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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-09-19 · Heft 38 (19.9.1876) · p. Seite 610

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 38 (19.9.1876)
Date
1876-09-19
Page
Seite 610 (sequence 4)
Language
German
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610 von allen übrigen Thephillolh für Sabbath und Festtage, nicht aus 7, sondern auS 9 Benedictionen besteht, indem sie zwischen die drei Anfangs- und drei Schlußbenedictionen nicht eine, sondern 3 Benedictionen einschaltet. Nachdem die Thephillah ganz wie die für Schacharith geordnet ist, dann das Musiasgebet ■CNEn ■’:s73T mit den Vorschriften über die Opfer des Tages vorangegangen, schließt sich unmittelbar hieran das bekannte, sonst als Schlußgebet jeder Gebetszeit gebrauchte naab vor dessen Endsatz eine Reihe von Bibelversen, welche die Anerkennung der göttlichen Wellregierung zum Inhalt haben, eingeschoben ist; darauf die Benediciion wie in der Morgen - Thephillah. Dieses Alenu bespricht zuerst, daß es die Mission Israels sei, Gott als Weltschcpfer und Weltregierer anzubeten; dann die Hoffnung, daß der Götzendienst von der Erde verschwinden und die Anbetung des Allmächtigen bei allen Menschensöhnen Platz greifen würde: „Es werten einsehen und erkennen alle Bewohner der Well, daß dir allein jedes Knie sich beugen, jede Zunge dir zuschwören müsse/' Die ganze Benediction feiert also die göttliche Weltregierung. Die zweite preist Gott als Weltenrichter, der alles Thuns jedes Menschen gedenkt, vor dem nichts verborgen und verhüllt ist, vor welchem also alle Vergangenheiten offenbar liegen, und der hiernach die Schicksale der Völker und der Individuen bestimmt. In diesem Gerichte laßt er aber Gnade und Barmherzigkeit vorwalten, und gedenkt vorzugsweise des Guten, das der Mensch früher vollsührt hat; so insonders für Israel, des religiösen Bundes mit den Vorvätern und der opferwilligen Darbringung Isaac's durch Abraham. Um solches gnadenvolles Gedenken und Gericht bittet das Gebetstück. Die dritte Benediction endlich befaßt sich mit dem Schofar, dessen Blasen das bezeichnende Symbol des Tages ist. Es wird eine Anzahl Schriftstellen citirt, in welchen das Blasen des Schofars vorkommt, zunächst wie es bei der Offenbarung aus Sinai ertönte, dann zur Vorschrift an diesem Feste wurde und endlich wie es bei den Propheten zum Zeichen der Freiheit und der Wiederherstellung gebraucht wird. An diesen letzteren Gedanken schließe sich die Benediction an, indem sie bittet, das große Schofar zur Befreiung Israels und zur Herstellung des Heiligthums ertönen zu lassen und so gnädig auf das Blasen des Schofars zu hören. Die Anbetung Gottes als Weltregierers durch alle Menschen, das göttliche Gericht in Barmherzigkeit und Gott als Befreier aus aller Knechtschaft, dies bildet den Gedankeninhalt dieser wahrhaft erhebenden und die Geister ergreifenden Benedictionen, welche noch dazu den eigenthümlichen, allerdings eine etwas spatere Zeit verrathenden Zug haben, vorzugsweise aus Schriftstellen zusammengesetzt zu sein. Nirgends begegnen wir so ausgesprochen die Vereinigung der göttlichen Vorausbestimmung mit der Willensfreiheit und der aus dieser fließenden Verantwortlichkeit des Menschen, welche dem Judenthume einwohnt. Es ist die Prädestination (Borausbestimmung), welche aus der Präscienz (dem Vorauswissen) fließt, also dem Menschen innerhalb der göttlichen Fügung die Freiheit des Willens vollständig läßt, so daß die vorausbestimmten Ereignisse als Folgen 'eines Thuns erscheinen. — Die Thephillah für den Versöhnungstag schließt sich gänzlich an die für das Neujahrsfest an, nur baß in der eingelegten Benediction die Bitte um Vergebung aller Sünden mit Zugrundelegung einiger diese aussprechenden Schriftstellen enthalten ist. Das Eigene dieser Thephilla ist aber, daß nach der letzten Benediction ein umfassendes Sündenbekenntniß angesügt wird. Dieses letztere besteht zuerst in dem kleineren (id^wrr), dann in dem größern («wn br). Hinsichtlich der Form sind die beiden Sündenbekenntnisse alphabetisch geordnet, so daß in dem kleinern die Worte, welche die Sünde aussprechen einmal, in dem anderen zweimal das Alphabet enthalten. Inhaltlich werden alle Sünden ausgesprochen, die der Mensch in seinem Innern und in Wort und That, gegen Gott, seine Nebenmenschen und sich selbst begeht. Allein durch jene Form ist es bedingt, daß die Reihensolge durchaus keinen gedanklichen Faden bietet und Wiederholungen nicht zu vermeiden waren. Dem größeren Sündenbekenntniß ist noch eine Auszählung der Sünden br) hinzugefügt, für welche in der Schrift die Darbringung von Opfern oder bestimmte Strafen vorgeschrieben sind, sowie einige Betrachtungen über die Schwäche der menschlichen Natur und die Verheißung der göttlichen Barmherzigkeit. Wir haben hier nur noch zu bemerken, daß auch in diesen Schuldbekenntnissen die Tendenz hervortritt, daß jeder Israelit diese Gebete nicht blos als Individuum, sondern vorzugsweise als Glied der Gesammtheit ausspricht. Das Bekenntniß der Sünde geschieht deshalb in der ersten Person Pluralis, und es werden Sünden aufgezählt, von welchen sich der Einzelne völlig frei wissen wird, an Lenen es aber in der großen Gesammtheit Israelis wie der menschlichen Gesellschaft nicht fehlt. Was Liesen Sündenbekennlnissen an Einkleidung und Schwung gebricht. Las ersetzen sie durch die Einfachheit und Schärfe, die das Gemüth unmittelbar trifft und ergreift. — Die Muffaf-Thephillah ist dieser völlig gleich, nur daß id-'rrvn ■'ssm nebst den Opfervorschriften des Tages eingelegt ist. Endlich die Ne'llah-Thephillah giebt zwar das kleinere, läßt jedoch das größere Sündenbekenntniß aus, und bringt dafür zwei vorzügliche Gebetabsätze, in deren erstem der Gedanke ausgesprochen ist, daß Gott dem reuigen Sünder gnädig entgegenkomme, La die sittliche Kraft des Menschen eine beschränkte ist, im zweiten, Laß Gott an der Umkehr des Sünders Wohlgefallen habe, indem er ein Gott der Vergebung und der Versöhnung ist. Besonders betont aber wird, daß der Versöhnungsrag eingesetzt sei, damit wir von jedem Unrecht ablassen, und zu einem gotiesfürchtigen sittlichen Lebenswandel zurückkehren. Nicht also dieser Tag an sich, sondern seine Wirkung auf unser Inneres und unser weiteres Thun besitzt die versöhnende Kraft. Es ist dies eine Mahnung am Schluffe des Tages, die nachhallen soll in der Folge der Tage. — Außer diesen elf Thephillolh giebt es noch zwei, deren eine

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