Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1876)
- Date
- 1876-09-26
- Page
- Seite 629 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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629 über Alles zu wachen. Es giebt keinen Menschen, der von der Natur so schwach veranlagt ist, der so wenig LerstLndniß hat, und dessen 'Neigungen, Gewohnheiten und Berufe ihn so beunfahigten und unempfänglich machten für das Reale, wie gerade Laster. Er bringt weder genügende Kenntnisse, noch Erfahrung, noch die aus Interesse angeregte instinctive Perception für die Beurtheilung von ökonomischen und anderen praktischen Fragen mit; überall legt er einen theoretischen und falsch verstandenen Maßstab an und ist nur praktisch, wo Parteitrktik, Redaction vom juridischen Standpunkte oder die Nationalivee in Frage kommen. Sein Wirken ist daher auf den meisten Gebieten höchst schädlich, und wir werden erst später empfinden, wie viele Uebel dem Einflüsse Lasker's zu verdanken sind. Es würde mir nicht schwer fallen, eine Kritik an die Gesetzgebung der letzten Jahre anzulegen und daraus meine Behauptung zu beweisen; dies würde aber zu weit führen. . . ." Der letzte Satz ist gewiß übertrieben, und übergeht das Gute und Nützliche mit Stillschweigen, das Laskers Einfluß bewirkt hat. Aber ganz Unrecht hat Str. doch nicht. Die Selbstüberschätzung, welche Laster antreibt, über Alles ein maßgebendes Urtheil haben zu wollen, die Hartnäckigkeit, mit welcher er einmal gefaßte Ansichten festhält, ohne auf irgend welche noch so begründete Einwendungen zu hören und der Mangel an Kenntniß und Berständniß der realen Verhältnisse, der Maßstab theoretischer Ideen, deren Richtigkeit noch zu erweisen wäre, haben sich bei Gelegenheit aller bis jetzt die Juden berührenden Angelegenheiten im preuß. Landtage seitens Lasters hinlänglich fühlbar gemacht. Hat er sich doch, obschon seit feiner Jugend den jüdischen Verhältnissen völlig fern stehend, selbst als Mandatar fämmtlicher preußischer Juden gerirt und Erklärungen wie in deren Namen abgegeben. Wir wollen diesen Gegenstand nicht weiter verfolgen. Änreß wer eine hohe Stellung einnimmt und die Führerschaft einer großen Partei, in deren Händen nicht selten wichtige Entscheidungen liegen, übernommen hat, ist selbstverständlich auch der Kritik unterworfen, und dieselbe wohl zu beachten, würde ihm selbst sehr nützlich sein. Nichts ist richtiger, als daß man von seinen Feinden viel mehr lernt, als von seinen Freunden, wenn man zu lernen befähigt und gewillt ist. — . Es ist hier ausgefallen, daß der Magistrat auf den Auskunftszetteln zur Feststellung der Wahlberechtigten die Rubrik Religion diesmal wieder hinzugefügt, da sie auf das Wahlrecht in keiner Weife einen Einfluß hat, und die Ermittelung der Confessio» in den Acten der Volkszählung vollständig enthalten ist. Berlin, im Sept. iPrivatmitth.) Unsere Leser erinnern sich, daß sich hier vor einigen Jahren ein „Comitö zur Errichtung jüdischer Waisenhäuser in Palästina" gebildet hatte, das bis jetzt zwar noch nicht die Mittel gefunden, um die Errichtung von Waisenhäusern im h. Lande beginnen zu können, doch aber so viel, um nicht ganz unthätig sein zu müssen. Es hat einstweilen vier Waisenknaben aus Jerusalem in der Ackerbauschule bei Jaffa untergebracht, wo sie Unterhalt, Erziehung und Schulunterricht genießen. Die Knaben sind von resp. 10, I I und 12 Jahren. Das Comitü lheilt nun seinen Interessenten einen Bericht des Direclors der Ackerbauschule, Herrn I. Schamasch, über die vier Knaben vom 23. Juni d. I. mit, welchem wir Folgendes entnehmen: „Diese vier Kinder sind fämmrlich aus Jerusalem und gehören dem portugiesischen Ritus an; ich hätte gern gesehen, daß 1—2 Zöglinge von den Aschkenasim dabei gewesen wären, aber leider sind uns keine zugewiesen worden." „Diese zur Zeit in unserer Anstalt aufgenommenen Knaben waren in der größten Verkommenheit und ihr Wissen bestand lediglich in unvollkommenem Lesen des Hebräischen. Nachdem sie Alle in jungen Jahren ihre Eltern verloren haben, darf man sich nicht wundern, daß sie keine Erziehung genossen, und wie dies in einer Stadt wie Jerusalem bei derartigen Kindern vorkommt, dem Verfalle preisgegeben waren. Zum Glück für unsre jungen Schützlinge hat ihre außerordentliche Jugend sie vor Ausschreitungen bewahrt, und Dank der ecelmüthigen Wohlthat unserer Glaubensbrüder in Berlin, sind wir auf den Punkt angelangt, sie zu guten Menschen zu erziehen. Sie sind in unserer Anstalt gleich allen unfern andern Schülern ausgenommen, allein zur Arbeit sind sie noch zu jung, daher werden sie den ganzen Tag in der Schule gehalten." „Unser Lehrer freut sich, in Berücksichtigung der kurzen Zeit, in welcher sie bei uns sind, bemerkbare Fortschritte zu finden und ist bemüht, sie von ihrem Ungestüm und ihrer zu großen Lebhaftigkeit zu befreien. Sie haben lesen gelernt und verstehen schon ziemlich gut, Briefe nach einem Buche zusammenzustellen. <Jn welcher Sprache? Redacr.) Sie machen außerdem Sprechübungen. In Betreff des Hebräischen, so übersetzen sie täglich aus der Bibel. Was sie besonders aneifert, ist das Wohlbefinden, dessen sie sich erfreuen, die Sorgfalt, welche sie umgiebt und von welcher sie in ihrer früheren Umgebung keine Ahnung hatten." —. Am 1. September verstarb hier der durch mehrere gelehrte Schriften rühmlichst bekannte Herr 11r. F. Le brecht, Lehrer an der Talmud-Thora. (Er war in früherer Zeit viele Jahre Correspondent dieses Blattes, und werden wir einen Nekrolog bringen. Redaction.) Pasewalk, 14. Sept. (Privatmittheil. > Herr Rabbiner 1>r. Zuckermandel ist von der hiesigen Gemeinde zum Rabbiner und Prediger berufen worden. Bonn, 14. Sept. (Privatmitth.) Wir theilten in Nr. 37 einen durch die deutschen Zeimngen gehenden Arrikel mit, nach welchem eine Gesellschaft jüdischer Financiers, deren Hauplsitz in London, der Pforte Palästina abkausen wolle, um einen jüdischen Staat unter Garantie der Großmächte daselbst zu gründen. Wir bemerkten dort, daß es sich, soweit überhaupr etwas Wahres daran wäre, nur um den Erwerb einiger Grundstücke zu jüdischen