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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-10-10 · Heft 41 (10.10.1876) · p. Seite 656

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 41 (10.10.1876)
Date
1876-10-10
Page
Seite 656 (sequence 2)
Language
German
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656 Das Argument, das Dillmann zum Beweise des Verfalls des Islam in's Feld führt, ist einseitig und ungeschichtlich. So lange eine positive Religion in zahllosen Geistern lebt, ihre Anschauung ausfüllt, ihr Handeln bestimmt, .sie opferwillig bis zum Tode findet; so lange ferner eine auf die Propaganda angelegte positive Religion Fortschritte macht, bald in kleinerem, bald in größerem Maßstabe Dolksmaffen sich aneignet, welche bis dahin ihr nicht angehörten: so lange kann vom Verfall einer Religion nicht die Rede sein, mag sie in ihrem inneren Entwickelungsgange seit kürzerer oder längerer Zeit stehen geblieben sein. Beides ist aber bei dem Islam der Fall, und kann nicht abgeleugnet werden. Denn wer kann andererseits behaupten wollen, daß in einer solchen positiven Religion unter den angegebenen beiden Momenten nicht noch eine Entwickelung hervorbrechen und sich eine weite Bahn eröffnen könne? Ein gründlicher Geschichtsdenker wird dies nicht wagen. Besonders nicht bei asiatischen Völkerschaften, wo alle historischen Erscheinungen stoßweise hervortreten, wo nach langem Stillstände aus irgend einem Winkel ein Impuls hervordringt, der mit reißender Schnelligkeit Alles vor sich niederwirft und den Sieg erringt. Uebrigens ist die Einheit, also die Einförmigkeit im Islam durchaus nicht so groß, wie man gewöhnlich sich vorstellt. Die große Spaltung in Sunniten und Schiiten, die gerade einen beträchtlichen Theil der Tradition betrifft, spricht dagegen, und außerdem giebt es viele einzelne Secten, wie schon der Koran 70 voraussieht. Das Beispiel der Wechabiten, so beschränkt sie auch durch rechtzeitig eingetretene Waffengewalt auf das arabische Gebirge geblieben sind, zeugt gegen die These, daß eine Entwickelungsphase für den Islam in aller Zukunft unmöglich sei. Die Geschichte lehrt uns vielmehr Folgendes. Das Christenthum wurde von den europäischen Völkerschaften angenommen und hat sich in ihnen seitdem lebendig erhalten. Nicht blos die griechische und römische Welt, sondern auch die Germanen und Slaven, die Nachkommen der Hunnen und Finnen fielen ihm zu. Es «änderte mit ihnen nach Amerika und Australien, und diese Welttheile wurden ihm zu eigen. Dahingegen unterwarf sich der Islam Asien und Afrika, verdrängte daraus das Christenthum, soweit es unter dem Schutze der römischen Herrschaft darin schon Fuß gefaßt hatte, und dringt in diesen Welttheilen nach Osten und Süden immer weiter vor. Trotz der politischen Oberherrschaft europäischer Völker in Indien und am Cap hat das Christenthum daselbst keine Fortschritte gemacht, während im englischen Indien bereits über 40 Millionen Mohammedaner sind und die chinesische Regierung sich nur mit Mühe des moslemischen Angriffes erwehrt. Auch in Mittelasien vermögen die russischen Waffen die Völker zwar zu unterwerfen, nicht aber zu bekehren. Was folgt hieraus? Daß das Christenthum die für die abendländischen Völker, der Islam die für die morgenländischen Nationen geeignete Religion ist. Ob dieses Verhaltniß in einer fernen Zukunft sich anders gestalten werde, können die Einbildung und der fromme Glaube annehmen, der geschichtlichen und wiffenschaftlichen Erkenntniß fehlt hierzu noch heute jeder reale Boden. Ebenso lehrt uns die Geschichte, daß die europäischen Völkerschaften eine höhere Cultur zu schaffen befähigt sind, während die asiatischen und afrikanischen Nationen in der Cultur nur bis zu einem gewiffen Grade gelangen. Wir suchen an dieser Stelle für diese geschichtliche Erscheinung keine Erklärung, sondern betrachten sie nur als eine Thalsache, welche die Geschichte des Alterthums, des Mittelalters und der neueren Zeit bestätigt. Schon die egyptische und indische Cultur blieb auf einer gewiffen Stufe stehen und prägte sich selbst den Charakter der Stabilität auf. Die assyrische und persische Cultur zeigte immer nur Vorstufen, auf welchen sie verschwand. Ganz anders die griechische und römische Welt; sie erklomm nicht blos auf der Leiter der Entwickelung viel höhere Sprossen, sondern entfaltete sich auch so lange sie bestand. Wie die an sich steife Natur der Römer die griechische Cultur in sich aufnahm und doch wieder selbstständig verarbeitete, ist Zeugniß dafür. Auch die Araber verstanden es, sich auf den Boden der griechischen Wissenschaft zu stellen, soweit er ihnen offenkundig ward; aber sie benutzten ihn nur einseitig zu einem nicht umfassenden Gedankenstoff und darum welkte auch ihre Blüthe bald ab. Sonst leben die asiatischen Völker auf dem Schutthaufen des Alterthums, ohne aus ihm die geringsten Scherben zu eigner Heranbildung herauszugraben. Auch die Chinesen und Japaner verfolgten denselben Weg wie die Eghpter und Inder und mumisicirten sich in ihre einmal gewonnene Cultur ein. Wir brauchen hier nicht den ganz entgegengesetzten Weg zu zeichnen, den Weg fortschreitender Entwickelung, welchen die europäischen Völkerschaften gingen und gehen; wie sie fort und fort die ganze Vergangenheit des Menschengeschlechtes durchforschen, um deren geistige Erzeugnisse in sich aufzunehmen und lebendig wirken zu lassen; wie sie fort und fort ihr eigenstes Wesen nach allen Richtungen des Lebens hin entfalten, und im Ringen und Kämpfen der Geister und im steten Flusse der materiellen Interessen immer neue Bahnen der Entwickelung öffnen. Was folgt hieraus? Daß auch die höhere Cultur dem , Islam seinen Boden in den asiatischen und afrikanischen Racen nicht entziehen kann, weil jene in diesen nur innerhalb der äußerlichen Momente oder bis zu einer gewissen Stufe, auf der sie wieder incrustiren, wirksam werden kann. Dies ist der Nachweis, den die Geschichte führt, und wir haben in dem vorliegenden Falle die geschichtliche Erkenntniß allein zu beftagen. In die fernste Zukunft gleich unsren gottbegeisterten Propheten den Blick zu versenken, ist darum nicht unsre Aufgabe, weil da erst die Frage ersteht: was ist unter der höchsten Cultur, unter dem höchsten Ziele der Menschheit zu verstehen? Denn daß dahin auch unsre gegenwärtige europäische Cultur noch lange nicht reicht, daß namentlich der sittliche Inhalt dieser höchsten Cultur uns noch überaus fernfteht, wird Jedermann anerkennen.

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