Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1876)
- Date
- 1876-10-03
- Page
- Seite 645 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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645 S&eifciui/Cj daoccßt/tcßteii/. Deutschland. Leipzig, 21. September. (Privatmitth.l Der im Jahre 1874 von Studenten jüdischer Religion gegründete „akademischisraelitische Unterstützungsverein Humanitas" hat seinen ersten Bericht über die Jahre 1874 bis 187 6 veröffentlicht. Die Gründe, aus welchen der Verein sich constituirte, werden in dem Vorwort mit folgenden Worten angegeben: „Der Verein wurde im Februar des Jahres 1874 begründet, weil bei der wachsenden Frequenz der hiesigen Universität naturgemäß auch die Zahl der unbemittelten jüdischen Studierenden in hohem Grade zugenommen hatte. (Es studieren durchschnittlich an der Leipziger Universität circa 150 Juden, von denen sicher ein Sechstel der Unterstützung bedürftig ist.) Es bestanden allerdings bereits damals am hiesigen Orte Vereine mit ähnlichen Tendenzen; aber da ihre Unterstützungen auch anderen zufloffen, so waren die Summen, die ausschließlich den Studierenden zugewendet werden konnten, bei weitem nicht ausreichend, um dem dringenden Nothstanbe abzuhelfen. Abgesehen hiervon, waren und sind die meisten Stipendien der hiesigen Universität statutarisch Juden unzugänglich." Es versteht sich von selbst, daß der Verein aus studentischen Mitteln allein nicht bestehen konnte, sondern auf die Mithülfe edler Menschen außerhalb des Studentenkreises rechnen mußte. Dies hat sich denn auch bewährt, und der Verein konnte bereits 3600 Mark — worunter besonders eine Gabe des Herrn Jacob Plaut in Leipzig von 1500 Mark — als Fonds zurücklegen, und zwölf Stipendien mit zusammen 1191 Mark gewähren. Allerdings reicht dies für das vorhandene Bedürfniß noch lange nicht aus, und es müffen sehr viele Anforderungen unbefriedigt bleiben. Es wäre daher sehr zu empfehlen, daß die Beiträge, sowohl die ordentlichen als die außerordentlichen, sich und zwar bald und stetig mehren! Anerkennenswerth ist es, daß sich unter den Beitragenden auch eine Anzahl Synagogengemeinden befindet, nämlich Posen, Landsberg a. d. W., Oels, Potsdam, Floß (Bayern), Nürnberg, Neustadl a. H., Erfurt und Neiffe. Möchte dieses Beispiel recht viele Nachfolge haben! Da die Studenten Leipzigs aus allen Gauen des deutschen Vaterlandes und auch aus anderen Ländern herstammen, so reicht auch die moralische Verpflichtung überall hin. Wir heben hervor, daß die Verwaltung zwar in den studentischen Händen liegt, daß aber drei Mitglieder der Gemeinde die Aufsicht und Controle in unbedingtem Maße führen, so daß auch eine musterhafte Ordnung herrscht. Von einem absichtlich ausschließlichen Charakter kann bei diesem Vereine nicht die Rede fein, da er gesellschaftliche Zwecke gar nicht hat, und der Umstand, daß fast sämmtliche mit der Universität Leipzig verbundenen Stipendien nur für christliche, ja meist nur für protestantische Studenten bestimmt sind, rechtfertigt ihn nicht blos, sondern macht ihn zu einer Nothwendigkeit. Bremen, 14. Sept. Gestern wurde unsre neue Synagoge feierlich eingeweiht. Die hier erscheinenden Zeitungen geben sämmtlich die wohlwollendsten und anerkennendsten Berichte. Wir heben aus dem des hiesigen „Couriers" folgende, den Bericht einleitende Worte hervor: „Wenn man bedenkt, daß bis zum Jahre 1818 in unserer Stadt keinem Israeliten gestattet war, sich häuslich niederzulaffen oder ein selbstständiges Geschäft zu begründen, so muß die seit kaum mehr als dreißig Jahren eingetretene Wandlung und die gestern vollzogene Feier für uns ein ebenso bedeutender, als erfreulicher Fortschritt auf der Bahn der Humanität genannt werden. Wie jung indeß in Bremens Mauern die israel. Gemeinte auch ist, so hat es innerhalb derselben doch nicht an tiefgehenden, anhaltenden Spaltungen gefehlt, die erst vor wenig Wochen durch beiderseitiges Entgegenkommen in formeller Weise ihre Erledigung gefunden haben. Für das Werk des Synagogenbaues ist aus dem Widerstreit alter und neuer Meinungen im Schooße der Gemeinde manche Schwierigkeit erwachsen; aber auch außerdem hat es erheblicher Anstrengungen und Opfer bedurft, daffelbe zu Stande zu bringen. Jetzt ist es fertig und darf zu der Art und Weise, in welcher dies geschehen, wohl ein aufrichtiger und herzlicher Glückwunsch ausgesprochen werden. Die Feier selbst, Punkt 41 2 Uhr Nachmittags beginnend, verlief in höchst ansprechender und würdiger Form. Es waren auch an Nichtmitglieder der Gemeinde, die sich zahlreich eingefunden hatten, eine Menge Einladungskarten vertheilt worden. Unter vielen angesehenen Gästen bemerkte man die Herren Senator Pfeiffer, Senator Mohr, Senator Lürmann, een Präsidenten der Bürgerschaft, H. Clauffen, mehrere unserer freisinnigen protestantischen Prediger, Oberst Brüggemann u. s. w. Unter Begleitung eines Harmoniums wurde die Feierlichkeit durch den schwungvollen, erhebenden Wechselgesang eines gemischten Chores eröffnet. Darnach fand unter entsprechenden Worten und Gesängen die formelle Einweihung des neuen Gotteshauses statt." Die Festpredigt wurde von dem Prediger der Gemeinde, Herrn Lewinger, gehalten und machte auf alle Anwesende eine tiefergreifende Wirkung, wie dies die hiesigen Zeitungen in anerkennender Weise aussprechen. Das Thema bildete der bekannte Spruch: „Auf drei Säulen beruht die Welt, auf GoneSlehre, Gottesdienst und Wohlthätigkeit." J) 1) Zufällig erhalten wir soeben einen kleinen Artikel über die Geschichte der Juden in Bremen, den wir im Feuilleton geben. Redac tion.