Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-09-19 · Heft 38 (19.9.1876) · p. Seite 614

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 38 (19.9.1876)
Date
1876-09-19
Page
Seite 614 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227069-3227108--34768-3304673
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

614 feierlich zu begehen beschloß. Ein erhebender Gottesdienst fand Vormittags 10 */-2 Uhr statt. Nach einer Introduktion der Orgel mit Instrumentalbegleitung wurde Mah tobu recitirt, Psalm 84 in Responsen vom Vorbeter und der Gemeinde abgesungen und nach einem Männerquartett hielt Herr Rabbiner Dr. Rahmer die Festpredigt in ergreifender Weise. Dann wurden unter der gewöhnlichen Liturgie die Thorarollen ausgehoben und ein Umzug mit ihnen vollzogen. Hiernach fand eine Seelengedächnißfeier für die während des verflossenen Zeitraumes dahingeschiedenen Vorsteher und Mitglieder der Gemeinde statt und das Gebet für König und Vaterland und das große Hallelujah von Handel bildeten den Schluß. Die Gemeinde hat in dem verflossenen Bierteljahrhundert nach Außen und Innen des Wachsthums sich erfreut und ihre Institute befinden sich in einem befriedigenden Zustande. Für jeden gemeinnützigen Zweck bewahrt sich stets die Opferwilligkeit, die gerade in unserer Zeit bei den steigenven Anforderungen von den Mitgliedern jeder Gemeinde beansprucht wird. Möge das Gotteshaus noch viele solcher Erinnerungsfeste sehen und von der Gemeinde in ausgiebigster Weise für dessen religiös-sittliche Zwecke benutzt werden.') Gelnhausen (Oberheffen), im September. Man schreibt von hier: „Unser diesjähriges Sedan fest hat leider zu recht unangenehmen Mißhelligkeiten Veranlassung gegeben. Es war hier der Gebrauch bei dem Feste, daß nach der Schulfeier früh Morgens sich die Bevölkerung auf dem Obermarkt versammelte, um mit den Behörden an der Spitze und sämmtlichen Vereinen mit ihren fliegenden Fahnen, unter dem Geläute der Glocken in feierlichem Zuge zum Festgottesdienst nach der Kirche zu ziehen. Drei hiesige Gesangvereine pflegten zusammenzutreten, um den Gottesdienst durch Festgesänge zur großen Befriedigung von Jedermann um so feierlicher zu machen, und erst nach diesem Gottesdienst ging der Feftzug zu den weiteren Feierlichkeiten nach dem Kriegerdenkmal! — Nun haben wir in unserer Stadt nur wenige Personen, welche die Befähigung haben, solche Gesangsproductionen zu dirigiren. Es sind dies der katholische und der jüdische Lehrer und zwei von den zwölf protestantischen Lehrern. Letztere hatten sich nun im vorigen Jahre ablehnend zur Uebernahme verhalten, dem katholischen Lehrer wurde diese von seinem Pastor nicht gestattet, und so war man sehr froh, als sich der jüdische Lehrer, Herr Gulkind, eine hier allgemein geachtete und beliebte Persönlichkeit, dazu finden ließ, den Vereinen aus der Verlegenheit zu helfen. Unter seiner Leitung ging auch Alles vortresslich, daß die Befriedigung allgemein wurde, und man gern hörte, daß in diesem Jahre die Uebungen schon seit 1) Es war für mich sehr schmerzlich, daß ich den wiederholten freundlichsten Einladungen des verchrlichen Vorstandes, an der Feier thätigen Antheil zu nehmen»Folge zu leisten verhindert war, um so schmerzlicher, da ich diese Synagoge vor 25 Jahren cinzuweihen die Freude gehabt und noch ein Decennium hindurch darin den Gottesdienst geleitet habe. Meine lebhaftesten Wünsche gehören dieser Gemeinde an, in welcher ich so viele Freunde, Schüler und Schülerinnen zähle'. vr. Ludwig Philippson. Monaten stattfänden, um noch Besseres zu leisten. Da verbreitete sich mit einem Mal das Gerücht, daß die Geistlichkeit Schwierigkeiten mache, und es entstand eine große Aufregung in der Stadt. Es stellte sich heraus, daß Herr Metropolitan Manz (evangelisch), während der Herr Bürgermeister krank war, dem Bürgermeisteramt auf seine Anfrage, welcher von den beiden Herren Geistlichen die Festpcedigt halten würde, habe mittheilen lassen: Er dulde den Gesang der Vereine nicht in der Kirche, denn er wolle keinen Juden unter dem Kreuz sehen, dies störe die Andacht! Die Entrüstung in der Bevölkerung war um so größer, als, mit Ausnahme eines kleinen Häufleins von Fanatikern, die übergroße Mehrzahl unserer Einwohner aus aufgeklärten Leuten besteht, und vielleicht nirgends so wie hier, die verschiedenen Confessionen im größten Frieden miteinander leben. — Auf die Erklärung sämmtlicher Vereine, daß sie sich unter diesen Umständen dem Gottesdienst, wie dem Festzug nach der Kirche entziehen müßten, trat das Festcomitü zusammen und faßte einstimmig den Beschluß, Herrn Bürgermeister Schoener zu ersuchen, persönlich dem Herrn Metropolitan vorzustellen, daß es sich hier um keinen confessionellen Gottesdienst, sondern um ein ganz allgemeines nationales Dankfeft handle für alle Deutschen, einerlei welcher Confession sie angehören! So auch werde das Fest von oben herab aufgefaßt und gewünscht! Die Mitglieder des Kriegervereins sagten mit Recht, vor den französischen Kanonen habe man auch nicht gefragt, wer Christ oder Jude sei, und sie müßten dagen protestiren, daß ihre jüdischen Kameraden bei dem Erinnerungsfest in ihren Gefühlen verletzt würden! Auch wurde angeführt, die protestantische Geistlichkeit werde sich in der Toleranz nicht von den Juden beschämen lassen wollen! Hier handle es sich bloß darum, daß ein unbescholtener Mann jüdischen Glaubens den Tact still zu den Gesängen schlage. Der Herr Bürgermeister unterzog sich den Vorstellungen bereitwillig, allein ganz ohne Erfolg. So blieb dem Festcomitö nichts übrig, als das bereits publicirte Programm abzuändern. Der Festzug geht nicht nach der Kirche, wird erst nach dem Gottesdienst aufgestellt und die Festgesänge sollen am Kriegerdenkmal gehalten werden. Das Protokoll der Comitösitzung, worin Alles enthalten ist, liegt zu Jedermanns Einsicht auf dem Rathhaus offen, und ist die Abschrift dem königlichen Landrathsamt mitgetheilt worden. Recht schmerzlich ist es, in unserer aufgeklärten Zeit und bei Gelegenheit unseres großen deutschen Nationalfestes so Bedauerliches melden zu müssen. (Man sieht hieraus wieder einmal, daß in unserer Zeit die eigentlichen Feinde der Kirchen deren eigenen Geistliche sind, die sich den edelsten Richtungen und Erfolgen der Neuzeit hartnäckig entgegenstellen. Redact.) Oesterreich - Ungarn. Prag, 10. Sept. (Privatmitlh.) Hier hat sich ganz im Stillen auch etwas zugetragen, was anfänglich „draußen im Reiche" von sich sprechen machen wird; nicht als ob es an sich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.