Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1876)
- Date
- 1876-09-19
- Page
- Seite 611 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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611 für den Neumondstag, wenn er auf einen Wochentag, und die andere, wenn er auf einen Sabbalh fällt, zu Mufsaf bestimmt sind. Sie schließen sich in ihrem Verlaufe ganz der Muffas- Thephillah für Ken Sabbath an, nur daß sie in der Zwischenbenediction die Einsetzung des Neumondstages „Zur Versöhnung" (msab) hervorheben, die Opfervorschriften für den Tag citiren und die Bitte hinzufügen, daß der Mond zum Segen, zur Freude, zur Tröstung, zu gutem Nahrungsstande, zum Frieden und zur Vergebung der Sünden erneuet werde. — Allen diesen dreizehn Thephilloth mit ihren resp. 19, 7 und 9 Benedictionen ist später ein Allen gemeinsames kurzes Schlußgebet (-ns: tisn) hinzugefügt worden, das als ein Mustergebet gelten kann. In gedrängter Weise wird um Lauterkeit in allen unsren Reden, Ruhe den Feinden gegenüber, Bescheidenheit gegen Alle, Anhänglichkeit an Lehre und Gesetz, Schutz vor Gegnern, deren Anschläge vereitelt werden mögen, und Erhörung bei Got gebetet, und statt der Benediction mit dem Spruche geschlossen: „Der Frieden schafft in Seinen Höhen, Er bringe Frieden über uns und ganz Israel. Amen." Dies ist das eine Fundamentalgebet des jüdischen Gebetcultus, sehen wir nun zu, was diesem von Grund aus angefchloffen worden. _ Literarischer Wochenbericht. Ems, 0. Sept. „Sammlung gleich- und ähnlichlautender Wörter in Musteraufsätzen sür den Schulgebrauch von M. Dreifuß, Lehrer in Winnweiler, Neustadt a/d. Haarb, Goltschick- Wittersche Buchhandlung." Wenn auch das rubricirte Werk in keinem eigentlichen Verhältniste zum Iudenthum steht, so verdient es doch, da der Verfasser ein jüdischer Lehrer ist, eine kurze Besprechung in dieser Zeitung. Schon rer altbayerische Wiesmayer, welcher eine deutsche Sprachlehre herausge'geben, hatte in einem Anhänge zu derselben die Homonymen in der deutschen Sprache durch einzelne Sätze sür die Schuljugend zu unterscheiden versucht; allein — abgesehen davon, daß jene anfangs unsers Jahrhunderts erschienene Grammatik im Buchhandel gar nicht mehr zu haben ist — zeichnet sich die Sammlung vom Herrn Dreifuß dadurch aus, daß dieselbe weit reichhaltiger als die Wiesmayer'sche ist, und daß die betreffenden Sätze meist klassischen deutschen Schriftstellern entliehen sind. Wir können darum dieses Werk nicht nur jüdischen, sondern allen Volksschullehrern bei ihrem orthographischen Unterrichte bestens empfehlen. H. Deutschland. Berlin, im Sept. Der Minister des Innern hat dem israelitischen Prediger, Herrn Seligmann-Meyer, Redacteur der „Jüdischen Preffe", die statistischen Erhebungen der Synagogengemeinden in Preußen, zum Zweck der Herausgabe einer Statistik der Juden in Preußen, derart zur Verfügung gestellt, daß derselbe im Dienstgebäude des Ministeriums Einsicht der bezüglichen Actenstücke nehmen darf. (Wenn dies Werk in gründlicher Weise gearbeitet wird, kann es nur eine fühlbare Lücke aussüllen.) —. Seil Monaten war man damit beschäftigt, die schadhaft gewordenenen Thürme der neuen Synagoge in der Oranienburger straße auszubeffern. Diese Arbeiten sind, wie die „Tribüne" erfährt, jetzt an der Hauptkuppel und an dem der Krausnickstraße zunächst gelegenen Thurme beendet. Die Nothwendigkeit einer Reparatur nach 10-jähriger Beendigung des Baues hat allerdings zu manchen Bedenken gegen die Solidität des letzteren Anlaß gegeben, doch soll die Schuld nur Zufällen beigemeffen werden, welche vorher nicht in Anschlag zu bringen waren. Im Innern des Gebäudes ist keine Reparatur vorgenommen worden. —. Am 2. September feierte der Rabbiner l)r. Jsaac Hildesheimer seine 25-jährige Rabbinerwürde. Berlin, 7. Sept. (Privatmitth.) In diesen Tagen erschienen die bereits mehrfach angekündigten Memoiren des l>r. Strousberg, von ihm selbst versaßt. Was er im ersten Capitel über seine Herkunft sagt, und die Ansichten, die er dabei ausspricht, machen es nothwendig, sie in diesem Blatte etwas zu beleuchten. Der Mann, ein in seinen Jünglingsjahren getaufter Jude, der aus rem Nichts plötzlich zu einem riesigen Speculanten cmporstieg, schwindelhafte Unternehmungen mit demselben Arhemzuge von Antwerpen bis Bukarest und Moskau aneinanderreihete, zu einem ungeheuren Vermögen gelangt zu sein schien, ebenso plötzlich aber alles wieder über sich zusammenbrechen sah, und aus einem fürstlichen Pallaste aus die Anklagebank des Moskauer Gerichtshofes und in die Zellen russischer Gefängnisse versetzt ward — dieser Mann schreibt, noch bevor das richterliche Urtheil gefällt ist, seine Memoiren und ubergiebt sie der Oeffentlichkeit. Zu welchem Zwecke? wird man fragen. Die Antwort ist leicht zu finden: sich selbst zu glorificiren, sich auf das hohe Pferd der Ehrenhaftigkeit zu setzen, sein Streben und Wirken herauszustreichen, und wo dies nicht gut angeht, den Mißerfolg Anderen zuzuwälzen. Wir brauchen nicht hervorzuheben, daß der Geschäftsmann Strousberg auch in seiner Glanzperiode die Welt nicht zu täuschen vermochte; nur Wenige glaubten an ihn und unter diesen hauptsächlich solche, welche Bortheile von ihm zogen. Selbst Viele aber, die sich durch ihn bereicherten, glaubten dennoch nicht