Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1876)
- Date
- 1876-09-26
- Page
- Seite 631 (sequence 9)
- Language
- German
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631 aber dem Gegenstände des Streites weiteren Raum in unserem Blatte nicht zugestehen. Die Hauptsache ist, daß der Bericht des l*r. Kurrein, der durchaus keinen wistenschaftlichen Charakter und nicht über Methodik gehandelt habe, constatirte, daß die Religionsschule bei dem Abgang des vorigen Rabbiners sich im übelsten Zustande befand, daß der bei weitem größte Theil der Schüler nicht richtig hebräisch zu lesen, geschweige denn einen Vers aus der Bibel zu verstehen vermochte. Wir beschranken uns hierauf, da der ganze Streit auf diesen Punkt hinauslies. Krakau, 11. Sept. (Privatmitth.) Die bevorstehenden Landtagswahlen (für die Provinz) machen viel von sich reden, ohne jedoch diesmal eine tiefergehende Aufregung hervorzurusen. Diese würde vielleicht ganz gefehlt haben, wenn nicht die ultramontane Partei, die auch hier eine festgegliederte, abgeschloffene politische Partei zu bilden versucht, die Parole auszegeben hatte, es dürften allein ultramontangesinnte Polen gewählt werden, wodurch die liberalen Polen ausgeschloffen wären. Dies verursachte auch, daß die hiesiegen jüdischen Wähler beschloffen, eine Versammlung einzuberufen, zu dem Zwecke, um bei dem west-galizischen Central - Wahlcornite anzufragen, ob es willens sei, im Sinne des vor mehreren Jahren zwischen der christlichen und jüdischen Wählerschaft geschloffenen Compromiffes einen von den Juden aufgestellten Candidaten zu acceptiren und deffen Wahl der Krakauer Gesammt-Wählerschaft zu empfehlen. Bisher nämlich hatte man durchaus gesucht, den politischen Landlagswahlen keinen religiösen Charakter zu verleihen, was sogar die jüdischen Wähler zu vermeiden suchten, indem sie zum Beweise ihrer Friedensliebe bis nun von dem Uebereinkommen nichts erwähnt haben, das vor mehreren Jahren zwischen der christlichen und israelitischen Wählerschaft in Krakau geschloffen wurde, demgemäß sowohl in den Reichsrath als in den Landtag ein jüdischer Abgeordneter gewählt werden soll. Wir werben nun bald sehen, ob diese Bewegung nachhaltig ist, oder ob die Indolenz, der gegnerischen Insolenz das Feld frei läßt. Frankreich. Pariö, 16. Sept. (Nach den Arcli. isr.) Am bevorstehenden Feste wird die neue Synagoge in der rue des Touruelles dem Gottesdienste übergeben werden. (Dieser Tempel nimmt einen Raum von ungefähr 1400 Quadratmetern ein, ist 15 Meter lang, 22 Meter breit und 21 Meter hoch und in maurischem Style gebaut.) Er hat den Vortheil, auf dem schönen place royale auszugehen und wird nun auch das alte Bauwerk, das Theater Beaumarchais, das ihm gegenübersteht, verlieren, da daffelbe abgebrochen und in einen Square verwandelt wird. — 670 Israeliten sind diesmal von den Eingeborenen Algeriens ausgehoben und nach dem Süden Frankreichs gebracht worden, um in die verschiedenen Waffengattungen und Reginienter einzutreten. Mit dieser Aushebung ist es entschieden, daß die Naturalisirung der eingeborenen Israeliten Algeriens und das dieses betreffende Decret vom 24. October 1570 als unbestreitbar anerkannt ist. Aus diesem Gesichtspunkte verstanden es auch die Israeliten, und feierten den Abmarsch ihrer Söhne zur Armee in erhebender Weise. Dieser fand für die Alterscaffe von 1355 am 1. September statt. In Algier boten die Israeliten den Abmarschirenden einen „Punch" an, für welchen die Subscriptionen reichlich gefloffen waren. Der Saal des Theaters Malakoff war glänzend erleuchtet; viele Honoratioren, worunter die Maires und Municipalräthe, waren anwesend; viele Toaste wurden ausgebracht, aus denen besonders der des Deputaten für Algier, Gastu, hervorzuheben ist. Er sagte zu den Israeliten : „An rem Fortschritte aller Art haben Sie einen großen Antheil genommen; Sie sind mit diesem Lande und nach gleichem Maße groß geworden; Sie haben sich allen Kundgebungen unseres socialen Lebens angefchloffen, und es giebt keinen Zweig unserer Thätizkeit, in welchem sie nicht ihren Platz genommen hätten. Als die Wohlthat der Naturalisation kam, hatten Sie sich längst derselben würdig gemacht. Es ist nützlich, daß man es wiffe: das Decret, das sie Ihnen zuerthcilte, hat nun die officiell ausgesprochenen Wünsche Algeriens sanctionirt. Sie waren Bürger nach dem Herzen, bevor Sie es nach dem Rechte waren, und ich fühle mich glücklich, es hier zu sagen: indem unser theurer und berühmter Cremieux diese zugleich gerechte und politische Maßregel der Regierung der Republik verschlug, hat er sich abermals einen großen Anspruch auf Ruhm erworben. Jetzt haben Ihre Verleumder das einzige Argument verloren, welches ihnen verblieben war. Indem Sie sich bewaffneten, haben Sie jene entwaffnet." «Dies klingt doch anders, als wir es leider jetzt in Deutschland gewohnt sind! Redact.) Im gleichen Sinne sprachen sich viele Ncbilitäten aus. In Philippeville begleitete die ganze Bevölkerung das dortige erste Conrignent junger Israeliten mit Musik zum Bahnhofe, und bot ihnen hier einen „Punch" an. Der General Letourneur wohnte der Einschiffung im Hafen von Algier bei, und halte eine herzliche Ansprache an die Conscribirten gehalten. — Vor Kurzem hat eine jüdische Frau von 102 Jahren Algier verlassen, um in Gesellschaft eines jungen Rabbiners nach Jerusalem zu wandern. — In Marseille wohnte jüngst weder der protestantische Pastor, noch der Großrabbiner der Preisvertheilung im Lyceum bei, weil die Verwaltung diesen beiden Culten einen Preis im Religionsunterrichte verweigert hatte, der dem katholischen Cultus bewilligt war. Reclamationen blieben bis jetzt unbeachtet. Italien. Mailand, im Sept. Die hiesigen Israeliten wollten die günstige Stimmung der marokkanischen Regierung gegen Italien 39