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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-10-03 · Heft 40 (3.10.1876) · p. Seite 644

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 40 (3.10.1876)
Date
1876-10-03
Page
Seite 644 (sequence 6)
Language
German
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644 Worte sich Recht auf Duldung erbetteln; sie verloren sich, weil ohne Halt im öffentlichen Religionsbuch und in der Masse der Gläubigen, in's Ziellose, in baaren Unglauben, in Freigeisterei und Naturalismus oder pantheistische Schwärmerei. Schon einige Jahrzehnte nach Ma'mun'S Versuch errang sich der gegentheilige Satz, daß der Koran ungeschaffen, absolut göttlich sei, die Oberherrschaft im Glauben rer großen Gemeinde, und seither ist das Schicksal deS Islam im Grunde besiegelt. Noch zwar wirkte der einmal erwachte wiffenschastliche Trieb Jahrhunderte lang fort, aber der Versuch, den Islam aus dem Wege der Wiffenfchast sortzubilren, war aufgegeben, oder die ihn noch fertsetzten, wie die „lauteren Brüder", die Emyclopädisten von Basra (Ende des 10. Jahrhunderts), mußten es im Geheimen thun und erzielten keine Wirkung mehr. Philosophie und Naturwiffenfchaft gingen ihre eigenen Wege und erzeugten nun erst ihre größten Vertreter, einen Jbn Sina (T 1037) und Jbn Ruschv ('s 1198). Die Mystik in ihren edlen Vertretern zog sich auf die Poesie zurück, erhielt sich als Geheimlehre, gehaßt von den Rechtgläubigen, und entartete schließlich zu leerer Möncherei, zum Gauklerwesen oder zum Laster. Die orthodoxe Korantheologie aber nahm von den gehaßten philosophischen Gegnern Mittel und Waffen des logischen Beweises und der dialectischen Kunst, um Alles, was Muhammeo gelehrt, als Gegenstand des Glaubens vor der Vernunft zu erweisen, und bildete jenes in der Form vollendete scholastische System aus, veffen erste Höhen Namen wie Abu-l- Hasan al Asch'ari und Ghazzali (t 1111) bezeichnen. Große Gelehrte in allen Fächern des Wiffens sind noch viele ausgetreten, selbst noch nach der mongolischen Verwüstung, und Persien hat seinen letzten Dichterfürsten tDschümi) erst am Ende des 15. Jahrhunderts gehabt Aber im Wesentlichen ist seit dem Beginn der Neuzeit der wiffenschastliche Trieb überall entschlafen; was nun noch gemacht wurde, sind Encyklopärien, Sammelwerke, neue Handbücher oder schlechte Nachahmungen rer Alten. Die Theologie ist die scholastische des Mittelalters geblieben. Der Zwang, den Muhammev's Gesetzesreligion auf die Gläubigen ausübt, har seine Früchte getragen: alles geistige Leben ist erstarrt, verödende Unfruchtbarkeit herrscht in seinen weiten Gebieten. Der freisinnige, merkwürdige Reformversuch des Großmogul Akbar hat den Kaiser selbst nicht überlebt und die echtarabische Reformation des Abo-ul-Wahhüb im vorigen Jahrhundert hat nur die späteren Entartungen des Glaubens, des Lebens und der Silke abgestreist, aber über Koran und Sunna in nichts hinausgesührt." Ein schönes Gegenbild entwirft der Redner hier von der Bibel. Er sagt: „Auch wir haben heilige Bücher, aus denen wir Gottes Wort und Willen zu vernehmen überzeugt sind. Diese sind aber nicht die Schöpfung eines einzelnen Mannes, aus einer Spanne Zeit seines Einzellebens, sondern der Niederschlag des angestrengtesten Ringens eines ganzen Botts und seiner besten Männer um das Höchste, dessen die Menschheit in ihrem Derhaltniß zu Gott fähig ist; das Werk eines anderthalbtausendjährigen Zeitraums, worin das geschichtliche Werden, die stufenmäßige Vervollkommnung unserer Religion, ihrer Erkenntniffe, Wahrheiten, Grundsätze, Anstalten, Heil- und Hilfsmittel dargelegt, wodurch also auch der geschichtliche Sinn des Lesers geweckt und ihm die Möglichkeit gereicht wird, die Einseitigkeit jeder Stufe, jeder Zeit, jeder Person durch Vergleichung mit andern daneben stehenden zu ergänzen. Unsere heiligen Bücher sind nicht das monotone Einerlei einiger weniger trockener Wahrheiten und willkürlicher Gebote, sondern ein reich gegliedertes, harmonisch zusammen klingendes Mancherlei von Gesetzen und Lehren, Geschichte und Dichtung, Selbstdarstellüngen und Lebensbildern, worin Nahrung für alle Seiten des menschlichen Gemüthes geboten wird; nicht blos ein Elementarbuch für die Anfänger, sondern auch ein Bildungsschatz für die im sittlichreligiösen Leben Fortgeschrittenen; nicht ein Bändiger und Dämpfer der geistigen Freiheit, sondern Schriften voll Geist, welche, wie sie selbst aus dem Geiste entsprungen sind, an den Geist sich wenden, den latenten Geist des Lesers entbinden, den Geist der Wahrheit nnd Erkenntniß wecken, zum Prüfen und Forschen und Selbstversuchen einladen." Es leuchtet ein, diese Schilderung paßt zunächst und in fast allen Ausdrücken allein auf die h. Schriften Jsrael's, va die neutestamenilichen Bücher nur wenigen Autoren während eines kurzen Zeitraums angehören. Doch auch sie, so wenig wir ihnen Autorität zuertheilen, und so sehr nicht wenige in ihnen enthaltenen Aussprüche unsren Religionsanschauungen widersprechen, beruhen dennoch auf jüdischer Geistesunterlage. Aus der wiffenschastlichen Bibelkritik scheint nun dem Redner ein geläutertes Chriftenthum z» erstehen, das dereinst auch den Islam überwinden werde. Er schließt: „Historischer Kritik sind auch die Religionsurkunden wie aller Völker so die des Christenthums unterworfen worden. Obwohl der Kampf zwischen ihr und dem alten Buchstabenglauben oft hoch ging und noch immer wogt, eins können wir jetzt schon sagen: unsere Bibel geht auch aus dieser Feuerprobe nur geläutert und geklärt hervor, weil ewige göttliche Wahrheit in ihr steckt; erst das durch sie gereinigte Christenthum wird seine wellüberwindende Kraft ganz bewähren, bewähren einst auch an der Welt, die ihm bis jetzt am zähesten widerstand, den Völkern des Islam." Man sieht leicht, daß Vieser letzte Theil der schwächste der glänzenden Rede des Herrn l>r. Dillmann ist, und so sind wir ansgefordert, den Gegenstand selbstständig von dieser Seite aus noch einmal in Betracht zu ziehen. (Schluß folgt.)

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