Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1876)
- Date
- 1876-10-10
- Page
- Seite 664 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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664 vielleicht die Pläne der Katholiken paralysiren konnten! Die Macht des Ultramontanismus ist stärker als die des Häufleins der Hebräer; ihre Organisation ist eine straffe, festgeschloffene und ihre Leitung beruht in einer einzigen, durchaus sicheren Hand, und die Demokratie weiß einen solchen Verbündeten zu schätzen, und wenn, nach errungenem Siege, es an's Beute vertheilen und an die Haltung der Versprechen geht, so wird sie sich nicht lange bedenken und das Fähnlein der Israeliten der Legion der Katholiken opfern. Daß die Letzteren im Falle der Erwählung von Tilden und Hendricks sofort als Belohnung ihrer Dienste eine allgemeine Judenverfolgung fordern werden, fällt uns nicht ein zu behaupten, denn dazu find sie zu klug, aber andere Forderungen, die sie ihrem endlichen Ziele näher und näher bringen, werden sie stellen und sie werden ihnen auch gewährt werden müssen, weil man sie ihnen vorher versprochen hat. Daß aber eine Judenverfolgung nach dem Beispiele früherer Jahrhunderte nicht außerhalb der Pläne des Ultramontanismus liegt, das beweist folgende Stelle aus dem Eingangs erwähnten Artikel der „Kathol. Bolkszeitung". Nach dem Citate fährt er fort: „Wir denken, dies ist deutlich genug und wir hoffen, diese Drohung wird auch eine genügende Mahnung für alle Israeliten sein, sich nicht in's Schlepptau einer Partei nehmen zu lasten, die mit ihren unversöhnlichsten Feinden ein Bündniß eingegangen ist und sich nicht dazu hergeben, die Ruthe selbst binden zu helfen, die sie einst züchtigen soll. In allen anderen Ländern gehören die Israeliten den Fortschrittsparteien an und hier stallten sie mit der des Rückschrittes gehen?" Wir glauben nicht, und der „Wecker" deutet dies ja selbst an, daß die Verbindung der Juden mit der demokratischen Partei in den meisten Staaten der Union besteht; doch wünschen wir von Herzen, daß sie sich auch in unsrem Staate noch rechtzeitig von diesem verhängnißvollen Bündniß lossagen möge! Wären die Grundsätze der demokratischen Partei bei der Schöpfung der Union herrschend gewesen, so würden schwerlich unsre Glaubensgenoffen in so großer Zahl in Amerika wohnen und glücklich und frei fein. Sie hätten hier dasselbe Joch gefunden, welches sie in den meisten europäischen Staaten noch so lange zu tragen hatten. Baltimore, 8. Sept. (Privatmitth.) Endlich ist die leidige Affaire des Predigers Jacob Mayer an der Har-Sinai- Gemeinde zu Ende geführt! In diesen Tagen hielt die Gemeinde ein Meeting ab, auf welchem die Resignation Mayer's auf >ein Amt übergeben, verlesen und verhandelt wurde. Die Gemeinde nahm die Resignation an und bestimmte 500 Dollars als Abstandsgeld für den Abtretenden. Er war auf 5 Jahre zu einem Jahresgehalt von 3000 Dollars angestellt gewesen, von denen er zwei Jahre fungirt hatte. Die 23 Familien, welche sich von der Har-Sinai-Gemeinde losgesagt hatten, als diese den Mayer beibehalten wollte, werden sich ihr wieder zugesellen. Es war dies ein trauriger Zwischenfall in der Geschichte der amerikanischen Juvenheit; doch die öffentliche Meinung ist durchgedrungen. Washington, im September. (Privatmitth.) Der dritte Jahresbericht des „Vereins amerikanisch-hebräischer Gemeinden" (Union of American Hebrew Congregations) weist eine erfreuliche Zunahme der Betheiligung jüdischer Gemeinden an dieser nützlichen Institution nach; deren Zahl beträgt jetzt 83 mit circa 4000 Mitgliedern. Die Hauptschöpsung des Vereins ist das im vorigen October eröffnete „hebräische Bereinscolleg", einer Art Lehrerseminar, welches jetzt 17 Zöglinge zählt. Der Verein hat die Absicht, auch ein „hebräisches Seminar für junge Damen" zu gründen. Freilich ist für die erstere Anstalt allein ein Grundfonds von 300,000 Dollars in Aussicht genommen, von dem erst 69,200 Dollars vorhanden sind! Die vorübergehenden Ausgaben für das „Colleg" betrugen in den ersten neun Monateu seines Bestandes etwas über 5000 Doll. Außerdem wurden zur Unterstützung armer Zöglinge 2260 Doll, ausgegeben. In diesem Jahre aber sollen die armen Zöglinge nur freie Wohnung, freien Tisch und freie Wäsche haben, dagegen die Kleidung sich selbst verschaffen müffen. Die Prüfung der Zöglinge geschieht durch drei angesehene jüdische Gelehrte. Man kann beiden großen Unternehmungen des Vereins nur den besten Fortgang wünschen! — Bemerkenswerth ist, daß entsprechend ähnlichen Bewegungen in Europa, der Verein den amerikanischen Israeliten anempsiehlt, ihre Söhne einem guten Handwerk oder dem Ackerbau zu widmen, indem jetzt eine kaufmännische Laufbahn zu unsicher ist und nicht so viel Erfolg verspricht, wie die eines tüchtigen Handwerkers oder eines praktischen Ackerbauers." — Aller Wahrscheinlichkeit nach wird in nächster Zeit eine Verbindung zwischen dem „Verein" und der „Delegirtenversammlung amerikanischer Israeliten" (Board of Delegates of American Israeliles) stattfinden, was im Interesse beider Körperschaften sehr erwünscht wäre. Ieuilleton. Ein Mahl bei einem eingeborenen Zuben in Tlemcen. In Paris bei Hachette erscheint < bereits im 15. Jahre) eine Wochenschrift für Reisebeschreibungen „!e Tour de Monde“. Die Nummer vom 20. November v. I. enthält Reiseskizzen aus Tlemcen (Algerien) von E. de Lorral, aus welchem wir Folgendes entnehmen. Am 5. April. Wir sind zum Mittagsmahls bei einem