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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-09-19 · Heft 38 (19.9.1876) · p. Seite 615

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 38 (19.9.1876)
Date
1876-09-19
Page
Seite 615 (sequence 9)
Language
German
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615 von Wichtigkeit wäre, als weil es von den Tendenzen unseres jetzigen Unterrichtsministeriums in recht auffälliger Weise ein lautes Zeugniß giebt. Der von der Akademie zu Münster in mysteriöser Weise davongegangene Profeffor Dr. Rohling, der Verfasser des berüchtigten „Talmud juden", in welchem bis auf wenige alle darin citirten Talmudstellen gefälscht sind, und der dein Wunderschwindel mit der Louise Lateau in einer Schrift als wahr und unzweifelhaft bezeugt hat — er ist an der Prager Universität zum Profeffor der Theologie berufen worden. Dies Factum besagt so viel, daß wir kein Wort hinzuzufügen brauchen. Der „Tagesbote aus Böhmen" spricht sich darüber folgendermaßen aus, was wir hier wiedergeben, um den Mann unseren Lesern genauer zu charakterisiren: „Dr. Rohling hat, nachdem er für Louise Lateau und gegen den Talmudjuden gestritten, vor einigen Jahren seine Profeffur in Münster aufgegeben, eine zeitlang in Amerika in Seminarien docirt, jetzt aber als k. k. Profeffor des Alten Bundes in Prag Ruhe gefunden. Daß er eine dickleibige Moral oder Casuistik, einen breitgetretenen Gury, hat drucken laffen, ist in weiteren Kreisen bekannt. Weniger bekannt ist das Buch: „Der Antichrist und das Ende der Welt", das „mit Genehmigung der geistlichen Obrigkeit" zu St. Louis Anno 1875 gedruckt ist. Bon anderen „gelehrten" Partien der Schrift, der Widerlegung Döllinger's, Bisping's u. dgl. ganz abgesehen, enthält das Schriftchen die wichtige, aus den Schriften des Alten und Neuen Testaments, den heiligen Vätern und den großen Theologen gründlich erwiesene Mittheilung, daß im nächsten Jahrhunderte, und zwar in der ersten Hälfte deffelben, und noch bestimmter, im ersten Decennium, also zwischen 1800 und 1910, der Antichrist kommen, daß er zuerst als ein kleiner Fürst auftreten, dann türkischer Sultan in Konstantinopel werden, darauf das ganze Abendland erobern (bei dieser Gelegenheit auch den Kölner Dom in einen Pferdestall verwandeln), und endlich die ganze Erde sich unterthan machen wird. Nach den alten Weiffaguvgen wurde die Ankunft des Antichrist durch das Bestehen des römischen Reiches noch aufgehalten; da dieses im Jahre 1815 „dem Namen wie der Sache nach aus der Mitte geschafft, 1866 auch des Reiches Schalten, der im deutschen Bunde sein armes Dasein fristete, verschwunden" ist, steht dem Kommen des Antichrists nichts weiter mehr im Wege. Ehe er kommt, wirb aber erst noch „ein allgemeiner, wie es scheint, besonders in Europa hausender Krieg" stattfinden; dann wird eine „mehrtägige materielle Finsterniß" kommen, in der Dämonen auftreten und viele Feinde der Kirche erwürgen werden; einige Heilige sollen „das Gebet zu den heiligen Engeln und zur Königin der Engel, sowie den Gebrauch geweihter Kerzen als wirksames Mittel in dieser Schreckensnacht empfohlen haben"; dann kommt noch eine Zeit, in welcher apostolische Männer austreten, 144,000 Juden sich bekehren; dann erst kommt der Antichrist." Der „Tagesbote aus Böhmen", der noch mehrere ganz ähnliche Proben von der Lehrbefähigung des vr. Rohling's zu erzählen weiß, bemerkt hierzu: „Und der Mann, der dies geschrieben, ist Professor an der k. k. Karl-Ferdinands-Universität in Prag, und der Mann hat durch seine Berufung an eine österreichische Hochschule officiell das Zeugniß erhalten, daß er ein Mann der — Wissenschaft sei." Und solch ein Skribler bezüchtigt den Talmud des Aberglaubens'. —. Zu Oedenburg fand am 8. d. die feierliche Einweihung der neuen Synagoge unter großer Betheiligung statt. l)r. Jellinek aus Wien hielt die Festpredigt. Belgien. Brüssel, 6. Sept. (Privatmitth.) Mit dem fortschreitenden Bau unsrer neuen großen Synagoge muß man natürlich an den Gottesdienst denken, der in derselben hergerichtet werden soll. Unser bisheriger Cultus neigte sich bereits der Reform zu. Wir haben Orgel und Chorgesang, Abkürzung der Piutim und einige kleinere Verbesserungen. Sonst aber war es vollständig der alte Ritus, und die Beschaffenheit der Synagoge selbst ließ strenge Ordnung und andachtsvolle Ruhe nicht zu. Man denkt nun in den maßgebenden Kreisen der Gemeinde an eine durchgreifende Reform, und in diesem Sinne fiel auch vor Kurzem die Wahl der neuen Administration der Synagoge aus. Jndeß fehlte es auch nicht an Opposition, die zwar nicht den alten Zustand geradezu conserviren will, jedoch nur eine beschränkte Reform verlangt. Es gab daher schon bei den Borversammlungen zur Wahl unliebsame Auftritte, und jetzt erscheint eine Broschüre, welche die Reformfraze für den neuen Tempel behandelt. Sie ist verfaßt von Herrn L. Kahn, dem Director eines im besten Rufe stehenden Handelsinstituts, das schon viele tüchtige Schüler ausgestellt hat. Herr Kahn war früher zehn Jahre lang Lehrer an der Gemeindeschule, und seine Lehrgeschicklichkeit und Pflichttreue werden noch heute rühmend anerkannt. Im ersten Theile der Broschüre bespricht er die unangenehme Versammlung vom 20. Mai; doch gehört dies nicht an diese Stelle. Im zweiten Theile bekämpft er jede gottesdienstliche Reform, die nach seinen Ansichten die erlaubte Grenze überschritte. Alles, was er sagt, zeugt von dem redlichen Eifer, der ihn für die Erhaltung des Judenthums beseelt, und ist lebhaft, warm und nicht ohne Sachkenntniß geschrieben. Der Verf. läßt sich über Manches aus, was die gegenwattigen religiösen Zustände im Allgemeinen betrifft, und zwar in lesens- und beherzigenswetther Weise. Dagegen hat er seiner Schrift das Bündige und Systematische nicht zu geben verstanden, was dem Leser zu einer klaren Fassung der vorgelragenen Ansichten verhilft. Er will jede Reform zugestehen, welche die Principien und Traditionen des Judenthums nicht verletzt. Da frägt man alsbald, welche sind aber die Principien und Traditionen, die nicht verletzt werden sollen? Solche Worte sind sehr dehnbar, und man wird z. B. zu den Traditionen jeden überlieferten Minhag zählen können, der doch jedenfalls auch tradirt ist. Damit hört aber jede Reform auf, und wir muffen vor dem Hamansklopfen und Schaanisschlagen 38

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