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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-10-10 · Heft 41 (10.10.1876) · p. Seite 666

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 41 (10.10.1876)
Date
1876-10-10
Page
Seite 666 (sequence 12)
Language
German
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666 auch im Fache der praktischen Arithmetik durch bekannte Rechenbücher einen Namen erworben, des Herrn Hirsch Joseph zu Halberstadt, an welchem Schreiben uns noch besonders die noch immer kräftige Handschrift erfreute. Es lautete: „In Ihrer werthen Zeimng des Judenthums, die ich nun circa 40 Jahre pünktlich gelesen, ohne eine einzige Nummer derselben überschlagen zu haben, las ich vor einiger Zeit eine Biographie Ihres seligen Herrn Vaters Vst, worin Sie von seinem Werke ’rab r-rra nm sprachen, und wie ich glaube, darin bemerkten, daß Sie ein Exemplar deffelben gern besitzen möchten. Dieses Werk war vor ungefähr 55 Jahren mein Leiter beim Privatunterricht der jüdischen Jugenv. Ich benutzte dasselbe beim Unterrichte der hebräischen Sprache, der biblischen Geschichte, der Sprechübungen, schrieb Vorschriften daraus ab, ließ Gedichte daraus auswendig lernen, und benutzte es noch bei vielen andern Zweigen des Unterrichts. Ich kann Ihnen sagen, daß ich damals als junger Mensch von 18 Jahren mich aus diesem schätzbaren Büchelchen erst selbst noch zum Lehrer ausbildete und das Werkchen als angenehme Rückerinnerung sehr in Ehren gehalten, weil es mir so lieb war, wie wenn ein Armer einen Schatz aus der Erde gräbt. Denn ich war arm an Kenntnissen und au Vermögen, mußte Unterricht ertheilen, um mich zu erhalten, und hatte nun auf einmal Etwas in Händen, was ich beim Unterrichte so vielfach benutzen konnte. Denn damals waren die Werke zum jüdischen Unterrichte nicht so häufig vorhanden wie jetzt, sondern nur sehr wenig oder gar nicht zu haben. Da nun meine Kräfte im hohen Alter mir nur erlauben, noch täglich einige Stunden unterrichten zu können, und mein Unterricht auch schon lange Zeit sich bloß auf kaufmännische Wissenschaften beschränkt, so kann ich den nm 1:3b y-rvn entbehren. Meine drei Söhne, die dem Kaufmannsstande angehören, können dergleichen Bücher nicht benutzen. In der Voraussetzung, daß es Ihnen nicht unangenehm ist, sende ich also dieses Werkchen, das aus zwei Theilen besteht, aus Dankbarkeit gegen Ihren seligen Herrn Vater Vst und aus Achtung für Ihre werthe Person als Andenken von mir, und soll es mich fteuen, wenn dieses Ihnen genehm wäre. Jedenfalls hoffe ich :c. Hirsch Joseph." Vermischtes. Die Landschaft in der Bibel. Bor Kurzem erschien eine sehr interessante Schrift von Prof. Dr. Gottfried Kinkel: „Mosaik zur Kunstgeschichte". (Berlin, Oppenheim, 1876.) Dieselbe enthält eine Reihe einzelner Abhandlungen über specielle Gegenstände aus der Kunstgeschichte, die sich ebenso durch die gründliche Behandlung des Stoffes, wie durch die vorzügliche Darstellung und meisterhafte Sprache auszeichnen. Den Reigen eröffnet ein Auffatz allgemeinen Inhalts „über den verschiedenen Charakter der antiken und der modernen Kunst". Wir gestehen offen, daß, so viel Schönes er auch enthält, wir doch im Ganzen nicht mit ihm einverstanden sind. Er zieht Inhalt und Richtung der Kunst, Wurzel und Ausgang der verschiedenen großen Kunstepochen zu sehr auf Begriffsflaschen, wobei er, wie es uns scheint, zu einem Theile von irnhümlichen Voraussetzungen ausgeht und mit der Geschichte in Widersprüche geräth. Doch dies nachzuweisen ist an dieser Stelle nicht unsere Aufgabe. Wir begegnen S. 23 folgender schönen und bemerkenswerthen Stelle: „Das Berständniß der Natur wird überhaupt erst möglich, wenn sich der Geist aus ihr herausgelöst, mit Bewußtsein über sie hinaufgestellt hat. So begegnen wir schon früher bei den Hebräern, denen ihr Monotheismus jene Befteiung des Geistes aus dem Naturleben garantirt, einem landschaftlichen Sinne, den auch die großen hellenischen Dichter vermissen lassen. Gleich mit bestimmter Bezeichnung einer Umgebung, des Paradiesgartens, fängt die hebräische Menschheitsgeschichte an. Abraham's Leben als Wüsten-Emir und Hirtenkönig, die Scenen am Nil, das reizende Idyll von Ruth, ein Wüstenbild, so mächtig wie Hagaus mütterliche Verzweiflung bei dem verschmachtenden Sohn — wo haben wir denn bei Homer eine Stelle, wo die Landschaft so wesentlich, so mithandelnd in's Leben der Figuren eingreift, ihre Stimmung und Handlungsweise bedingt? Die zarten Begegnungen von Mann und Weib werden au den im Orient so wichtigen Brunnen angeknüpft, Moses schaut von den Höhen des Ostjordanlandes die Pracht Kanaans, unter sich den Palmenhain Jerichos, die schwarzen Felskuppen von Judäa, weiterhin aber die blauen Schluchten des Ephraimwaldes, und im Norden den Einen schimmerndweißen Punkt, den ewigen Schnee des Hermon, — eben die Landschaft ist hier das Bedeutendste, ist das Ergreifendste in der ganzen Scene; der stärkste Nerv in der Situation liegt darauf, daß der Sterbende sie noch sehen, nicht betreten soll. Kennt doch Jesaja schon den gespenstigen Spuk der Wüste, dessen Ahnung die Karawanen heute wie damals im Dämmerlicht des sinkenden Abends überfallt! In noch bestimmterer Weise nähert sich der Monotheist der Natur als betrachtender Mensch, indem sie ihm als Werk und als Preis ihres Schöpfers erscheint. Werke wie der 103. und 104. Psalm, wie die energischen Schilderungen der Riesenthiere und die glänzenden der meteorologischen Phänomene am Schlüsse des Hiob, kennt das klassische Alterthum gar nicht. Dieses bleibt vielmehr in einer atomistischen Naturbetrachtung gefangen. Jede einzelne Naturseite hat ihren besonderen Gott, dem sie als Wohnung dient, der sie aber nicht geschaffen noch wahrhaft mit seinem Lebensodem durchdrungen hat. In der bildenden Kunst stellt man daher zur Bezeichnung der Scene einfach den Gott hin, der diese bestimmte Umgebung beherrscht, z. B. um einen Fluß zu bezeichnen, den Flußgott mit der Urne oder die Najas. Man

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