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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-10-10 · Heft 41 (10.10.1876) · p. Seite 665

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 41 (10.10.1876)
Date
1876-10-10
Page
Seite 665 (sequence 11)
Language
German
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665 reichen Israeliten der Stadt eingeladen. Zur angesagten Stunde klopfen wir an die Pforte unseres Wirthes, der uns entgegenkommt , umgeben von seinen zehn Kindern. Die Herrin des Hauses, noch frisch trotz ihrer 45 Jahre, empfängt uns in anmuthigster Weise. Beim ersten Anblick unterscheidet sich das Haus nicht wesentlich vom muselmännischen „Dar". Man sieht hier große Kreuzgänge, begrenzt von breiten Säulen und gepflastert mit farbigen Vierecken. Der Hof ist mit einem Springbrunnen versehen. Die Zimmer sind lang und schmal, und — eigenthümliche Einrichtung — aus der einen Seile jedes derselben öffnet sich eine Art Alkoven, dessen Boden hoher ist; bisweilen stellt man einen Divan hinein. Wir sind also in Algerien. Aber die Israeliten sind Eklektiker; während sie die alten Ge bräuche Hochhalten, haben sie mit Eifer das französische Comfort angenommen: so hat denn auch unser Wirth einen Salon im oberen Stockwerk, einen wahren Salon, nach europäischer Art meublirt. Bedient er sich desselben zwei Male im Jahre? Nein, aber er ist sehr stolz auf ihn. Selbst ein Piano verfolgt uns dahin; ein Schrank in Ebenholz enthält das „Gebet einer Jungfrau" und Stücke aus der Altere Angol! Auf einer arabischen Etagöre ist ausgelegt Ponson du Terrail. Die Mutier der Fa milie hat den guten Geschmack gehabt, ihre malerische Volkstracht nicht zu verlassen. Sie trägt die Formla > Mieder) von Sam met, den mit Gold gestickten Kaftan, den Beden (Ueberkleid) in broschirter Seide, die Ghelila (Aermel), deren durchsichtige Gaze die sehr fleischigen Arme verschleiern. Ihre Haare verschwinden unter den anmuthigen Falten des M'harma «goldgestickter Foulard). Ein Perlenhalsband (eberk» deljouksr) schmückt ihren Hals. Auf ihren hellfarbigen Gürtel fällt eine goldene Kette (swbra), endigend in einem reichen Riechkästchen. Ihre Füße sind mit ausgeschnittenen goldgestickten Schuhen bekleidet (hechmak). — Die jungen Töchter haben von dieser Volkstracht mehr oder weniger der französischen Mode geopfert. Was die Knaben betrifft, so sind sie Eingeborene durch die Pludderhose und die mit Liste bestickte Tuchweste; sie sind französische Bürger durch das Chemiset und durch die gewöhnliche Sammetmütze oder das gallonirte Köpi. Es ist jetzt selten in den Straßen einem Israeliten zu begegnen, der seine Volkstracht vollständig und ohne ftemdartige Mischung beibehalten hat. — Die Tafel war nach europäischer Art hergerichtet. Ach, noch eine Enttäuschung. Ich hatte mich darauf gefreut, mich um den Tifur (kleine niedrige Tafel) zu hocken, mir die Hände in dem kupfernen Becken, das die Runde macht, zu waschen, den Familienvater das gewohnte Geber sprechen zu hören (Gott sei gelobt, der das Brod der Erde entwachsen läßt!), ihn ein Stück Brod abschneiden und unter den Tischgenoffen vertheilen zu sehen, einen hölzernen Löffel in die einzige mitten auf die Tafel gestellte Schüssel zu tauchen. Nein, wir haben gewöhnliche Couverts, Teller von Fayence: darum sind aber die ungewohnten und ungereimten Speisen aus der Küche unsres WirtheS nicht mehr gerechtfertigt, und dieses Mahl ist nichts Anderes als ein langer Widersinn. Da giebt es endlose Reihen von Betil (kleine Fleischkuchen), von Papraqua, Klöschen von Haschis in Oel, von Brania (Kichererbsen und Eieräpfel in Oel gebraten) u. s. w. Ich würde nicht endigen, wollte ich Alles aufführen. Indessen inmitten dieser extravaganten Speisen legte ich die Hand auf einen trefflichen Kuskus, mit harten Eiern garnirt und mit Hühnerflügeln beladen, und aus einen majestätischen Aber still! Hier kommen die Musiker. Sie kauern sich in einem Halbcirkel auf Kissen, und das Concert, der große Zug des Abends, beginnt sofort. Die Künstler führen nur Ensemblestücke auf. Diese Melodien, bizarr für unsre verfeinerten Ohren, sind nur abgerissene Phrasen; sie kommen nicht dazu, ein Thema zusammenzusetzen und werden ganze Stunden ohne Wechsel wiederholt. Die Trommel schlägt den Rhythmus und scheint der Herr der Situation zu sein. Diese Orchester sind unveränderlich aus fünf Instrumenten zusammengesetzt. Es sind der Rrbab, der Kuistra (eine Art maurischer Mandoline, welcher man mit Hülse einer zwischen dem Daumen und Zeigefinger der linken Hand gehaltenen Feder sehr sanfte Töne entlockt), Der Kamendja (unsre Violine, ebenfalls maurischen Ursprungs, deren sich die Israeliten, sie aufrecht vor sich haltend, bedienen), der Cenrihr und der Derbucha. Der Reisende giebt eine genauere Beschreibung dieser fünf Instrumente, die wir jedoch hier übergehen, weil sie ohne Zeichnung unverständlich bleibt. Wir hörten, fährt er fort, während eines Theiles der Nacht dieses „rhythmische Geräusch", ich wage nicht zu sagen Musik. Dennoch schienen die Israeliten, welche uns umgaben, und die Musiker selbst einen außerordentlichen Genuß daran zu finden. Schließlich sind die musikalischen Formeln rein conventionell und die Erziehung macht in unsren geistigen Genüssen sehr viel aus. Soweit Herr v. Lorral. Immerhin zeigt uns seine Schilderung die eingeborenen Juden auf ihrem Entwickelungswege in der Mischung ihres volksthümlichen Wesens und der französischen Cultur, wobei man jedoch in Vorzügen wie Nachtheilen den Unterschied zwischen Aeußerlichem und Jnnerm nicht außer Augen lassen darf. Ein freundliches Andenken. Bor einiger Zeit sprachen wir die Ansicht aus, daß jene Uebergangszeit vom Tode Mendelssohns bis zum Beginn der reformistischen und wissenschaftlichen Bestrebungen in den Zwanziger Jahren und die Männer, die in dieser für das Judenrhum öden Zeit das karge Feuer des Eifers und der Begeisterung sorgfältig hüteten und vor dem Verlöschen bewahrten, viel zu wenig gekannt und geschichtlich gewürdigt würden. Hieran erinnerte uns und gewährte uns einen Belag der Brief eines 76jährigen Greises, eines wohlverdienten Jugendlehrers, der sich 41*

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