Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1876)
- Date
- 1876-10-10
- Page
- Seite 658 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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658 der Tradition und ihren Ausläufen eine mehr oder weniger freie Stellung einzunehmen. Die jüdische Gesammtheit ist in den Gemeinden verkörpert, und so haben diese in ihren Instituten denselben Weg zu gehen, wie vorher die Individuen. Dies war dem Ursprünge des Procefses gemäß nur bei den europäischen Juden der Fall, da nur diese von der Cultur ergriffen und in das allgemeine Leben eingeführt wurden. Und da dies wiederum bis jetzt nur im westlichen und mittleren Europa stattfand, so ging der geschilderte Proceß bis jetzt nur bei den Juden dieser Länder vor sich. Unter diesen Umständen mußte zwar dieser Proceß zwischen dem neuen Culturleben und der Tradition an sich überall derselbe sein, doch aber bei den Individuen und den Gemeinden zu einer Reihe verschiedener Stufen gelangen. Viele Streitigkeiten waren die Folge, aber eine wesentliche Spaltung geschah nicht. Wiederum ganz anders verhalt es sich mit der moslemischen Tradition. Auch sie entsprang aus dem nothwenvigen Bedürfniß und mit höchster Autorität versehen; auch sie wurde schriftlich abgefaßt; auch sie erweckte den Kampf und ein Theil der Bekenner riß sich von ihr los, jedoch nur um schließlich selbst eine Tradition zu schaffen (wie dies auch bei den Karaern der Fall war). Aber während im Christenthume Kirche und Staat nebeneinander bestanden und zumeist im Streite miteinander lagen, wahrend im Judenthume es keine Hierarchie und keinen Staat gab: waren Religion und Staat im Islam identisch, ihre Interessen fielen zusammen und so verhalf der Staat der Tradition zur unbedingten, unanfechtbaren Herrschaft, und da die höhere Geistescultur nach einmaliger Blüthe fast ganz verschwand, so verblieb der moslemischen Tradition die ganze Machtfülle über die islamitischen Völker. — Dies hätte nun in den asiatischen und afrikanischen Ländern nur eine innere Bedeutung. Unglücklicher Weise ist jedoch von dem einstigen Eindringen der Mohammedaner in Spanien, Sizilien und Griechenland ein islamitischer Staat übrig geblieben, die Türkei. Dieser kommt, vermöge seiner Lage, mit der europäischen Cultur fortwährend in Conflict. Was aber noch übler, dieser türkische Staat hat zahlreiche christliche Unterthanen, die nach dem traditionellen Rechte aufs Uebelste behandelt werden. Wie nun einerseits es naturgemäß ist, daß Europa die eingedrungenen Asiaten, da sie sich mit ihm nicht amalgamiren können, wieder hinausdrängen will, so muß das Loos der christlichen Rajas jenes auffordern, sie entweder von der türkischen Herrschaft gänzlich zu befreien, oder doch für sie staatliche Reformen zu erwirken, welche ein gesetzlich bürgerliches Leben gewähren. Diese Reformen können aber nur durch einen Bruch mit der moslemischen Tradition verwirklicht werden. So steht wenigstens der türkische Staat vor der Frage, ob er sich als Staat von der Tradition freimachen wolle und könne? In solcher Weise ist unsrer Meinung nach die obschwebende Frage zu fassen. Nicht vom Verfall des Islam kann man sprechen, wodurch die klare Erkenntniß nur verdunkelt wird, sondern von der Fähigkeit der türkischen Race, mit ihrer Tradition in einen Kampf zu treten und ihr die Reformen abzugewinnen, welche für ihren Staat aus seiner Berührung mit der europäischen Cultur und wegen der staatlichen und bürgerlichen Stellung ihrer nicht-muselmännischen Unterthanen unumgänglich erforderlich sind. Daß hiermit auch für die Türken Staat und Kirche sich trennen und in den Culturkampf eintreten, ist einsichtlich. Aber dieser letztere ist bis jetzt auch im Christenchume und Judenthume noch lange nicht zu Ende geführt. Deutschland. Berlin, 26. September. (Privatmitth.) Das Curatorium der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums hat ihren zweiten Bericht und zwar von Ostern 1874 bis 1876 veröffentlicht. Demselben geht eine Abhandlung von Vr. Levy „Ueber einige Fragmente aus der Mischna des Abba Saul" voran, über welche wohl in diesem Blatte referirt werden wird. Der Bericht erwähnt zuerst des großen Verlustes, welchen die Hochschule durch den Tod des vr. Geiger erlitten hat. Die durch jenen entstandene Lücke glaubt man bald durch eine geeignete Kraft ausfüllen zu können. Jmmatriculirt waren während der letzten vier Semester durchweg 9 Hörer. Von den früherem Hörern sind zwei als Rabbiner (vr. Rosenzweig in Birnbaum und vr. Schreiber in Elbing) einer (vr. Adler) als Professor an der Universität Jthaca in New - 'Zork angestellt. Einen bedeutenden Zuwachs hat die Bibliothek der Hochschule durch den Erwerb der Büchersammlungen von Prof. vr. Julius Fürst und des vr. Geiger, sowie durch anderweitige Zuwendungen erhalten. Die Uebersicht der Einnahmen erweist, daß das Interesse für die Hochschule in der Zunahme begriffen ist. Aber allerdings ist sie noch weit von dem Ziele, durch genügende Fonds für immer gesichert zu sein, oder durch jährliche Beiträge die Mittel zu besitzen, alle in ihr Gebiet gehörende Disciplinen vollständig mit Lehrkräften zu versehen. Hoffen wir, daß diese Lücken mit der Zeit sich immer mehr ausfüllen werden! Bis jetzt hat sich das Interesse für diese unentbehrliche höhere Lehranstalt des Judenthums wesentlich nur in Berlin, Hamburg, Frankfurt a. Main und Leipzig und von der kleinern Gemeinde in Aachen erwiesen. Wie groß also noch der Kreis wäre, in welchem sich der Sinn für das wissenschaftliche Judenthum und für die höheren Bedürf-