Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1876)
- Date
- 1876-10-03
- Page
- Seite 643 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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643 Auffassung der Ehe, durch den Islam nicht blos nicht weggeschafft, sondern noch bedeutend verschlimmert. Mit keiner anderen Einzelheit hat Muhammed sich so viel abgegeben, wie mit der Ehegesetzgebung, aber trotz mancher Verbesserungen im Loose der Frauen hat er doch erst jene mißtrauische Ueberwachung und jene schmachvolle Absperrung der Frauen von der Männerwelt zu Stande gebracht, welche im heutigen Orient verbreitet ist, und hat eben damit dem Familienleben seinen Schmuck und Schmelz, den Frauen selbst jede Möglichkeit, den Reichthum und die Innigkeit des weiblichen Gemüths voll zu entwickeln, und den Männern das mächtigste Mittel eines sittigenden und veredelnden Einfluffes entzogen. Mit dem ethischen Vervollkommnungstrieb fehlt auch das Hoffnungselement, das ideale Strebeziel. Außer seinem Paradies, das leicht verdient wird, hat der Muslim nur ein Hoffnungsziel: die Unterwerfung aller Völker unter den Islam. Daß vorher Vieles in ihm und um ihn noch beffer werden soll, kommt ihm wenig zu Sinn. Befriedigt mit dem irdischen Dasein, wenn nur der Islam die Macht hat, lebt er satt und sicher dahin und überläßt das Weitere Gott, der Alles bestimmt. Auch ihre Reiche, die neueren und alten, sowie die Herrschaft errungen war, verfielen leicht in diese apathische Ruhe und Lethargie. Der andere Grundfehler aber liegt in dem verkehrten Offenbarungsbegriff des Islam. Muhammed wollte zwar nur ein Mensch sein, aber doch ein Prophet Gottes, und wenn wir auf die Begeisterung sehen, mit welcher er seine den Arabern rm Ganzen damals neuen Gotteserkenntnisie verkündigte, so können wir ihm diese Ehre wohl lasten. Aber weil er bei den Juden und Christen seiner Zeit sah, wie sie ihre heiligen Schriften als ein ihnen wörtlich vom Himmel herab mitgerheiltes Lehr- und Gesetzbuch verehrten und benutzten, so hielt er es für unerläßlich, auch seine Befehle und Offenbarungen in derselben Form als geschriebene Blätter, als himmlische Lesestücke seinen Gläubigen in die Hand zu geben, ihm von Gott zugefertigt, wie ein Mensch dem andern auf einem Blatt Papier eine Nachricht zusertigt. So treten alle seine Lehren und Gesetze, entsprungen aus höchst unvollkommenen Ernkenntniffen und aus allen den Zufälligkeiten seines eigenen Lebens mit dem Anspruch auf, als unmittelbares göttliches Wort, als göttliches Gesetz zu gellen. Für das Jurenthum und Christenthum hatte er zwar Anfangs alle Anerkennung, und wäre er dabei stehen geblieben, so wäre die Möglichkeit gewesen, daß aus diesen früheren Religionen und ihren Büchern die Mängel und Einseitigkeiten der feinigen allmälig ergänzt worden wären. Statt deffen hat er gar bald, durch den Gang seines Lebens und Wirkens veranlaßt, die Brücke hinter sich abgebrochen, sich in feindlichen Gegensatz zu jenen gestellt, sich selbst den letzten und höchsten oder das Siegel der Propheten genannt und damit seine Anhänger auf immer an den bindenden Gehorsam gegen seine Person und den Buchstaben seines Korans gebunden. Nicht weil sie dem Bedürfniffe und Geiste des Menschen als Worte göttlichen Gehalts sich bewähren, sondern weil Gott durch den Propheten sie befahl, sollen seine Aussprüche geglaubt und befolgt werden. Und nicht erst nachdem sie und so weit sie durch eine Reihe von Generationen sich so bewährt hatten, wurden sie heilig durch ihren eigenen Werth (wie die Schriften der Juden und Christen nicht von Anfang an heilig waren, sondern erst allmälig die Hochschätzung sich erwarben), sondern von ihrem Anfang an wollten sie, und zwar sie alle, als heiliger Buchstabe gelten. Zwar erwies sich nun dieser Koran, mit seiner Jdeenarmuth und seinen vielen Widersprüchen im Einzelnen, für die Constituirung des Staates und Rechtes bald genug als unzureichend und wurde durch die Sunna, d. h. die Anfangs nur mündlich überlieferte „Regel" des Propheten (Aussprüche von ihm oder Erzählungen über ihn), ergänzt. Aber diese Sunna, obwohl ihrem Inhalt nach verschieden bei Sunniten und Schiiten, gilt doch bei beiden ebenso verbindlich wie der Koran. Ein solches Gesetzbuch aber, von dem jeder Theil und jedes Theilchen unabänderliche göttliche Auctorität beansprucht, ist der Tod alles Fortschritts, verhängt über den, der daran glaubt, den Verzicht auf eigenes Forschen und Prüfen und unterbindet den freien Trieb des Geistes. Was Wunder also, wenn dieser auf geistigen Zwang und Bevormundung gegründete Islam nun abgestorben ist! Zwar freilich, auch der Islam hatte seinen Frühling, wo ein gewaltiges geistiges Leben sich in ihm regte. Sobald er den Gipfel seiner äußeren Macht erklommen hatte, suchte der neue Glaube nach den verschiedenen Richtungen hin sich auszuwirken, überallher neue Kräfte und Stützen an sich zu ziehen. Das Denken erwachte. Die höchsten Probleme über Wesen und Eigenschaften Gottes, Prädestination und Willensfreiheit, Verhältniß des Glaubens zu den Werken hatten schon lebhaft die Geister beschäftigt und viele Streitigkeiten hervorgerufen; die Mu'tazila, eine Schule von Freidenkern, hatte schon die schwachen Seiten des Korans erkannt und hier sortzubilden gesucht. Und als nun gar unter den Khalifen Mansur und Ma'mun die Werke der griechischen Naturforscher und Philosophen, vor Allem des Aristoteles, durch Uebersetzungen zugänglich wurden, entstand ein wahrer Wetteifer, diese griechische Wissenschaft sich geistig anzueignen und Die ganze islamische Denkweise in neue Bahnen hinüberzuleiten; der Khalif Ma'mun selbst ging so weit, den Satz, daß der Koran geschaffen, d. h. nicht im groben und absoluten Sinn göttlich sei, zum Staatsdogma zu machen. Von anderer Seite her reagirte auch seit dem io. Jahrhundert das tiefere Gemüth des persischen Volkes gegen die nüchtern-verständige unv gesetzliche Art der Koran'schen Frömmigkeit, und suchte in der Mystik der Susi's dem Bedürsniß des Herzens nach einer inneren Verähnlichung und einer innigeren Vereinigung mit Gott Mittel und Wege zu weisen. Aber diese Versuche, den Islam über sich selbst hinauszuführen und fortzubilden, schlugen nicht durch: sie waren nur Sache der geistig Hervorragenden und feiner Gebildeten; sie konnten nur durch Umdeutung und Verdrehung der Koran-