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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-09-19 · Heft 38 (19.9.1876) · p. Seite 612

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 38 (19.9.1876)
Date
1876-09-19
Page
Seite 612 (sequence 6)
Language
German
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612 an seine Solidität und an einen guten Ausgang. Dazu lag das Uebergefährliche seiner Unternehmungen und das Monströse in der Maste derselben zu sehr vor Augen. Jedenfalls trug dieser Unglaube, dieser halbe Credit, den man ihm einräumte, zu seinem jähen Sturze bei. Und dieser Mann meint nun, daß die Welt seine Memoiren, die er vor der Entscheidung seines letzten Schicksals schreibt, den Glauben schenken wird, Len sie ihm während seines Glanzes verweigerte? In unsrer Zeit kennt die Anmaßung, der Cynismus, mit welchem Schwarz in Weiß verwandelt, sowohl die offenkundigsten Thalsachen der Geschichte, als auch, die dunkelsten Flecken im Leben der Einzelnen geleugnet und in's Gegenrheil verkehrt werden, keine Grenzen. Aber unsre Zeit kennt auch diese Manöver sehr wohl und ihr kritischer Geist läßt sich nicht täuschen. Strousberg giebt in seinem ersten Capitel schon Veranlaffung genug, an seinen Berichten zu zweifeln. Was erzählt er uns nicht Alles von seinen Vorfahren! Sein Urgroßvater war schon geadelt — er selbst besitzt die Urkunden, hat aber noch nicht Zeit gehabt, sie zu lesen! — Seine Familie hatte fürstlichen Besitz, rer durch übergroße Gastfreundschaft, Sport und andere Passionen herabgebracht wurde; ein Theil seiner Familie war schon zu seines Großvaters Zeit getauft. Dieser, sowie sein Vater, waren keine Juden wie die anderen damals; sie gehörten den höheren Ständen an; sein Vater hatte klassische Bildung, sprach sieben oder acht Sprachen, brachte sein Vermögen auf dem Altar des Vaterlandes zum Opfer, indem er mit den Franzosen den Feldzug nach Moskau machte, war Violinist und Coutrapunktist, ein brillanter Reiter u. f. w., u. s. w. Daran wird manschen genug haben; einMährchen aus Tausend und einer Nacht kann nicht glänzender colorirt sein. Es wird daher nicht auffallen, daß Strousberg von sich sagt: „Gleichzeitig flößte mir mein Vater den Glauben ein, daß ich einer höheren Gesellschastsclaffe angehöre, und daß meine Ausgabe sei. Großes zu leisten und den Glanz der Familie wieder herzustellen." Dies soll wahrscheinlich der Erklärungsgrund sein, warum Strousberg so Großes zu leisten und so gewaltigen Glanz um seine Familie zu breiten sich bemühte, und dieses Streben ihn bis dahin führte, wo er jetzt ist. Freilich, nach dem Tode seines Vaters war das fürstliche Vermögen bereits so heruntergesunken, daß er nicht mehr die Mittel besaß, um zu studiren, und dazu der Wohlthätigkeit bedurft hätte, die er nicht beanspruchen wollte (immer großartig!) Hören wir nun seine eigenen Worte: „Unter den verschiedenen Besitzungen, die seit meinem Concurse verkauft worden sind, befindet sich auch ein Grundstück in meiner Vaterstadt, Neidenburg in Ostpreußen, bestehend aus mehreren Wohnhäusern, Speichern, Scheunen, gegen fünfhundert Morgen Land, dem früheren jüdischen Kirchhofe und einem jetzt nicht mehr benützten Gebäude, welches im vorigen Jahrhunderte und bis zur Hälfte des gegenwärtigen als Synagoge verwendet worden ist. Diesen Besitz habe ich von der Tochter des älteren Bruders meines Vaters gekauft, um ihn als Asyl für arme Verwandte zu verwenden. In diesem Hause ist mein Vater, mein Großvater und mein Urgroßvater geboren. Bor dem Jahre 1812 hatten bekanntlich die Juden nicht das Bürgerrecht in Ostpreußen; meine Familie gehörte zu den wenigen, die unter dem Namen Schutzjuden dieses Recht besaßen, und ich weiß, daß bis dahin im Kreise Neidenburg nur diejenigen Glaubensgenosten meiner Vorfahren leben durften, die in ihrem Dienste oder sonst Angehörige waren. Meine Vorfahren waren in christlichen Schulen erzogen, ihre Freunde waren die Beamten und Besitzer in der Stadt und Umgegend; ihre Gewohnheiten, ihr Bildungsgrad und ihre Anschauungen waren daher schon seit Generationen andere, als die ihrer damaligen Glaubensgenosten, die unter weniger günstigen Verhältnissen gelebt hatten.Wenn reich gewordene Juden sich in unangenehmer Weise hervorthun, so geschieht dies zum großen Theil aus falsch verstandener Familienliebe und Ehrgeiz. Familienliebe ist eine der hervorragendsten Triebe der Race, und Ehrgeiz, eine das Emporstreben begleitende Eigenschaft, glüht nur desto brennender in der Brust des emporgekommenen Juden, als trotz aller entgegenstrebenden Symptome überhaupt ein jeder Jude die Unterdrückung und Erniedrigung seiner Race tief empfindet. Wenn Biele, vielleicht die Meisten, dadurch niedergebeugt, demoralisirt und entwürdigt worden sind, so haben Alle dafür gelitten. — Die religiösen (Zeremonien der Juden sind voll von inbrünstigen Gebeten um Befreiung, und selbst der Verkommenste unter ihnen denkt, so lange er von seiner Religion noch etwas weiß, zähneknirschend an seine Erniedrigung, obwohl er schon darin moralisch untergegangen sein mag. — Die Emancipation allein ist nicht genügend; der Jude als Race wird erst dann seine wachre Größe zeigen und der Gesellschaft wahrhaft nützlich werden, wenn Haß und Verachtung gegen das Geschlecht aufgehört haben. Gesetze, die es der Race unmöglich machen, materiell zu prosperiren, können nicht gemacht werden. Die Fähigkeit, sich auf allen Gebieten emporzuschwingen, ist den Kindern Jsrael's nicht abzusprechen; durch gemeine Beschimpfungen, wie diese in jüngerer Zeit wieder Mode geworden sind, kann man den leider bestehenden Haß gegen Juden wohl potenziren; während damit aber ihr Emporkommen nicht verhindert werden kann, laust man Gefahr, dadurch die schädlichen Einstüste, welche das moderne Judenthum zweifellos ausübl, chronisch zu machen. Vorurtheilsfreie Behandlung, Nichtbeachtung von Racenverschiedenheiten werden allein dahin führen, daß der Jude, allmälig zum Christenthum übergehend und mit Christen vermischt, seine Traditionen vergißt und mit den Einwohneen des Landes eins wird. Jahrtausende der Bedrückung haben nicht vermocht, das Zudenthum zu bekehren, Jahrzehnte schonungsvoller Gleichberechtigung werden genügen, wenigstens in Deutschland, dem Judenthum wesentlich ein Ende zu machen, nicht durch Bekehrung, sondern, was hier leider sehr pravalirt, durch Mangel an Glauben .... Aehnliche Ansichten habe ich schon als Kind von meinem Vater gehört .... auch hegte er die feste Ueberzeugung, daß der den Juden der Ver-

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