Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1876)
- Date
- 1876-09-26
- Page
- Seite 627 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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627 Menschen zu beherrschen, und ihr Thun und Lassen ihnen despotisch zu gebieten; gerade dann wird sie die ihr feindliche Entwickelung in ihre Risse und Klüfte um so eher eindringen lassen. Jndeß man geht davon aus, daß bei den islamitischen Völkern Religion und Staat identisch sind, und deshalb der letztere durch die erstere der Umwandelung unfähig sei. Der verfallene Islam bedeutet den verfallenen Staat, der verknöcherte Islam das verknöcherte Volk. Inwiefern dies nun richtig sei, wollen wir gegen Ende dieses Artikels in Betracht ziehen. Zuvörderst wollen wir uns mit der ausgezeichneten Rede beschäftigen, welche der Rector der Berliner Universität Dr. August Dillmann am .3. August d. I. „über den Verfall des Islam" gehalten, und die uns gedruckt vorliegt. Sie enthalt Vieles, was uns auch von speciell jüdischem Standpunkt interessirt. Der Redner entwirft von dem allgemeinen geschichtlichen Verlauf des Islam ein sehr zutreffendes Bild in gedrängten Zügen. Er sagt: „Das Christenthum hatte seinen ersten Lauf in der Welt vollendet, die weiten Gebiete des .römischen Reichs und manche der angrenzenden Länder sich angeeignet, die alten und neuen Völker desselben äußerlich für sich gewonnen, dogmatisch und kirchlich sich eingerichtet, und trotz aller Unvollkommenheit seiner Durchbildung durch Herz und Leben seiner Bekenner, trotz vieler Irr- und Abwege, in die es hineingerathen war, trotz sichtbarer Erschlaffung seiner geistigen Kraft wollte es doch scheinen, als sei an einer baldigen Ueberwindung der Welt nicht mehr zu zweifeln. Da kam der Mann aus Mekka, der Eiferer für die durch Christusvergötterung und Heiligenverehrung, durch Bilder¬ und Götterdienst verletzte Majestät Gottes, der Prophet des einen geistigen Gottes, des Vergeltunzsgerichts und der Paradiesesseligkeit, der Verkündiger der einen großen Psticht, dem einen Gott in unbedingter Glaubenshingabe sich selbst und die Welt zu unterwerfen. Unter der Fahne dieses erschreckend einfachen Glaubens unterwarfen wirllich seine begeisterten, todesmuthigen Araber mit ihrer ungebrochenen Naturkraft die Wilden und Unwissenden ebenso wie die Feingebildeten und Ueberbildeten in raschem Siegeslauf; der Sieg der Waffen bestätigte die Göttlichkeit der Sendung des Propheten; haufenweise sielen sogenannte Christen dem Uebermächtigen zu. Zwei Welttheile wurden dem Christenthum fast gänzlich entrissen und so gut als verschlossen, und selbst im dritten faßte der neue Glaube aus lange Zeit festen Fuß. Ein Reich von diesem Umfang, von Spanien bis Indien, zugleich ein Reich so einfach großer Art, in welchem vor der Gleichheit der Würde aller Gläubigen jeder Unterschied der Nationen und Stände verschwand und nur der eine Wille des Stifters und seines Nachfolgers über alle herrschte, hatte die Welt noch nie gesehen. Ein bloßes Blendwerk des Lügengeistes war das nicht. Und als nun gar nach eingekehrter Ruhe und innerer Sammlung, mit Hülfe und im Wetteifer der unterworfenen Culturvölker, in diesem neuen Reiche der Sinn für die Künste des Friedens erwachte, Dichtung und Musik sich verfeinerten, Baukunst, Handel und Gewerbe aufblühten, große Denker und Systematiker den Glaubenszusammenhang allseitig begründeten, das neue Recht für die neuen Verhältnisse in's Einzelnste ausbauten, Sprachgelehrte die Sprach- und Denkgesetze mit bewundernswerthem Scharfsinn zergliederten und regelten, und späterhin auch den Wortschatz der neuen Weltsprache sammelten, kühne, emsige Forscher die Länder und Völker bereisten, ihre Sitten und Geschichte erkundeten, der Raturbeobachmng mit Lust sich Hingaben, in der Mathematik und Astronomie, in Chemie und Medicin das von den classischen Völkern Ueberkommene mir Erfolg fortbildeten, als an den Höfen vieler hcchsinniger Herrscher, der Abbasiden, Samaniden und Ghaznaviden im Osten, der Omajjaden im Westen, Gelehrte, Dichter, Denker und Künstler sich sammelten, in den vielen Bildungscentren von Ghazna bis Cordova Hochschulen, Bibliotheken, Sternwarten und andere gemeinnützige Anstalten in Fülle emporschossen und im Laufe einiger Jahrhunderte aus dem Schoße des Islam eine neue Literatur hervorgetrieben wurde, umfangreicher als die classische gewesen war, alle Zweige des Wissens umfassend, zum Theil bleibenden Gehaltes und reiche Erkennlnißschätze bergend, an denen wir noch lange zu heben haben, da schien es wohl, daß auch in geistiger Beziehung der Islam seine Ueberlegenheit über den älteren Nebenbuhler, das Christenthum, bezeugt habe. Lag ja doch gerade in den Wissenschaften über dem Westen damals noch finstere Nacht, und mußten noch Jahrhunderte lang wißbegierige Juden und Christen, selbst noch ein Gerbert und Friedrich II., bei den Muslim in die Schule gehen, und verdankt ja noch im zwölften und dreizehnten Jahrhundert die christliche Scholastik ihren höchsten Aufschwung den Einflüssen der arabischen Philosophie. Freilich war nun bald nach dem Anbruch des wissenschaftlichen Zeitalters des Islam und mit der Ausbreitung der Bildung die Reichsmacht gesunken, das Herrschergeschlecht entartet; zahllose Seelen verwirrten die Einigkeit: blutige Streitigkeiten um den rechten Glauben und noch mehr um die Legitimität der Herrschaft verzehrten die Kraft; ein Glied des weiten Reiches nach dem andern machte sich unabhängig, jedes noch groß genug, um selbstständig aus eigenen Mitteln zu leben; allerwärts schossen neue, nicht arabische Dynastien und neue Thellreiche auf; junge eben erst bekehrte Völker, vor allem die selcschukkischen Türken im Centrum des Reiches, rissen die Macht an sich und die Khalifen, diese Schatten Gottes, waren nur noch der Schatten des Schattens. Aber selbst in diesem seinem Verfall war das Khalifcnreich, oder vielmehr waren einige wenige Fürsten und Kleinstaaten desselben noch kräftig genug, um den Kampf mit den vereinten Kreuzheeren der Christen zu bestehen. Nach den ersten Niederlagen erwachte der alte Muth und Geist wieder, und nicht Auslösung, sondern neue Sammlung unv Kräftigung war für den Islam das Ergebniß der Kreuzzüze; nur in dem Verlust seines äußersten Vorpostens im Westen erlitt er damals schon eine bleibende Einbuße, Nicht die Christen haben ihn mit Waffengewalt bezwungen, sondern Heiden; machtlos sanken vor Dschen-