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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-10-10 · Heft 41 (10.10.1876) · p. Seite 657

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 41 (10.10.1876)
Date
1876-10-10
Page
Seite 657 (sequence 3)
Language
German
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657 Doch dürfen wir unsre Betrachtung noch nicht abschließen, ohne einen Blick auf die Tradition geworfen zu haben. Die drei positiven monotheistischen Religionen, das Judenthum, das Christenthum und der Islam, haben gleicherweise jede ihre Tradition. Es liegt dies in der Natur der Sache. Auf eine bestimmte, schriftliche Grundlage gestellt, muß alsbalv die Berührung der Religion mit dem Leben, das in die Erscheinung Treten der Religion die Auslegung und Amplification nothwendig machen, theils in theoretischer, noch mehr in praktischer Beziehung. Diese von Geschlecht zu Geschlecht überlieferte Auslegung und Anwendung bildet die Tradition. Ihrem ursprünglichen Wesen nach ist sie das stüssige Element neben den schriftlich formulirten Lehren und Vorschriften der Religion, indem sie diesen einerseits die Einwirkung auf das wirkliche Leben zu ermöglichen, andererseits die Ausgleichung mit den sich stets verändernden, erweiternden und vermannichfaltigenven Verhältnissen des Lebens zu verschaffen sucht. In der mosaischen Religion war es sogar Gesetz, der Tradition diese ihre Flüssigkeit, diese ihre Freiheit zu bewahren durch das Verbot sie schriftlich zu fixiren. So bestand die jüdische Tradition nur im Munde der Schriftgelehrten bis über ein Jahrhundert nach dem zweiten Falle Jerusalems. Der christlichen und islamitischen Tradition ward es nicht so gut, denn in ein späteres schreibseligeres Zeitalter gekommen, ward sie bei der großen Ausdehnung des Gebietes und der Verhältnisse schon früher nach ihrem Ursprung der schriftlichen Abfassung übergeben. Mit dieser Aufzeichnung tritt alsdann, schon im Streben der Vervollständigung, die Kasuistik ein, das ist die Verwerthung und Anwendung der traditionellen Bestimmungen in allen einzelnen Fällen, und schließlich innerhalb der aufgehäuften Masse das Bedürfniß der Codificirung. Hiermit ist aber nicht blos das Wesen der Tradition gebrochen, sondern werden auch ihre Pulsadern unterbunden. Sie wird mit der ihr zuertheilten Autorität und Unveränverlichkeit zu einer Unterdrückung des geistigen Lebens. Sie gebietet nicht allein dem religiösen Leben selbst Stillstand, sondern zwingt alle geistige Bewegung in ihre Schranken und Normen. Nur auf kasuistischem Wege, aber immer an sie gebunden, läßt sie Erweiterungen zu. Weil sie selbst den Fluß verloren, sollen auch Geist und Leben allen Fluß aufgeben, oder sich doch allein iu dem engen Bett fortbewegen, welches sie gegraben und umdämmt hat. Dies war das allgemeine Geschick der Tradition in allen drei positiven Religionen. Wie war aber nun der Fortgang beschaffen? Im Christenthume hatte die Tradition vorzugsweise einen hierarchischen Charakter, den Aufbau priesterlicher Herrschaft zum Inhalte, gestellt auf die Unterlage einer systematisch ausgesührten Dogmatik. In den lebenskräftigen Nationen, die dem Christenthume angehörten, hatte der Kampf gegen diesen priesterlichen Herrschaftsbau niemals ganz aufgehört, theils aus dem Geiste heraus, theils aus dem Widerstreben der politischen Macht, sich jenem ein- und nnterzuordnen. Die Reformation eröfsnete den vollen Ausbruch; sie zerstörte für ihre Anhänger die Geltung des hierarchischen Theiles der Tradition und erhielt von dieser nur den dogmatischen Theil aufrecht. Aber auch gegen den letzteren, der in seiner streng fixirten Gestalt abermals zu einem geistigen Joche geworden, erhob sich im vorigen Jahrhundert der Kampf und währt bis heute fort. Für den anderen, größeren Theil der christlichen Völker, für welchen das traditionelle Bauwerk unangetastet blieb, erstand der Kamps in anderer Weise. Die Entwickelung des politischen unv socialen Lebens und die fortschreitende Geistescultur ertrugen es nicht, sich den Consequenzen jener hierarchischen Institution zu unterwerfen und indem sie diese letztere bestehen ließen, bekämpften sie fortwährend deren Consequenzen unv machten sich ftei von ihnen. Dies ist der sg. Culturkamps, der jedesmal um so heftiger entbrennt, je kräftiger die Cultur nach der Ausgestaltung ihrer Freiheit strebt, und je klarer die Hierarchie die Gefahr erkennt, die hieraus für sie erftießt. Wir sehen also, wie in den europäischen Völkerschaften die sixirte und ausgestaltete Tradition theils beseitigt wird, theils trotz ihres Fortbestandes die staatliche Selbstständigkeit und die Freiheit der Culturbewegung bewahrt wird. — Ganz anders war es im Juvenrhume. Zuvörderst hatte hier die Tradition jeden hierarchischen Charakrer verloren, und selbst eine sormulirte Dogmatik nur in geringem Maße aufgestellt. Sie hatte sich vielmehr aus die Gestaltung des realen Lebens innerhalb bestimmter, religiös ausgeprägter Normen gerichtet und beschränkt. Zu diesem Zwecke halte sie den religiösen Charakter in das Wesen des Jus, das religiöse Verhallen in ein Rechtsverhalten verwandelt, so daß die Verpslichtung und das Vergehen bei jedem, auch dem geringfügigsten Thun und Lassen innerhalb sorgfältig bestimmter Grenzen markirl wurden. Man vergleiche z. B. die Sabbath- und Speisegesetze. Erwägt man nun hierzu, daß die Juden l3 Jahrhunderte von allem bürgerlichen, zuletzt auch von fast allem geistigen Leben mit Gewalt ausgeschlossen und in eine geringe Zahl von Lebensberufen eingezwängt waren: so wird es einsichtlich, daß bei der oben gezeichneten Beschaffenheit ihrer Tradition Liese einen unangefochtenen Bestand bewahrte, und vielmehr zur Erhaltung der Religion und des Stammes wesentlich beitrug. Erst als die allgemeine Geistescultur auch in die Juden eindrang und als die Mauern, innerhalb derer man sie vom bürgerlichen Leben ausgeschlossen hielt, niedergerissen wurden, gerieth die Tradition mit dem realen Leben unv mit der plötzlich eindringenden vorgeschrittenen Geistescultur in Conflict. Die völlige Freiheit des Judenthums von aller priesterlichen und politischen Macht und Herrschaft machte daher den entstandenen Gestaltungsproeeß zu einem blos individuellen, und gewährte zugleich dem Individuum die Freiheit, ihn nach seiner seelischen Beschaffenheit auszuführen. Es war Sache des Individuums, wie weit es sich von der Autorität der fipirten Tradition frei machen und sich mit ihr absinden wolle. Aus Individuen besteht aber die Gesammtheit, und so konnte auch diese mit der Zeit sich nicht enthalten, zu 41*

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