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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-10-03 · Heft 40 (3.10.1876) · p. Seite 647

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 40 (3.10.1876)
Date
1876-10-03
Page
Seite 647 (sequence 9)
Language
German
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647 Oesterreich-Ungarn. Bon der Donau, IO. September. (Privatmitth.) Vorigen Freitag wurde in Oedenburg der neuerbaute Tempel durch Herrn Dr. A. Jellinek feierlich eingeweiht. Die Militär- und Civilbehörden, sowie die Geistlichen der verschiedenen Confessionen beiheiligten sich an der Feier. Ueberhaupt schwindet der confessionelle Unterschied hier zu Lande immer mehr. So wurde erst vor einigen Wochen in Bisce ein Jude, Herr Dr. Neuberger, als Bezirksrichter, nicht ernannt, sondern durch die Comitats- Congregation gewählt. Es ist dies das erste Mal, daß ein Jude die Stelle eines Bezirksrichters bekleidet, und ist diese Wahl um so beachtenswerther, als Bisce eine den Juden sonst nicht sehr freundlich gesinnte slavische Bevölkerung hat. Auch in Janow bei Lemberg fiel die Wahl eines Bürgermeisters auf einen Juden, Herrn M. Richter. Zum ersten Male steht eine galizische Stadt unter der Regierung eines Juden. Zu Anfang des vorigen Monats starb im israelitischen Krankenhause zu Berlin unser Landsmann I. L. Klein, der treffliche Berfaffer der „Geschichte des Dramas", welche er in 13 starken Banden bis auf Shakespeare geführt hat. Auö Galizien, im September. Wie dunkel es noch im hiesigen Lande ist, ersieht man abermals aus einem Berichte, welchen die öffentlichen Blätter aus Lancut bringen. In unserer Stadt, dem Sitze eines chassidischen „Röbben", lebte ein Herr Thal Weißmann bislang in den besten Verhältnissen; derselbe sieht sich aber jetzt durch einen von dem Rebben über ihn verhängten Bannfluch in seiner Reputation und seinen Geschäften schwer bedroht. Die Beranlaffung ist folgende: Herr Weißmann hat sich den neunten Band von Grätz' Geschichte der Juden kommen lasten, in welchem das Treiben der Chassidim behandelt und, wie man denken kann, verurtheilt wiro. Der Buchbinder, dem Herr W. das Werk zum Einbinden übergab, hat den letzteren, sowie den Inhalt des Buches denuncirt, worauf der Bannstrahl erfolgte. Herr W. ist auch dem Gerichte denuncirt worden (?). Das letztere hat nun eine Tagsatzung auf den 19. September, dem ersten Neujahrslage angesetzt, die Herr W. auf einen andern Tag zu verlegen bisher vergebens bemüht war. Außerdem wird derselbe von der Gemeinde, die sammt und sonders in den Banden des Chassidismus liegt, in der empfindlichsten Weise verfolgt. Es steht zu erwarten, daß die Behörden diesem Pendant von Sandec ihre Aufmerksamkeit zuwenden. Zu erwähnen ist noch, daß auch der Krakauer Rabbiner um seine Zustimmung zu dem Banne ersucht wurde. Dieser hat jedoch zuvor das eorpus delicti, nämlich das Buch, zur Einsicht begehrt und ist ihm daffelbe zugeschickt worden. Rumänien. Paris, im Septbr. Dem „Berl. Börsencourier" schreibt man von hier Folgendes, was wir hier wiedergeben, um auch einer anderen Ansicht, als die unsrige ist, das Wort zu leihen: „Es hat sich in der letzten Zeit in Paris eine lebhafte Agitation zur Befferung der traurigen Lage der Juden in Rumänien gebildet, und man schreibt uns darüber Folgendes: Die Ereignisie, die sich jetzt im Oriente abwickeln, haben von Neuem die Aufmerksamkeit Europas auf das rumänische Land gerichtet; man anerkennt die ruhige und mäßige Haltung, welche die Regierung den Wirren gegenüber beobachtet hat, eine Haltung, die überall lebhafte Sympathien erweckte. Lpider werden aber diese wohlwollenden Empfindungen paralysirt durch die mit den Principien der Humanität und mit dem Rechtsgefühl in so directem Widerspruch stehende Haltung der rumänischen Regierung und des rumänischen Volkes gegenüber den Juden. Man begreift hier nicht, wie Leute, die meist in Paris ihre Erziehung erhielten, die ein so lebhaftes Jntereffe für Wissenschaft und Kunst, für alles Gute und Schöne an den Tag legten, eine so mittelalterliche Anschauung in ihrer religiösen Politik beobachten können. Und gerade diese Disharmonie trennt Rumänien noch von dem europäischen Concerte; sie schadet nicht nur seinem moralischen, sondern auch seinem materiellen Crecite. Sollte man in der orientalischen Frage ein anderes Loos, als das durch die Waffen entscheiden lasten, sollten die Mächte zusammentreten, wohin käme da Rumänien bei seiner den Juden gegenüber beobachteten Haltung? Glaubt das Land, daß man von dem Ernste seiner politischen Mission überzeugt sein kann, wenn es nicht das Unrecht wieder gut macht, das es gegen seine jüdische Bevölkerung begangen hat? Wir ignoriren dabei gar nicht den Zustand, in dem sich diese Bevölkerung befindet, wir wisten wohl, daß ihr noch zum großen Theile das Vaterlandsgefühl fehlt. Gerade ebenso war die Stellung der Israeliten im Elsaß, als ihre Emancipation decretirt wurde. Eine jahrelange Unterdrückung, das Verweigern der civilen Rechte, das Ausschließen aus der Gesellschaft, hatten bei den Juden den Gedanken an eine nationale Zusammengehörigkeit ausgelöscht. Deshalb sahen sie auch in dem Decrete nur die Pflichten, die ihnen oblagen, nicht aber die Rechte, die es ihnen bot. Doch nur weniger Jahre bedurfte es und die elsäsfifchen Israeliten zeigten sich des Namens „französische Bürger" würdig. Es besteht eine gewiste Analogie zwischen den rumänischen und den elsäsfifchen Juden. Meist aus Rußland, Oesterreich oder der Türkei eingewandert, sind Jene unwistend und ohne Erziehung, ihre ganze Thätigkeit beschränkt sich auf den Handel. Der Rumäne ist aber Landarbeiter, er bekümmert sich um den Handel nicht, und so bietet sich den Israeliten eine Chance, die ihm den Haß und sogar die Verfolgungen seitens der einheimischen Bevölkerung zuzieht. — Trotzdem ist die Stellung der Juden eine sehr wichtige, und es wäre ein großer Nachtheil für Rumänien, wenn sie zu einer Mastenauswanderung gedrängt Wörden. Der Staat muß ihnen daher den Aufenthalt im Lande erträglich machen. Man verkenne unsere Absicht nicht. >Wir verlangen von der rumänischen Regierung für die Juden 40

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