Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-10-03 · Heft 40 (3.10.1876) · p. Seite 642

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 40 (3.10.1876)
Date
1876-10-03
Page
Seite 642 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227069-3227110--34798-3304705
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

642 ruft, hatte nicht bloß einst zur Zeit seiner Entstehung, als der östlichen Kirche, in dem Gezänke über trinitarisch-christologische Geheimnisse, in mönchischer Welrflucht und neuem Götzendienst Kraft und Wesen des Christenthums abhanden gekommen war, sondern hat noch immer, so lange die verschiedenen Kirchen um ihrer Bekenntniß-Differenzen willen sich Haffen und verfolgen und selbst die Grabeskirche in Jerusalem mit ihren Handeln entweihen, sein gutes geschichtliches Recht. Eine Maffe roher Völker verdankt ihm, daß er sie dem Naturzustand und Naturdienst entriffen bat, dankt ihm die Schulung in den Elementen rer befferen Religion, die ersten Schritte auf der Bahn des geistigen Fortschritts, und welche Dienste er der Menschheit Lurch die Erweichung sc vieler spröder Volksgeister und ihre Unterordnung unter einen Glauben und eine Sprache des Glaubens geleistet hat, wird voll und ganz erst die Zukunft lehren. Manche schöne Tugenden, Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit, Wohlthatigkeit und Gastfreundschaft, Genügsamkeit und Aufopferungsfähigkeit, strenge Erfüllung der religiösen Psticht, vor allem die Kunst der unbedingten Ergebung in den Willen Golles hat er seinen Bekennern tief eingeprägt; viele Muslim haben in diesen Tugenden Christen beschämt und überall, wo der Islam unverdorben sich erhalten hat, blühen sie noch. Männlicher Muth und kräftiger Sinn für Gleichberechtigung aller Männer der Gemeinde haben seine Bekenner von jeher ausgezeichnet. Vieler Reisenden Zeugniß bestätigt, daß halbcultivirte oder wieder gesunkene christliche Völker in moralischer Beziehung nicht höher, zum Theil sogar niedriger stehen als die Muslim. Selbst der zähe Widerstand, den diese noch heute wie zu allen Zeiten jedem Bekehrungsversnch der Christen entgegensetzten (obwohl er zum Theil auf strengen Strafgesetzen beruht), ') beweist doch für eine gewisse (?) Kraft des Islam, die Seelenbedürfniffe seiner Bekenner zu befriedigen. Und viele der Vorwürfe, die man insgemein ihm macht, treffen nicht ihn als solchen oder nicht ihn allein. Ungläubige Heiden hat auch Karl der Große, haben auch die Deutschritter, haben auch die Spanier in Amerika mit dem Schwerte bekehrt; Kreuzzüge gegen Ketzer und Tragonaden waren auch in der Kirche möglich, Inquisition und Autodafes nur in ihr; in Behandlung wehrloser Gefangener steht Richard Löwenherz tief unter Saladin, und unmenschliche Rohheiten, wie sie ungebildete muslimische Barbaren zu allen Zeiten und so in den jüngsten Tagen wieder verübt haben, weiß nlan auch von einem der „afrikanischen Generale" des allerchristlichsten Königs noch vor wenigen Jahrzehnten. Zwischen dem, was die Religion fordert, und der wirklichen Durchführung der Forderung im Leben ist eben immer, bei Christen und bei Muslim, eine große Kluft gewesen." I > Ganz ähnlich verhielt cs sich in den christlichen Staaten bis jetzt, und in einigen bestehen die Gesetze noch heute, welche den Abfall vom Chrisienthumc oder von einer bestimmten Kirche mit harten Strafen belegten oder belegen. Redaktion. Zwei Grundfehler des Islam hebt hingegen der Redner hervor. Er sagt: „Der eine ist: Muhammed macht's den Menschen zu leicht. Die Grundforderung der gläubigen Hingabe an und in Gott enthalt zwar im Kern alles Wesentliche, aber es kommt darauf an, das was darin liegt, auch heraus zu entwickeln, und hieran Halls bei Muhammed trotz alles wohlgemeinten Ernstes, der ihm eigen war, gefehlt. Seine nur oberflächliche Bekanntschaft mit dem Judenthum und Christenrhum reichte nicht hin, um diesen Mangel zu ersetzen. Er kennt wohl den allmächtigen, allweisen, alles bestimmenden, barmherzigen und gnädigen Gott und gerechten Richter, aber die Anforderungen, die dieser Gott an den Menschen macht, sind zu niedrig gestellt. Es sind einige Tugenden, die Muhammed empsiehlt, aber nur wie willkürlich herausgegriffen; in den ganzen Umfang des sittlichen Gebietes hat er keine Einsicht. Er weiß auch wohl, daß der Mensch fortwährend durch besondere Mittel zu Gott emporgezogen werden muß, aber seine asketischen Verordnungen, die täglichen Pflichtgebete, die Fasten, Waschungen, Speiseregeln, Wallfahrten, Almosen und der Kampf gegen die Ungläubigen sind zu äußerlich und nicht wirksam genug. Sie können erfüllt werden und daneben bleibt der Mensch doch im sinnlichen Wesen stecken, ja Muhammed hat sogar in seinem ganz fleischlich ausgemalten Paradies dem Menschen seine liebe Sinnlichkeit für die Zukunft garantirt. Von dem Heiligungsernst, wie ihn die biblische Religion fordert, von der Kraft und Zähigkeit des sündlichen Triebes, von der Schuld der Sünde, von Versöhnungsbedürftigkeit und Wiedergeburt, von der Aufgabe, die Natürlichkeit durch den Geist und in den Geist zu verklären, das Leben immer gottähnlicher zu gestalten, hat er keinen Begriff. Darum ist denn auch in der muhammedanischen Welt der ideale Sinn, der ethische Vervollkommnungstrieb so wenig nachhaltig angeregt. Nicht einmal die äußere Natur streben die Muslim mit Anstrengung aller Kraft dem Geiste unterwürfig zu machen: gegen Naturkalamitäten werden keine energischen Vorkehrungen getroffen, ihre schönen Länder liegen massenhaft öde und unangebaut, die Schätze derselben unausgebeutet. Noch viel weniger ist ein kräftiger Trieb da, das gesellschaftliche Leben zu verbessern. Ganze Völker und Volksstämme seiner Herrschaft stehen heute noch auf derselben Stufe der Bildung oder Unbildung wie vor Jahrhunderten; selbst in den eigentlichen Staaten lagern die Völkerschichten, aus denen sie geschichtet sind, noch unassimilirt in ursprünglicher Rohheit nebeneinander. Ein inneres Bedürfniß nach Bildung regt sich in ihnen nicht; Schulen für die Massen hat der Islam nicht erzeugt; dem weiblichen Geschlecht wird sogar die religiöse Erziehung verkümmert. Die Kunst ist nur in einigen Arten und in diesen sehr einseitig entwickelt und wenig vervollkommnet, als Bildungsmittel des Volkes nirgends verwendet. Ganz besonders ist eine altycerbte Unvollkommenheit der orientalischen Bölkerwelt, die niedrige Schätzung des Weibes und der Mangel an höherer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.