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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-09-19 · Heft 38 (19.9.1876) · p. Seite 613

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 38 (19.9.1876)
Date
1876-09-19
Page
Seite 613 (sequence 7)
Language
German
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613 gangenheit gelassene einzige Beruf, der Handel, auf dieselben schädlich eingewirkt habe, weil er nach seiner Meinung, wenn auch gemeinnützlich und unentbehrlich, doch als einziger Beruf verderblich sei." Ist dies nicht ein sonderbares Sammelsurium von Ansichten, von Aufgeblasenheit und Anmaßung, zu dem wir einige Bemerkungen fügen wollen. Die Vorfahren Strousberg's, diese vorgeblich adligen, dem Sport ergebenen, sich über ihre Glaubensgenoffen erhaben dünkenden Leute müffen doch nicht so religionslos gewesen sein, wie ihr großer und glanzvoller Enkel sie schildert, da sie dauernd eine Synagoge in ihrem Haufe und einen Begräbnißplatz auf ihren Feldern hielten. Da nun aber die Familie doch unter dem abenteuernden Vater Strousberg's dem Christenthume in England zufiel, wie so viele aus dem Osten in England einwandernde arme Juden, und Strousberg ebendaselbst ihrem Beispiele folgte, so fragen wir, mit welchem Rechte er über die Juden im Allgemeinen, über ihr Wesen und ihre Zukunft, ein Unheil zu fällen sich erlaubt? Allein man ersieht auch hier die Absicht: Er will auch hier sich rechtfertigen, daß er das Judenthum verlaffen, ohne wirklich Christ geworden zu sein, nämlich in seinem persönlichen Unglauben; daß er, um „den Glanz seiner Familie wieder herzustellen", nicht das Schwert oder die Feder, nicht einen ehrenvollen Beruf ergriffen, nicht eine verdienstvolle Auszeichnung sich erworben — sondern nur speculirt und geschwindelt hat, allerdings in einem „großen" Maßstabe; daß er, obschon getaufter Jude und gewaltiger Entrepreneur, dennoch sociale Achtung und Stellung nicht erlangen konnte. An allem diesem sind nur die Juden schuld, weil sie Juden sind und bleiben, und die Christen, weil sie sich von ihren Borurtheilen nicht freimachen — Strousberg aber ist das unschuldige Opferlamm. Daß er in religiöser, sittlicher und socialer Beziehung ein leichtfertiger Mann gewesen, daß er mit größter Gewiffenslosigkeit das Eigenthum und die Leidenschaften Anderer zu schwindelhaften Unternehmen mißbrauchte und ausbeutete, und das, was er leistete, in mangelhaftester und ungetreuester Weise ausführte, daß er, als er den Abgrund schon vor sich sah, nicht Halt machte, sondern immer Mehrere hineinriß, daß er einen fürstlichen Aufwand sich gestattete, und der Ueppigkeit und dem Luxus in verderblichem Maße mit den Mitteln Anderer stöhnte — daran hat er keine persönliche Schuld, sondern nur „das moderne Judenthum", der Innen glühende Ehrgeiz der Juden und die Vorurtheile der Christen! Der Mann hat Geist — aber es gelingt ihm doch schlecht, seine eigenen und persönlichen Untugenden mit allgemeinen Zuständen decken zu wollen. Wir geben zu, daß es noch mehrere solcher getauften oder nicht getauften Juden giebt, und mit diesen allein wird wohl Herr Strousberg bekannt gewesen fein, denn gleich und gleich zieht sich an; Andere konnten Strousberg nicht brauchen und gesellten sich nicht zu ihm. Sein Urtheil über die Juden, ihre inneren und äußeren Zustände fällt also auf sich selbst zurück und malt nur seine eigene Person. Von dem, was außer seinem Kreise lag und liegt, hat er keine Kenntniß und keine Ahnung. Daß in den Geistern zahlloser Juden ein ganz anderes Bewußtsein ihrer Religion, ihres religiösen und socialen Berufes, ganz andere Vorstellungen von Judenthum, Geschichte, Intelligenz und Sittlichkeit aufgegangen und sich befestigt haben, daß weder eine Bekehrung überhaupt, noch insonders aus Unglauben einen nur merkbaren Platz gewinnt, davon weiß Herr Strousberg nichts, und konnte es ja auch nicht wiffen, da er seit dem 16. Lebensjahre den Juden nicht mehr angehörte, sich von ihnen fern hielt und von ihnen fern gehalten wurde und schließlich nur mit seinesgleichen zusammenkam. Als noch die Emancipation der Juden in Deutschland auf der Tagesordnung stand, hörte man oft: „Emancipirt die Juden nur, und sie werden sich bekehren!" Nachdem sich dies nun Decennium nach Decennium nicht bewahrheitet, sagt man: „Gewährt ihnen nur die rechte sociale Behandlung, und sie bekehren sich!" Man täuscht sich natürlich auch hierbei, denn Freiheit und Gerechtigkeit zerstören nicht, was in den Geistern lebt, sondern entfalten und bekräftigen es nur. — In das Einzelne weiter einzugehen, halten wir nicht für nothwendig. Wir Juden müffen es uns einmal gefallen lassen, von jedem Fant beurtheilt zu werden, warum nun einmal auch nicht von einem Strousberg, der bereits zu einem Gattungsnamen geworden? Vergebens wird er suchen, uns auf seine Anklagebank mit zu ziehen; wir haben keinen Antheil daran und weisen seine Gesellschaft zurück, auch wenn er steigesprochen wird. D. Hamburg, 2. September. (Privatmitlh.» Zur Feier des heutigen Tages predigte Herr llr. Sänger über die Stellen des vierten Buches Mosis, welche sich aus die Aushebung zum Kriegsdienste beziehen. Hieran schloß sich ein wohlgelungener Vergleich zwischen der politischen Lage im alten israelit. Reiche und den früheren Zuständen in Deutschland. Ebenso wie das Erstere durch die Verschiedenheit der Ziele und Zwecke zu keiner dauernden Einigkeit gelangen, und infolgedessen den Angriffen von Außen nicht Stand halten konnte, so hätte auch Deutschland eine trübe und traurige Zeit inner» Zerfalls und innerer Zersplitterung durchgemacht. Der heutige Erinnerungstag sei darum doppelt erhebend für jeden deutschen Patrioten, da derselbe den äußern und innern Reichsfeinden gegenüber ein freies und einiges Deutschland erstehen ließ. (Dies ist Alles ganz recht, allein bemerken wollen wir doch, daß bas alte Israel dennoch die Kraft hatte, anderthalb Jahrtausende im h. Lande selbst ein nationales und staatliches Leben zu führen, also einen Zeitraum hindurch, wie noch kein anderes antikes und modernes Volk. R e b a c t i o n.) Magdeburg, IO. Sept. (Privatmitth.) Heute waren es 25 Jahre, daß die hiesige Gemeinde ihre mit bedeutenden Opfern erbaute Synagoge einweihete. Es war zugleich der eigentliche Geburtstag der Gemeinde, da erst seit 1806 Juden in Magdeburg wohnen durften, die Gemeinde nur nach und nach anwuchs und bis 1852 sich einer gemietheten Synagoge bediente. Es war daher natürlich, daß der Vorstand der Gemeinde diesen Tag

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