — Rußland: Brody. — Südafrika: Kimberley.— Nordamerika: Aus der Union. — Feuilleton: Dr. Abraham Reumann. (Eine Lebensskizze.) (Fortsetzung.) — Vermischtes. jCcilettOe (fJCxtillef. Bonn, 12. October. Das neunzehnte Jahrhundert. In diesen Tagen befand sich die europäische Welt wieder einmal in der größten Aufregung, voll Furcht und Beängstigung über das, was kommen werde. Man hatte die Großmächte in voller Einigkeit, mitten in der Friedensvermittelung zwischen den beiden kriegführenden Völkern auf der Balkanhrlbinsel geglaubt; man erwartete den nahen Friedensabschluß, und baß endlich durchdringende Reformen im türkischen Reiche für die Lösung der orientalischen Frage eine dauerhafte Unterlage schaffen würden. Plötzlich trat eine der Mächte mit neuen. Alles verwirrenden Prätenfionen auf, und bewirkte eine fieberhafte Auftegung, stellte einen europäischen Kriegsbrand in Aussicht. Bei der noch kaum überstandenen außerordentlichen Finanzkrise, bei der niederdrückenren Stockung in Handel und Gewerbe traf dieser Schlag schwer, brachte noch mehr Unsicherheit und Zagen in alle industriellen Unternehmungen und ein noch tieferes Fallen aller Werthe. Dies ist das neunzehnte Jahrhundert. Nicht das Wühlen einer Partei, nicht der Kampf innerer Gegensätze, deren jeder um die Obherrschaft im Staate ringt: die Staaten und Völker selbst sind es, die mit dem Schwert in der Hand einander gegenüberstehen, um das blutige Waffenspiel immer wieder zu erneuern. Es ist das Ganze der politischen Verhältnisse gleich dem gefüllten Pulverfaffe, über welches die brennende Lunte gestreckt wird. Wird der zündende Funke fallen oder znrückgehalten werden? . . . Das achtzehnte Jahrhundert begann mit dem spanischen Erbfolgedem schwedisch-russischen und russisch-türkischen Kriege, und endete mit den Revolutionskriegen, nachdem es die schlesischen, den siebenjährigen, den bayerischen Erbfolgekrieg, die französischenglischen Seekriege und den nordamerikanischen Unabhängigkeitskampf gebracht hatte. Und das neunzehnte Jahrhundert? Es begann mit den welterschütternden napoleonischen Kriegen. Der Aufstandskampf der Griechen, der russisch-türkische Krieg und die Eroberung Algeriens folgten. Dann war es ein Bierteljahrhundert Friede in Europa. Selbst die revolutionären Erschütterungen von 1830 und 1848 bewaffneten die Völker gegeneinander nicht. Erst jener Abenteurer, den die Franzosen zur nochmaligen Verwirklichung der napoleonischen Legende zum Cäsar gemacht, zur Wiederholung der Hundert Tage, die diesmal zwanzig Jahre verbrauchten, und doch mit einem zweiten Waterloo, nur noch in schimpflicherer Weise bei Sedan schloffen, erst dieser brachte den Krieg wieder in die europäische Völkerfamilie hinein, den 'Krimkrieg, dem der französisch-italienisch-österreichische, der deutschdänische, der preußisch-österreichische und der ftanzösisch - deutsche folgten, wahrend sie noch die blutigen Bürgerkriege in der Union, in Mexiko, in Spanien, die chinesische Expedition einschloffen, und jetzt ihr Nachspiel in dem Kriege zwischen Serbien, Montenegro und der Türkei haben — und wer weiß, welche Blutwellen noch durch das letzte Viertel dieses Jahrhunderts strömen werden? . . .