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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-10-03 · Heft 40 (3.10.1876) · p. Seite 640

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 40 (3.10.1876)
Date
1876-10-03
Page
Seite 640 (sequence 2)
Language
German
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64C lieber den jüdischen Gebetcultus und dessen Geist. > V.^) Neben diesem Cyklus von Benedictionen, welche die Wünsche der Nation und der Einzelnen als Glieder derselben und die Anbetung Gottes in dessen Attributen und Beziehungen zur Welt, zum Menschen und zu Israel aussprechen und dem Opferritus analog waren, lag es in der Natur der Sache, im wahrhaften Bedürfniß res Judenthums, hiermit auch das Bekenntnis seiner höchsten Glaubensanschauung zu verbinden. Hier wird es für immer denkwürdig bleiben, daß man sich nicht berufen fühlte, etwa eine Reihe sormulirter Dogmen aufzustellen, sondern sich begnügte und befriedigt fand, indem man nur den einfachen und doch so eindringlichen Schriftvers wählte 5 Mos. 6, 4 '151 y-axs, der die Einzigkeit Gottes ausspricht, geknüpft an den Namen Gottes, der das ewige, absolute Sein ('n) ausprägt, und den Anruf an Israel voranstelll (rrr^w'' diese Erkenntnis als die höchste und wesentlichste der Religion zu betrachten. Das Becürfniß des immer wiederholten Bekenntnisses war vorhanden, in aller und neuer Zeit, zur klaren und aufrichtigen Gegensätzlichkeit zu den anderen alteren und neueren Rcligionsbekenntniffen. Glücklicher konnte es aber auch gar nicht getrosten werden. Diese Einfachheit und Wärme, Liese Bestimmtheit und Innigkeit zugleich ist wahrhaft erhaben. Hier konnte der rnethaphysische Geist ebenso wie die Empfindung des Gemüthes sich versenken. Wie dieser Spruch mit der Zeit von den Lippen zahlloser Märtyrer ertönte, ist lautes Zeugniß genug. Dabei der Wegfall aller streitbaren und sestelnden Dogmen. Es war in der Thal der Kern- und Mittelpunkt der Religion, und alle Bekenner des Judenthums in allen Zeiten und auf allen Bildungsstufen vereinigten sich in ihm und fühlten sich in ihm Eins. Die Absagung res Schema wurde daher der zweite wesentliche Bestandtheil des jüdischen Gebetcultus (rras: nio-ip), und zwar zweimal res Tages _ (-ipai anr nz'3 cnmÄri cv brz), bei dem Morgen - und Abendgottesdienste, wiederum analog dem Opferrilus (4 Mos. 28, 4 ff.). Das Minchah- und das Mustaphgebet bestehen nur aus der Schemonah Esre. Diese Kriath Schema erweiterte man zunächst, indem man die auf B. 4 folgenden Verse 5 —!>, als einen zweiten Absatz 11, 13—21 und als einen dritten 4 Mos. 15, 37 — 41 hinzusügte. Der erste Absatz giebt uns jenen herrlichen Schriftvers über die unbedingte Liebe zu Gott, dann, daß wir alle diese Lehren (c'-oin) mit unsrem Herzen erfassen, unsren Kindern einschärfen, zu aller Zeit besprechen, zum Zeichen an Hand und Stirn knüpfen und auf die Pfosten unsrer Häuser und Thore schreiben mögen. Die Bedeutung dieser Schriftworte kann nicht zweifelhaft sein: wir sollen der Liebe zu Gott, feiner Lehre und 1) In Nr. 38, S. 609, Sp. 2, Z. 7 ist „dogmatlsirten" (nicht „dcgmatisircndeir") zu lesen. seinem Gesetze ganz und gar angehören, unser Herz damit erfüllen, unsren Verstand damit beschäftigen, sie von Geschlecht zu Geschlecht lebendig überliefern, indem wir sie auch mit der väterlichen Autorität versehen, und durch äußere Zeichen die beständige Erinnerung an sie wach erhallen. Der zweite Absatz schildert den Segen dieser Liebe zu Gott und dieses mit ganzem Herzen und ganzer Seele vollbrachten Dienstes, sowie den Fluch, den der Abfall mit Herz und Thal zum Götzendienste bewirken werde, und schließt mit einer ähnlichen Aufforderung wie der erste Absatz. Man hat hierbei in neuerer Zeit den Einwand erhoben, daß diese Verheißung von Lohn und Strafe allzu materiell sei, fruchtbares und unfruchtbares Wetter, reiche oder arme Erträgnisse des Bodens in Aussicht stelle. Indeß übersieht man hierbei, zu wem gesprochen wurde, zu den Gemüthern eines noch kindlichen Volkes, welches geistiger gefaßte Verheißungen gar nicht zu verstehen vermocht hätte, und daß es unsre Aufgabe ist, die tiefer liegenden Gedanken aus dieser Hülle loszulösen, ebenso wie wir in der Lehre von Gott die Anthropomorphismen nicht blos der Bibel, sondern auch aller Zeiten und Sprachen — wir können sie jetzt noch im Sprechen nicht entbehren — im Geiste abzustreifen haben. Die eindringliche Mahnung, daß die guten Handlungen segensreiche Folgen, die bösen verderbliche Wirkungen haben, daß eine heilige und edle Gesinnung auch ras Leben fruchtbar macht, wüste und sittenlose Handlungsweise die dauerndsten Nachtheile hervorbringt, ist ein wesentliches Moment der Religion, und die Geschichte lehrt, daß das Geschick der Völker von ihrem sittlichen Wesen abhangt, und daß sie, wenn sie entarten, untergehen. Dies Letztere ist aber der eigentliche Zielpunkt des Absatzes, den er nicht blos in der Mitte ausspricht, sondern am Schluffe nachdrücklich wiederholt, daß Israel nur in der Treue an der Gotteslehre seinen Bestand, aber in dem Abfall seinen Untergang finde. Jetzt, wo wir auf eine Vergangenheit von über drei Jahrtausende zurückblicken, müssen wir erst recht die Wahrheit dieses schon in der mosaischen Urkunde ausgestellten Ausspruches anerkennen. — Was endlich den dritten Absatz betrifft, der die Vorschrift über die Schaufären enthält, so ist auch hier der eigentliche Gedanke durchsichtig. Wie bei keinem anderen Symbol der Schrift wird dessen Zweck bei diesem ausgesprochen: bei dem Anblick der an der äußern Kleidung angebrachten Schaufäden soll das Gedenken aller göttlichen Gesetze in uns erwachen und zu deren Ausführung anhalten, damit wir nicht von den Gelüsten des Herzens und von der Umschau unsrer Augen nach den lockenden Genüssen uns verleiten lassen, denen der Mensch so gerne nachgiebt, sondern uns in Gott heiligen. Wie man daher auf der gegenwärtigen Entwickelungsstufe über die anzuwendenden Mittel denke, der Zweck und das Ziel sind auch hier in ewigen Zügen aufgestellt, nach der unveränderlichen Natur der menschlichen Seele. Ganz dem Systeme gemäß wurde nun die Kriath Schema am Morgenwie am Abendgottesdienste mit Benedictionen um-

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