Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1876)
- Date
- 1876-09-19
- Page
- Seite 618 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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618 ihn; eS Ihut ihm leid, daß er ihm die Beschimpfung nicht ersparen kann, es fehlt ihm an Frömmigkeit, sich dem nothwendigen Weltgesetze zu unterwerfen, aber er ist noch jung, er kann sich besiern, und darum will er ihm lieber diese Lehren geben, als das was diese Herren ihm dictirt haben, nämlich Maulschellen, Peitschenhiebe und Stockschläge. — Der niedrige Möllendorf (der vor mir als einem Burschen von neunzehn Jahren gezittert hat) zeichnet sich durch die Länge seines Votums und durch den schlechten Spaß an so Unrechtem Orte, am meisten aus. Hedemann ist darum der verachtungswürdigste in meinen Augen, weil er der jüngste ist, und Fichte'n damals hörte." — Robert fährt in seinem Unwillen fort: „Aber ich excerpire jetzt die Acten und will diese Geschichte in der Wahrheit mit allen ihren Documenten aufschreiben, denn sie soll gedruckt werden mit allen Namen und Titeln. Das ist meines Amtes, und da laste ich den Fürwitz nicht'.!" Das Kammergericht mußte natürlich den thätlichen Angriff bestrafen, that dies aber so gelind als möglich. Arnim trug die empfangenen Prügel, und diese Wendung, auf welche die hoffährtigen Adelsgesellen doch nicht gerechnet hatten, beugte ihren Uebermuth gar sehr. Sie horten von allen Seiten die stärkste Mißbilligung, und ihnen selbst, denen die Standesehre noch eben so hoch gegolten hatte, erschien sie nun durch Arnim, der seinen Gegner, mit dem er sich nicht schlagen sollte, jetzt doch wenigstens todtstechen mußte, auf's tiefste befleckt. Sie schämten sich seiner, der nun auch ihnen für einen Feigling galt, und mieden ihn; er selbst aber zog sich mit seiner Schande auf sein Landgut zurück. Moritz Jtzig aber, seines Berhaftes bald entlasten, zeigte sich überall in Berlin ganz unbefangen und keck. Ihm sollte bald eine große Genugthuung werden. Barnekow besuchte in dieser Zeit häufig Rahel, für deren Geist und Urtheil er die höchste Achtung hegte. Die Arnim'sche Geschichte konnte nicht unbesprochen bleiben. Rahel's redliche und tapfere Seele kannte keine Rücksicht, wo es die Wahrheit und das Recht galt. Sie unternahm es, auf die Gefahr, selber bittere Verhöhnung und Abfertigung zu erleiden, dem trotzigen Ritter und Osficier zu beweisen, daß die Sache vermeinter Ehre hier sehr unehrenvoll geführt worden sei, daß jeder, der sich in die Reihe stelle, und seinen Platz mit seinem Leben behaupten wolle, als ein Mann von Ehre anzuerkennen und zu behandeln fei, wer sich zum Zweikampf erbiete, der sei besten auch würdig, und habe man dennoch die Jrrmeinung, man dürfe sich mit ihm nicht schlagen, so müffe man schon deshalb ihn nur um so zarter behandeln, sich hüten, ihn zu verletzen; das sei ritterlich und edel, hingegen gemein und pöbelhaft, einen solchen, den man unter sich glaube, höhnisch zu schimpfen. Barnekow fühlte sogleich die Wahrheit von Rahel's Vorstellungen. „Aber was soll ich denn nun machen?" rief er mißvergnügt aus. „Was Sie nun machen sollen?" versetzte Rahel. „das will ich Ihnen sagen! Setzen Sie sich hin und schreiben Sie an Moritz Jtzig, Sie hätten eingesehen, daß Ihr dem Herrn von Arnim gegebenes Gutachten auf irrigen Gründen ruhe, und weit entfernt, noch zu behaupten, ein Edelmann brauche sich mit einem Juden nicht zu schlagen, böten Sie ihm für diese Aeußerung, sofern sie ihn beleidige, jetzt gleich mit den Waffen, die er wählen würbe, Satisfaction an." Barnekow hörte mit blitzenden Augen diesen Vorschlag an, der seiner innersten Gemüthsstimmung entsprach, und mit freudiger Seele schrieb er den Brief. Moritz Jtzig, durch dieses Erbieten überrascht und gerührt, erklärte dankend, schon in dieser Aeußerung die schönste Genugthuung empfangen zu haben. Nach Barnekow's Vorgang widerriefen noch mehrere jener Unterzeichner auf dieselbe Weise; doch glaube ich, nicht Alle. Aber auch die Hartnäckigsten, welche sich ihr Unrecht zu bekennen scheuten, wollten wenigstens nicht mehr Arnim's Helfer sein, und sagten sich von ihm los. Für Moritz Jtzig war noch eine größere Genugthuung verhängt, welche der Geschichte erst den wahren Schluß giebt. Das Jahr 1812 kam heran, und rief alle Preußen zu den Waffen. Moritz Jtzig eilte, in die Reihen der Krieger zu treten, zeichnete sich durch Tapferkeit aus und fand den Tod in der Schlacht von Groß-Görschen. Im Gegensätze des Juden, der in den Krieg zog, blieb Arnim, der Edelmann, auf seinem Gute sitzen, ließ die drei Kriegsjahre verstreichen und trug allen Schimpf der Zuhausgebliebenen. Ich weiß, es war mehr ein unglückliches Zusammentreffen widriger Umstände, das ihn abhielt, in den Krieg zu gehen, mehr Mangel an raschem Durchbrechen der Hinverniffe, als wirkliche Feigheit und bedachte Absicht. Aber die Welt hielt ihm davon nicht Rechnung, und er empfand nun hart und bitter die wenigstens zum Theil unverdiente Schmach, die er bei den Juden auch als unverdiente doch hatte richtig finden wollen, die Schmach, einem äußern Schein und Vorurtheil grausam aufgeopfert zu werden! Er hat unsäglich davon gelitten; man sah ihn mit verachtendem Mitleid an, niemand wollte nähern Umgang mit ihm. Gneisenau wendete sich mit Widerwillen von ihm ab, und wurde nur erst allmälig durch die Frauen von Savigny und von Bardeleben, sowie durch Bettinen, au deren Laune er Gefallen fand, zu milderer Gesinnung gestimmt. Slägemann machte das beißende Epigramm: „Jtzig und Arnim seien beide geblieben, jener bei Lützen, dieser hinter dem Ofen". — Das nenne ich Geschichte, wie auch der Einzelne sie als ein Wellgeschick erfahren muß! Vermischtes. Auf den vor Kurzem gehaltenen anthropologischen Congreffe zu Jena theilte Birchow auch einige Resultate über die Haar- und Augenfarbe der Schulkinder Deutschlands mit. Bon den 0,619,729 Individuen hatten 32,2 pCt. den reinen blonden