Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1876)
- Date
- 1876-09-19
- Page
- Seite 617 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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617 Feuilleton. Ludwig Ächim von Arnim und Moritz Ztzig. Barnhagen von Ense erzählt im zweiten Theil seiner verm. Schriften (Leipzig, 1875) S. 112 ff.: Ich glaube, es war balv nach seiner Berheirathung mit Bettinen, im Jahre 1811, daß Achim von Arnim die gräuelhafte Geschichte mit Moritz Jtzig hatte. Bettina, als Frankfurierin im Judenhafse aufgewachsen 1), wollte in Berlin mit keinem Juden umgehen, machte aber doch eine Ausnahme für Mad. Sara Levy (hinter dem Packhof wohnend), wo eine gewisse ehrbarstolze Philisterei in auszebreiteten und zum Theil auch vornehmen Geseüschaftsverbindungen sich geltend machte. Arnim hatte sich den Judenhaß gern angeeignet und sprach ihn nach seiner Weise mit wunderlichen Spaßen und in oft plumpem Muthwillen aus. Eines Tages war Bettina bei Mad. Levy zu einer großen Musik und Gesellschaft eingeladen, Achim aber nicht, wie er denn auch nie seine Frau dorthin begleitet hatte. Plötzlich fällt ihm diesmal ein, er wolle auch hingehen, und weil ihm nicht nöthig dünkt, mit dem Judenhaus solche Umstände zu machen, so führt er die Sache aus, gleich wie er geht und steht. Eine funkelneue Mode, weite Pumphosen zu tragen, war eben aufgekommen, aber noch so ungewohnt und auffallend, daß sie noch als Ungezogenheit galt, und in keinem Fall anders als Vormittags auf der Straße erlaubt war. Achim aber hatte die bequeme Tracht auch für den Abend beibehalten, und erscheint so in der zahlreichen, geputzten Gesellschaft bei Mad. Levy. Die Wirthin, die ihn gar nicht erwartete, betroffen und verlegen, nimmt sich bestens zusammen, Arnim aber thut ganz bequem, läßt kein Wort der Entschuldigung oder auch nur der Artigkeit hören, im Gegentheil, er macht mißfällige Späße, verletzt durch seine Laune die Anwesenden, und verursacht eine peinliche Störung für den ganzen Abend. Ich glaube gern, daß er hierbei im Allgemeinen ohne Arg handelte und nur eine geniale Dichterfreiheil auszuüben meinte; allein der Anmaßung, genial zu sein, gesellte er die Schuld, ohne Maß und Grazie zu sein, und hatte nun mit Recht zu verantworten, was er zu viel forderte, und was er zu wenig leistete! Als er endlich sich entfernt hatte, brach von allen Seilen der Unwillen gegen ihn aus, besonders da man von Mad. Levy hörte, er sei noch nie bei ihr gewesen, und dies das erste Mal, daß er sie ungebeten und unerwartet besucht habe. Die ärgerlichen Pumphosen kamen auch in Betracht; genug, Mad. Levy schien in ihrem eigenen Hause beschimpft und verhöhnt worden zu sein. Gegen solche Ungebühr hielt ihr Neffe Moritz Jtzig es für Pflicht, sie zu vertreten. Er schrieb daher folgenden Tages an Arnim sehr ernst und gemeffen, um denselben wegen des unziemlichen Be- 1) lind doch schrieb Bettina in den vierziger Jahren ein Buch, in welchem sie die Emancipation der Juden verlangte und vertheidigte. Redaction. tragens gegen seine Tante zur Rechenschaft zu ziehen. Achim von Arnim, anstatt durch eine Entschuldigung Alles beizulegen, wies das Ansinnen mit höhnischer Verspottung ab. Nun erfolgte eine Ausforderung zum Zweikampf. Das dünkte Jenem roch zu arg, daß ein Juden junge erst ihn lehren wolle, was sich schicke, und ihn dann noch gar herausfordere! Er eilte mit kein empfangenen Blatte auf das Casino, rief dort alle Gemeinheit des Vorurtheils und allen Dünkel des bevorrechteten Standes zu Hülse, ließ sich von namhaften Edelleuten und Officieren eine Art Gutachten und Zeugniß ausstellen, daß er sich mit einem Juden gar nicht schlagen könne, und sandte dies mit einem eigenen ausführlichen Schreiben an Moritz Jtzig. Dieser, in gerechter Empörung, gab ihm zur Antwort, wer den Degen so unedel und feig versage, den werde der Stock zu treffen wissen. Arnim achtele hierauf nicht weiter, ging mit stolzem Lächeln umher, und hielt die Sache damit für abgethan. Eines Nachmittags aber, da er baden wollte, und das Badeschiff bei der Kurfürstenbrücke eben betreten hatte, sieht er bei seinem Erscheinen einen jungen Mann aufspringen, und unmittelbar darauf, noch ehe er sich besinnen und faffcn kann, fühlt er gewaltige Stockstreiche auf sich eindringen, begleitet von zornigen Ausrufungen: „Niederträchtiger Schuft! Ehrlose Memme!" Der riesengroße, starke Arnim schrie um Hülfe, und erst nachdem die Herbeigeeilten sich des Angreifers bemächtigt halten, entwand er sich der Züchtigung. Moritz Jtzig aber nannte seinen Namen, und erklärte mit wenig Worten, welcher Art der Handel sei, den er mit dem angeblichen Edelmann habe, der sich nicht mit ihm schlagen, aber ihn beleidigen wolle. Arnim wählte auch jetzt wieder den Weg, der ihm den meisten Vörtheil zu sichern schien. Er übergab die Sache dem Kammergericht. Die dort verhandelten Acten bekam Ludwig Robert später durch den damaligen Kammergerichtsrath Hitzig (gleichfalls Neffen der Mad. Levy) zur Einsicht, und schrieb darüber an seine Schwester Rahel, welche zu Frankfurt am Main war: — „Jetzt habe ich (es ist aber ein Geheimniß, denn es darf nicht sein) die Acten jener allerniederträchtigsten Arnim'schen Geschichte. — Denke Dir den Teufel als Schinderknecht, so hast Du ein schwaches Abbild von der Figur, die Arnim in diesem Proceffe macht. Er bittet, nachdem er die Prügel bekommen hat, er bittet das Kammergericht, ihn vor dem wahnsinnigen Judenjungen zu schützen, der von Jugend auf krank und hypochondrisch gewesen sei. Wie niederträchtig feige! Wie schlecht gelogen! Das Kammergericht sagt ihm aber auch in seiner Beurtheilung, daß von Wahnsinn nichts zu bemerken, daß er im Gegentheil sehr vernünftig sei. Den Brief an Jtzig (worin er ihm die sauberen Gutachten der Herren Gasoc, Arnim, Quast, Barnekow, Rothenburg, Bardeleben, Möllendorf, Röder I., Hedemann überschickt) ist in einem süßlichen Predigertone, biltern Hohnes voll, neumodisch-ernst geschrieben. Er giebt ihm Lehren; er entschuldigt 38*